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„Kann meine Ware nicht verkaufen“: Landwirt bleibt auf über 40 Tonnen Getreide sitzen

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Von: Susanna Battefeld

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Landwirt Jan-Niklas Paul aus Hessen hat mehr als 40 Tonnen Bio-Dinkel geerntet und findet jetzt keinen Käufer für das Getreide.

Birkenbringhausen – Eigentlich könnte sich Jan-Niklas Paul freuen: Seine Dinkelernte ist in diesem Jahr viel besser ausgefallen, als er erwartet hatte. Aber statt des erhofften Profits hat der Nebenerwerbslandwirt aus Birkenbringhausen (Waldeck-Frankenberg), der 2019 einen Hof in Münchhausen gepachtet hat, jetzt ein Problem: Er wird die EU-Bioware nicht los und muss stattdessen teure Lagerkosten für die 40 Tonnen Bio-Dinkel zahlen.

„Ich habe beim Landhandel angefragt, aber die geben mir aktuell keinen Preis raus“, berichtet der 31-Jährige. Im vergangenen Jahr seien noch 500 Euro pro Tonne bezahlt worden.

Kreis Waldeck-Frankenberg: Landwirt versteht die Welt nicht mehr

Dinkel sei noch genügend vorhanden, sei ihm mitgeteilt worden. „Es gibt Berechnungen, dass die Vorräte sogar noch bis April 2024 reichen würden“, habe man ihm mitgeteilt sagt Paul, der „die Welt nicht mehr versteht“: „In den Medien wird überall von Getreideknappheit gesprochen und ich werde meines nicht los.“ Konventioneller Weizen werde hingegen genommen.

Landwirt Jan-Niklas Paul aus Birkenbringhausen, hier mit Sohn Fritz, bleibt auf 40 Tonnen EU-Bio-Dinkel sitzen, weil er keine Abnehmer findet.
Landwirt Jan-Niklas Paul aus Birkenbringhausen, hier mit Sohn Fritz, bleibt auf 40 Tonnen EU-Bio-Dinkel sitzen, weil er keine Abnehmer findet. © Anja Paul

„Ich habe Geld ausgegeben und mir Mühe gegeben und jetzt kann ich meine Ware nicht verkaufen“, klagt er. Er habe Getreide im Wert von 12 000 Euro herumliegen, das nichts einbringe. „Eigentlich müsste ich 40 Euro pro Doppelzentner kriegen, jetzt wäre ich schon froh, wenn mir jemand 35 Euro zahlt“, sagt er. Er vermutet, dass der Handel „die Hände“ auf den Preisen halte, weil niemand wisse, wie es sich weiterentwickelt. Die „riesengroße Frage“ sei jetzt, wohin es mit dem Biomarkt gehe. Er habe schon von mehreren Kollegen gehört, die ihren Biobetrieb aufgeben wollten.

Kreis Waldeck-Frankenberg: 40 Tonnen Bio-Dinkel nur noch auf dem freien Markt verkaufbar

Vor dem Hintergrund von Inflation und steigenden Energiekosten befürchtet Jan-Niklas Paul, dass die meisten Menschen, wenn es finanziell eng wird, als erstes beim Essen sparen. „Alle anderen Kosten sind ja fix“, sagt der ausgebildete Betriebsargarwirt, der 60 Hektar Ackerland und Grünland besitzt.

Er habe während der Ausbildung natürlich auch gelernt, wie man seine Waren vermarktet, nämlich ein Drittel vor, ein Drittel während und ein Drittel nach der Ernte. Beim Bio-Dinkel habe er im vergangenen Jahr lediglich über eine Lkw-Ladung eine vorherige Absatzvereinbarung geschlossen. Die noch in Münchhausen lagernden 40 Tonnen kann der Birken-bringhäuser deshalb nur noch auf dem freien Markt verkaufen.

Selbst im Nebenerwerb könne er die Landwirtschaft nicht nur „aus Spaß an der Freude machen“, sondern es müsse sich auch lohnen, betont der Servicetechniker. Aber einfach aufzugeben, komme für ihn auch nicht in Frage: „Landwirt ist man schließlich nicht, weil man es machen muss, sondern weil es eine Lebenseinstellung ist“, stellt er klar.

