Verhandlung am Amtsgericht

Schienbein gebrochen: Fußballer verklagt Torwart in B-Liga Frankenberg

Symbolbild Foul Fußball
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Foulspiele im Fußball werden mit Ermahnungen, gelben oder roten Karten geahndet. Jetzt ist ein Foul aus einem Spiel der Frankenberger Fußball-Kreisliga B vor Gericht gelandet.

Frankenberg - Im Fußballspiel der Frankenberger Kreisliga B zwischen Geismar/Ellershausen II und Gemünden II am 3. Oktober 2019 hatte sich Geismars Stürmer Kevin Klinge nach einem Zusammenprall mit Gemündens Torwart Dennis Müller das Schienbein gebrochen. Oder war es ein Foul des Torwarts, möglicherweise sogar mit Absicht?

Klinge sieht das so und hat Müller auf Schmerzensgeld verklagt. Beide trafen sich nun vor dem Amtsgericht in Frankenberg wieder. Ein Urteil ist aber auch nach viereinhalb Stunden und acht Zeugen noch nicht gefallen.

Die Spielszene

3. Oktober 2019. Es läuft die 61. Spielminute in dem B-Liga-Spiel auf dem Sportplatz in Geismar. Der Gemündener Erik Kirchhainer spielt im Mittelfeld einen Fehlpass, Geismar kontert, spielt den Ball lang nach vorne in den 16er der Gemündener. Torwart Dennis Müller eilt aus seinem Kasten, Geismars Angreifer Kevin Klinge läuft ebenfalls zum Ball. Müller ist zuerst am Ball, wirft sich auf den Ball und hält ihn am Boden mit den Händen fest. So weit sind sich alle einig, die zu dem Fall aussagen. Danach gehen die Schilderungen aber in den Details auseinander.

Das sagt der Torwart

Torwart Dennis Müller (33) sagt, er habe sich auf den Ball geworfen und sei auf dem feuchten Rasen noch etwas gerutscht, dabei sei es zum Zusammenprall mit Klinge gekommen. Das bestätigen im Prinzip auch die sechs Zeugen von Gemündener Seite – Mitspieler und Zuschauer. Sie beschreiben eine Szene, wie sie in jedem Fußballspiel vorkommt. „Es war nie meine Absicht, ihn zu verletzen“, sagt Müller.

Das sagt der Stürmer

Für Kevin Klinge (26) stellt sich das anders dar: „Ich war schon im Auslaufen, weil ich keine Chance gesehen habe, den Ball zu erreichen. Dennis Müller ist aber danach noch so in mich reingesprungen, dass er mir das Schienbein gebrochen hat.“ Klinge sagt, Müller sei mit gestrecktem Bein in den Zweikampf gegangen und habe die Füße nach oben bewegt. Klinges Schienbein brach zwischen Schienbeinschoner und Knie.

Rot vom Schiedsrichter

Der Schiedsrichter hatte den Gemündener Torwart damals mit Rot vom Platz gestellt – wohl auch unter dem Eindruck der schweren Verletzung des Gegners, wie Müllers Mitspieler vermuten. „Für mich sah es so aus, dass sich der Torwart auf den Ball schmeißt und mit den Beinen voran in den Gegner rutscht“, sagte der heute 17-jährige Schiedsrichter vor Gericht. Der Elfmeter führte in dem Spiel zum 2:2-Ausgleich, am Ende gewann Geismar 3:2.

Das Fußball-Sportgericht hatte den Torwart damals wegen der Roten Karte für neun Spiele gesperrt, die Sperre wurde später auf sechs Spiele reduziert. Gegenspieler Klinge hat seitdem kein Spiel mehr bestritten, war vier Monate lang arbeitsunfähig. Er hat noch eine Platte und Schrauben im Bein, bald steht wieder eine OP an.

Der Schiedsrichter (Symbolbild) hatte dem Torwart nach der Szene die Rote Karte gezeigt.

Vor dem Amtsgericht sagte noch ein zweiter Schiedsrichter aus. Er pfiff an dem Tag das folgende Spiel der beiden ersten Mannschaften und stand am Spielfeldrand, als Müller und Klinge aufeinandertrafen. „Das war ein unglücklicher Zusammenprall, aber aus meiner Sicht keine Absicht, den Gegner zu verletzten. Für mich war das noch nicht mal ein Foul“, sagt der Schiedsrichter. „Dem Torwart ist aus meiner Sicht kein Vorwurf zu machen.“

Offene Fragen

In der viereinhalbstündigen Vernehmung geht es um Details: Wo waren Müllers Füße in der Szene? Wie hat er sich gedreht, nachdem er den Ball am Boden festgehalten hat? Von wo ist Klinge auf ihn zu gelaufen? Mit welchem Körperteil – Beine oder Füße – hat Müller ihn getroffen?

Die Beteiligten und Zeugen werden gebeten, die Szene auf dem Fußboden des Gerichtssaals nachzustellen. Doch 21 Monate nach dem Spiel lassen sich nicht mehr alle Fragen klären, weil sich nicht mehr alle genau erinnern. „Es ging alles so schnell. Wir waren beide in vollem Tempo“, sagt Müller.

Hat sich der Torwart entschuldigt?

Hat sich Dennis Müller nach der Spielszene bei Kevin Klinge entschuldigt? Auch das wird für Richterin Petra Kaschel eine Rolle spielen, sollte es zu einer Verurteilung des Torwartes kommen.

„Ich habe nichts gehört“, sagt Klinge, nachdem Müller berichtet hat, dass er ihm noch auf dem Feld gute Besserung gewünscht und gesagt habe, dass es ihm leid tue. Auch die anderen Zeugen sagen, dass Müller sich unmittelbar bei Klinge entschuldigt habe.

Müllers Verteidiger Behrendt zitiert aus Nachrichten der beiden Spieler nach dem Spiel auf Whatsapp, in denen sich Müller ebenfalls entschuldigt hat. „Eine Entschuldigung ist für mich persönlich, nicht über Whatsapp“, entgegnet Klinge, um dann auf den Einwand des Verteidigers zugeben zu müssen, dass sich Müller in der Sportgerichtsverhandlung einige Tage nach dem Spiel bei ihm entschuldigt hatte.

So geht es jetzt weiter

Amtsanwalt Röder als Vertreter der Staatsanwaltschaft sagt nach allen Aussagen, dass sich der Vorwurf der vorsätzlichen gefährlichen Körperverletzung nicht aufrechterhalten lasse, allenfalls eine fahrlässige Körperverletzung. Richterin Kaschel schlägt vor, das Verfahren unter Auflagen einzustellen, zum Beispiel mit einer Zahlung des Angeklagten an eine gemeinnützige Einrichtung. Darauf lassen sich aber beide Seiten nicht ein.

„Die Schwere der Verletzung ist kein Indikator, ob es ein Foul war oder nicht. Wir haben von mehreren Zeugen gehört, dass es ein unglücklicher Zusammenprall war“, sagt Müllers Verteidiger.

Die Verhandlung soll in zwei Wochen mit weiteren Zeugen fortgesetzt werden, dann auch mit zwei Mitspielern von Kevin Klinge.

Adhäsionsverfahren

Der Prozess wird als Adhäsionsverfahren geführt. In einem Adhäsionsverfahren können zivilrechtliche Ansprüche, die aus einer Straftat erwachsen, statt in einem eigenen zivilgerichtlichen Verfahren unmittelbar im Strafprozess geltend gemacht werden, sofern der Streitgegenstand noch nicht anderweitig gerichtlich behandelt worden ist. Es geht dabei zum Beispiel um Schmerzensgeld oder Schadenersatz.

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