Theater-AG der Edertalschule feierte mit moderner „Alice“ Premierenerfolg

Hohe Priester des Kapitals: Manager feiern im Konsumwunderland ihre „Erlösung durch Profit“ beim Tanz ums goldene Schwein. Mit grotesken Figuren und absurden Bildern hat die Theater-AG der Edertalschule einen englischen Kinderbuchklassiker in die Gegenwart gerückt. Foto: Völker

Frankenberg. Der „süße Duft von Geld und Profit“ liegt in der Luft, die goldglitzernde Welt von Konsum, skrupelloser Macht und Markenklamotten - das ist die neue Utopie vom alten Märchenwunderland, in das im 19. Jahrhundert der englische Schriftsteller Lewis Carroll in zwei Kinderbuchklassikern seine liebenswerte „Alice“ schickte.

Die Theater-AG der Frankenberger Edertalschule hat die Geschichte weiter gesponnen, in einer eigenen Bühnenproduktion aus Alice eine Teenagerin von heute gemacht, die als Spielball von Marktmechanismen und kapitalistischen Schreckgespenstern durch einen gefährlich verführerischen Weltkaufladen taumelt. Am Wochenende feierte das 44-köpfige Schülerensemble in der Frankenberger Kulturhalle mit „Alice“ eine berauschende Premiere, es gab minutenlangen, stehenden Beifall.

„Lewis Carroll wäre stolz auf euch gewesen“, meinte Studiendirektor Uwe Neumann, als er nach dem Schlussbild dem großen Team von Darstellern, Technikern, Unterstützern, darunter viele Ehemalige, und Spielleiter Thorsten Jech dankte. Er nannte das von den Schülern von der ersten Textzeile bis zur letzten Bühnen-Schraube geplante und verwirklichte Theaterprojekt „eine großartige Leistung“.

Wie ein roter Faden ziehen sich zwar noch Carrolls Figuren durch das Stück, aber aus dem „Märzhase“ ist nun ein „Commerzhase“ geworden, „Grinsekatze“ und „Känguru“ kommentieren episch das Geschehen - und das alles auf dem Tableau einer Einkaufs-Mall. Gerade dieser Bühnenbau mit seinen vielen Farben, Lichtwirkungen und Öffnungen, in denen Figuren überraschend auftauchen und verschwinden, bewirkt eine faszinierende dramaturgische Wirkung.

Die Liste der Regieeinfälle und guten Spielideen ist unerschöpflich: Werbeslogans mit bitterem Sarkasmus, pfiffige Parodien auf alte Money-Money-Schlager, eine Art großer Choral mit Fagottbegleitung, gesungen von den „hohen Priestern des Kapitals“, der hingebungsvolle Tanz ums goldene Schwein, Manager in Goldklamotten, Polizisten, die in Reimen sprechen, Pizzabäcker, deren Familienehre zerbröselt, und eine alternative, kapitalismuskritische Jugendszene, der allenfalls noch die Emigration bleibt.

Schon in Carrolls Wunderland starrte ein weißes Kaninchen permanent auf die Uhr. Die modernen Figuren der Theater-AG können mit ihren Smart-Watches sogar kommunizieren. In ihrer Inszenierung dominiert das Groteske, das absurd Überzeichnete, das besonders bunt schillernde Klischee. Doch dann sind es wieder die eindringlichen Einzelfiguren, in denen sich die ganz individuelle Auseinandersetzung der jungen Schauspieler mit einer von Konsum und Kommerz bedrohten existenziellen Abhängigkeit spiegelt.

Dabei wird manchmal, obwohl das Stück vor den jüngsten politischen Weltereignissen geschrieben wurde, erschreckend viel aktuelle Realität sichtbar.

Welche Darsteller mitgewirkt haben und wann die nächsten Aufführungen sind, lesen Sie in der gedruckten Montagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

Von Karl-Hermann Völker

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