Landwirt aus Kreis Waldeck-Frankenberg: „Es gibt nur einen sehr begrenzten Markt“

„Es gibt nur einen sehr begrenzten Markt für Bio-Dinkel, weil man ihn fast nur zum Brotbacken oder für Nudeln nehmen kann“, sagt Matthias Eckel vom Kreisbauernverband Frankenberg.

Als Viehfutter scheide Dinkel aus, da man zur Verwertung immer erst den aufwendigen Zwischenschritt der Entspelzung machen müsse. Hinzu komme, dass die Vorratsspeicher noch voll seien, weil dort noch 30 Prozent der alten Ernte lagerten. Dinkel werde von den Landwirten gerne angebaut, da er trockenheitsresistent sei. Bei Jan-Niklas Paul sei das Problem, dass er keinen Vorvertrag abgeschlossen habe und sich deshalb jetzt auf dem freien Markt befinde. Bio-Dinkel sei ohnehin ein schwer vermarktbares Getreide. Erschwerend komme die Inflation hinzu: „Der Markt schwächelt sowieso, die Leute sparen als erstes beim Essen“, sagt Eckel. Außerdem gebe es derzeit einen massiven Mangel an Lkw für den Getreidetransport. Schiffe könnten wegen Niedrigwasser nicht viel laden. (Susanna Battefeld)

Überangebot an Dinkel am Markt

„Derzeit sind die Vermarktungsmöglichkeiten für (Bio-)Dinkel sehr schwierig. Wo lange Zeit ein Unterangebot herrschte, ist nun ein Überangebot vorhanden“, erklärt Alexandra Eder vom Landhandel Raiffeisen Waldeck-Marsberg, auf Anfrage. Dinkel unterliege dem klassischen „Schweinezyklus“, also einer periodischen Schwankung von Angebotsmenge und Marktpreis. In den letzten Jahren seien durch ein geringes Dinkelangebot hohe Preise am Markt bezahlt und dringend Ware gesucht worden. „Die hohen Preise führten zu einem vermehrten Anbau des Dinkels, so entstehen das jetzt vorhandene Überangebot und die sinkenden Preise“, erläutert sie. „Die Handlungsempfehlung für den Dinkelanbau ist – zumindest in der Theorie – ein antizyklisches Arbeiten, das heißt, dann Dinkel anzubauen, wenn es keiner macht und andersrum. In der Praxis ist das nicht so einfach, weil viele Faktoren diesen Zyklus beeinflussen. Generell ist aber jedem Landwirt zu raten, nur mit einem vorherigen Kontrakt Dinkel anzubauen.“

Dinkel sei eine Kultur, die häufig im Vertragsanbau für die Speisewarenindustrie angebaut wird. „Das heißt, im Vorfeld zur Aussaat wird mit einem Verarbeiter oder einem Händler ein Preis über eine bestimmte Menge Dinkel vereinbart. Für die Landwirte bedeutet das eine gesicherte Abnahme der Ware und auch einen festen Preis.“ In der aktuellen Marktlage hätten Landwirte, ohne einen Erzeugerkontrakt, kaum Chancen, die Ware zu verkaufen. „Bei anderen Kulturen wie beispielsweise Weizen oder Gerste (Hafer ausgenommen) bestehe die Möglichkeit, die Ware mit anderen Landwirten zu handeln oder an Genossenschaften beziehungsweise Landhandel als Futtergetreide zu veräußern“, teilt Alexandra Eder mit.

„Derzeit sind alle mir bekannten Abnehmer und Händler der Ware mit Dinkel gesättigt, weshalb sich die Lage voraussichtlich auch in den nächsten Monaten nicht entspannen wird, da zum Teil auch noch Ware aus dem Erntejahr 2021 auf dem Markt ist“, erklärt Alexandra Eder.

Ein anderer Landwirt aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg suchte bei der RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“ seine Traumfrau.

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