Die „Spanische Grippe“ von 1918/19 im Frankenberger Land: Das Sterben wurde erlitten und hingenommen

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Die Frankenberger Rotkreuzkolonne: An der Wellblechbaracke auf der Wehrweide, die sie als Depot benutzte, entstand dieses Foto. Die Helfer verfügten 1918 bereits über einen „Sauerstoffapparat“, hatten aber nur relativ wenige Transporte mit „Lungenkranken“ zu verzeichnen - die meisten Grippeinfizierten starben in ihren Häusern.  

„Im November 1918 läuteten jeden Tag die Totenglocken, oft mehrere Male am Tage“, schreibt Pfarrer Heinrich Francks in der Bottendorfer Pfarrchronik zur damaligen Grippe-Pandemie.

„Ich habe mehr Beerdigungen in Bottendorf allein gehabt wie sonst im Kirchspiel das ganze Jahr.“

Er berichtet von Familien, die von der Spanischen Grippe besonders heimgesucht wurden: In der Familie Schmidt am Rotlehm starb zunächst ein Mädchen, ihr folgten im Tod der Vater und eine weitere Tochter nach, die beide in einem Grabbeerdigt wurden. In der Familie von Adam Geitz im Eichsfeld tötete die Seuche die Eltern, ein Kind und die Großmutter. Die übrigen Kinder siedelten zur anderen Großmutter über, das Haus wurde verkauft.

Angesichts solch schwerer demografischer Einschnitte in den Dörfern und Städten auch in unserer Region verwundert es eigentlich, dass die „Spanische Grippe“ als verheerendste Grippewelle der Moderne mit ihren weltweit etwa50 Millionen Toten aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft verdrängt worden ist.

Dazu der Medizinhistoriker Harald Salfellner (Prag): „Der Mensch neigt immer zum Vergessen. Aber hier spielte der Zeitpunkt der Epidemie eine besondere Rolle: Der Erste Weltkrieg war zu Ende, die Menschen hatten so viel Leid erfahren und wollten das alles schnell hinter sich lassen. Hinzu kommt ein völlig anderer Umgang mit dem Tod, als wir ihn heute in unseren Gesellschaften kennen: Das Sterben, auch das Massensterben, war viel gegenwärtiger. Es wurde erlitten und hingenommen.“

Es gab in den Zeitungen kaum Berichte über die Spanische Grippe, höchstens kleine Notizen im Blattinneren, zu beobachten auch am Frankenberger Kreisblatt. Die Militärzensur der kriegführenden Nationen arbeitete mit Eifer daran, jede vernünftige Aufklärung der Bevölkerung über den Verlauf und das Ausmaß der Seuche zu verhindern.

Auch die politischen Umstände hinderten 1918/19 die Ausbreitung der Seuche kaum: das Zuendegehen eines als Urkatastrophe erlebten Weltkrieges, der Zusammenbruch des Kaiserreichs, der revolutionäre Umsturz mit schwacher Regierung. Eine nennenswerte Regierungsgewalt gab es nicht mehr, die sich als Bändiger der Katastrophe hätte betätigen können.

Die Menschen mussten sehen, wie sie allein klarkamen. DerHistoriker Eckhard Michels kommt zu dem Schluss, dass den deutschen Behörden einfach der Wille fehlte, die Pandemie zu bekämpfen. Es mangelte außerdem an geeigneten Ressourcen wie Notlazaretten, Ambulanzwagen und zusätzlichem Pflegepersonal.

Die Rotkreuz-Kolonne in Frankenberg hob in ihrem Jahresbericht 1918 immerhin schon die „Hilfeleistung mittelst eines Sauerstoffapparates“ hervor.

Es gab wohl einen Diskurs über Seuchen, die traditionell im Zusammenhang mit Krieg auftraten, wie Ruhr oder Typhus. Aber die Grippe hatte keiner auf dem Plan. Anders als bei dem aktuellen Virus Covid-19, das schnell isoliert werden konnte, hielt man die Spanische Grippe für eine bakteriologische Krankheit – erst Jahrzehnte später wurden ihre Erreger als Viren entschlüsselt.

VON KARL-HERMANN VÖLKER

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