Haltungsverbot und Geldstrafe

Statt Arzt zu rufen: Landwirt versorgt Bruch von Kalb mit Binde und dünnem Stock - Tier eingeschläfert

Kalb eingeschläfert
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Statt einen Tierarzt zu rufen, versorgte der Landwirt das Tier selbst. (Symbolfoto)

Nachdem sich ein Kalb einen offenen Bruch zuzieht, versorgt ein Landwirt die Verletzungen mit einer Mulbinde und einem dünnen Stock. Einen Arzt ruft er mehrere Tage nicht.

Frankenberg - Ein Landwirt aus dem Frankenberger Land, der ein verletztes Kälbchen nicht angemessen versorgt hat, ist vom Amtsgericht Frankenberg jetzt wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz zu einer Geldstrafe von 4000 Euro verurteilt worden. Zudem darf der 49-Jährige in den nächsten drei Jahren keine Rinder mehr halten.

Der Landwirt war angeklagt, ein Kälbchen, das auf seinem Hof im Dezember 2019 einen offenen Bruch des Mittelbeinknochens am linken Hinterbein erlitten hatte, über mehrere Tage leiden zu lassen. Anstatt einen Tierarzt zu rufen, hatte er eine Mullbinde und einen dünnen Stock um das Bein gewickelt und die Schmerzen des Tieres – so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft – dadurch noch verschlimmert. Auch Schmerzmittel wurden nicht verabreicht. Das Tier musste eingeschläfert werden.

Mehr als zehn Zeugen vernommen

„In den drei Verhandlungstagen hat sich der Sachverhalt bestätigt“, sagte Richterin Petra Kaschel, die insgesamt mehr als zehn Zeugen vernommen sowie mehrere Sachverständige zu dem Fall gehört hatte. Die Beweisaufnahme habe ergeben, dass der Angeklagte mindestens drei Tage Kenntnis von der Verletzung des Tieres gehabt habe, aber erst dann einen Tierarzt verständigte, als das Veterinäramt bereits auf dem Hof war. „Schmerzen sind bei Mensch und Tier gleich“, sagte die Richterin. Das betroffene Kälbchen habe zusätzlich leiden müssen, weil es keinen trockenen und sauberen Untergrund gehabt habe.

Alle Zeugen hatten ausgesagt, dass der Allgemeinzustand des Kälbchens schlecht war. „Ich nehme ihnen ab, dass sie keine böse Absicht hatten und das Tier nicht quälen wollten“, sagte die Richterin. Der Angeklagte habe es aber billigend in Kauf genommen. „Sie haben nicht die nötige Einsicht, dass sie für das Wohl der Tiere sorgen müssen“, konstatierte sie.

Richterin: Extreme Beratungsresistenz

Zulasten des Angeklagten wertete sie auch seine „extreme Beratungsresistenz“. „Sie hatten bereits 2017 bis 2019 schon mal ein Rinderhaltungsverbot“, erinnerte sie. Anstatt danach die zweite Chance zu nutzen und den Stall „piccobello“ zu halten, seien zwei Monate später erneut Mängel am Stall und beim Silage-Futter festgestellt worden. „Sie haben nichts daraus gelernt“, hielt sie dem Landwirt vor.

Auch die Staatsanwältin warf dem Angeklagten „völlig fehlende Einsichtsfähigkeit“ in sein Fehlverhalten vor. Seine Grundeinstellung sei: „Alle anderen sind schuld.“

Der Angeklagte hatte behauptet, dass er noch am selben Tag, als er die Verletzung bemerkt habe, die Tierärztin angerufen habe. Dies sah das Gericht aber durch die Zeugenaussagen als widerlegt an. Der Verteidiger hatte Freispruch gefordert, da er keinen Vorsatz beim Angeklagten sehe.  

Vier tote Kälbchen in der Truhe

Am dritten Tag der Hauptverhandlung im Prozess um ein totes Kälbchen kamen noch weitere Einzelheiten über die Zustände auf dem Hof des Angeklagten zutage. So hatte der Landwirt nach Aussage einer Tierärztin vom Landesbetrieb Hessisches Landeslabor vier tote Kälbchen „übereinander gestapelt“ in einer Gefriertruhe gelagert – zusammen mit anderen Tieren wie Suppenhühnern und weiteren Lebensmitteln.

Anhand der Befunde sei davon auszugehen, dass die Kälbchen nicht korrekt mit Milch gefüttert worden seien, sagte die Sachverständige. Bei den toten Tieren hätten zum Teil die Gliedmaßen und bei einem Kalb der komplette Magen-Darm-Trakt gefehlt, was ihrer Ansicht nach auf postmortalen Tierfraß hindeuten könnte.

Die am 8. Februar 2021 erfolgte Obduktion der Körper habe unter anderem ergeben, dass drei Tiere an einer Darmentzündung gelitten hatten und zwei Tiere in einem schlechten Ernährungszustand gewesen seien. „Ich kann natürlich nichts zu den klinischen Symptomen sagen, aber der schlechte Ernährungszustand hätte dem Halter auffallen müssen“, sagte die Sachverständige.

Zwei weitere Kälbchen nicht auffindbar

Als Zeugin angehört wurde auch eine Amtstierärztin, die erst am vergangenen Freitag eine Kontrolle auf dem Betrieb des Angeklagten vorgenommen hatte. Dabei ging es um den ungeklärten Verbleib zweier Kälbchen, die nicht auffindbar waren. Hierzu hatte der Angeklagte mitgeteilt, dass er diese gemeinsam mit einem Bekannten geschlachtet und verarbeitet habe. Die Tierärztin äußerte sich jedoch vor Gericht skeptisch zu dieser Aussage.

Nach der Urteilsverkündung zeigte Richterin Petra Kaschel dem Angeklagten ein privates Video auf ihrem Handy, auf dem übermütig tollende Kälbchen zu sehen waren. „Damit Sie mal sehen, wie es Kälbchen normalerweise geht“, sagte sie. Solche Bilder könne er von seinem Hof auch zeigen, erwiderte der Angeklagte. (Susanne Battefeld)

Nach den Unwetter-Katastrophen in Deutschland hatten Landwirte aus dem Frankenberger Land den Flutopfern über 300 Heu-Ballen gespendet.

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