Menschen hatten Traum vom "goldenen Amerika"

Schiffsliste von Frankenberger Auswanderern von 1853 entdeckt

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Heinrich Ochse erhielt aus Amerika eine Passagierliste mit Auswanderern von 1853, darunter auch eine mögliche Vorfahrin aus Römershausen. 

Am 20. September 1853 lief das von Bremerhaven kommende Drei-Mast-Segelschiff „Joseph Holmes“ in New York ein, dem Traumziel aller von Hunger und Not gequälten Deutschen in jener Zeit. An Bord waren 44 Auswanderer aus der Region Frankenberg

In den USA erhalten geblieben ist eine Passagierliste mit allen Namen, von der jetzt der Frankenberger Heinrich Ochse eine Kopie geschenkt bekam. Einzige Auswanderin in der Emigrantengruppe, die mit ihrem Heimatdorf angegeben wurde, war Anna Catharina Ochse aus Römershausen. Eine Vorfahrin aus seiner Familie?

„Der Familiengeschichte nachzugehen, ist unheimlich spannend. Dazu bietet das Internet fast unbegrenzte Möglichkeiten, und in Corona-Wochen haben wir ja jetzt unbegrenzte Zeit dazu“, sagt Ulrike Ortwein, Mitglied des Frankenberger Geschichtsvereins. Sie war auf der Suche nach ihren Vorfahren aus der Lohgerberfamilie Ortwein, als ihre in den USA lebende Tochter Kerstin prompt online eine Immigranten-Liste entdeckte. Darunter: der Frankenberger Lohgerber („tanner“) Philipp Ortwein, der mit drei Kindern ebenfalls dieses Schiff am 20. September 1853 bestiegen hat.

Werbung für Schiffspassagen: Es gab in Frankenberg mehrere Agenturen wie diese von Israel Katten, in denen Auswanderer ihre Reise nach Amerika buchen konnten.

Da Ulrike Ortwein wusste, dass Heinrich Ochse großes Interesse an seinen Römershäuser Vorfahren hat, kopierte sie auch ihm das Dokument. Seine Sucharbeit steckt noch in den Startschuhen. Wer war diese Anna Catharina Ochse, die möglicherweise einem schon 1852 ausgewanderten Konrad Ochse nachfolgte? Auch ein Christian Ochse hatte schon 1847 Römershausen verlassen, ein Balthasar Ochse machte sich 1862 auf den Weg in die neue Welt. Insgesamt, so zeigt allein die hessische Auswanderer-Datenbank HESAUS, verließen Mitte des 19. Jahrhunderts im Großbereich der Bunstruth mindestens 28 Namensträger „Ochse“ ihre Heimat. Heinrich Ochse wird es bei seiner Nachsuche in Kirchenbüchern und Archiven nicht ganz leicht haben…

Aber interessant ist schon jetzt: Was zwang viele hundert junge, arbeitsfähige Menschen im Frankenberger Land in den Jahren um 1850, die gefährliche Schiffsreise auf engen Unterdecks von Segelschonern, später Dampfschiffen nach Amerika oder Australien anzutreten? Verschuldung, Hungersnöte, Erbteilung, Armut und Unfreiheit nährten den Traum vom „goldenen Amerika“. Das Dorf Haubern beispielsweise verlor von 1854 an fast zehn Prozent der Bevölkerung, darunter auch fünf Namensträger Ochse. Von Bottendorf wandten sich im 19. Jahrhundert etwa 240 Bürger in ihrer Existenznot nach Amerika und Australien.

Holzpritschen, Enge und schlechte Luft: So waren die Auswanderer auf den Zwischendecks der Segelschiffe um 1853 auf dem Weg von Bremen nach New York untergebracht. Die Aufenthaltszeiten an Deck waren täglich geregelt und auf wenige Minuten begrenzt.

Auch über den Dreimaster „Joseph Holmes“, das Schiff mit „billethead“ (Schnecken-Gallione) und „square stern“ (flachem Heck), geben alte Schiffslisten Auskunft. Es hatte zwei Decks, war erst zwei Jahre alt, in Kingston/Massachusetts gebaut, auf den Namen eines berühmten Schiffbauers getauft und in Boston registriert worden. Das Kommando für die Überfahrt der Frankenberger 1853 führte Kapitän W.A. Adams. Sein Nachfolger Charles Crosby wurde ein paar Jahre später auf der „Joseph Holmes“ beim Entladen einer Kanone tödlich verletzt.

Die Namen der Auswanderer

Und dies sind die Namen der Frankenberger Auswanderer, die mit der „Joseph Holmes“ am 20. September in New York ankamen. Der Hafenbeamte hat offensichtlich nach Gehör geschrieben, die Namen müssten trotz erster Korrektur mit deutschen Auswandererlisten verglichen werden. Insgesamt waren auf dem Schiff 229 Passagiere.

Es reisten ein Carl Trost (Bauer), August Bonacker (Metzger), Philipp Ortwein (Gerber) mit seinen Kindern Auguste, Catharina und Heinrich, Catharina Anna Beyer, Catharina Maria Beyer, George Cantus und Johann D. Hesse (beides Schneider), Friedericke Hesse, Heinrich Röse (Bauer), August Immel, Louise Immel, Andreas Beyer, Conrad Giebelhaus, Georg Giebelhaus und Werner Beyer (drei Weber), Hermann Schleicher (Metzger), Reinhard Finger (Schneider), Caspar Balz (Gerber) und seine Tochter Elise Balz. Aus Löhlbach wanderte der Bäcker Andreas Dehnert mit Schwester Leontine und seiner kompletten Familie ein: mit Ehefrau Maria sowie den Kinder Catharina (17), Elisabeth (15), Heinrich (12), Auguste (19), Helene (7), Friedrich (6), Conrad (4). Ferner Anna Löwer, Elisabeth Löwer, Sebastian Schenk (Ziegelmacher), Julius Neuschäfer und August Sachs (beide Schuhmacher), Conrad Rindelaub (Weber), Catharina Maul, Lusanna Krebs, Maria Giebelhaus, Philipp Giebelhaus (Bäcker) sowie jene Anna Catharina Ochse aus Römershausen. 

immigrantships.net

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