Eine warme Milchsuppe zur Begrüßung

Vor 75 Jahren Ankunft der Heimatvertriebenen aus Perbál/Ungarn im Kreis Frankenberg

Erinnerung an das Leben in Ungarn: Diese Fotos, in Perbál aufgenommen vor der Vertreibung 1946, zeigen in Feiertagstracht von links Barbara Kaiser geb. Emmer und Josef Kaiser (1945 gefallen), Anna Kreis geb. Emmer und Josef Kreis, Josef Wiest und Maria geb. Baumgartner mit ihren Kindern Katharina (später Walter), Josef (gefallen) und Maria (später Zink). In der neuen Heimat am Burgwald blieben sie noch eine Weile ihrer alten Tracht treu.
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Erinnerung an das Leben in Ungarn: Diese Fotos, in Perbál aufgenommen vor der Vertreibung 1946, zeigen in Feiertagstracht von links Barbara Kaiser geb. Emmer und Josef Kaiser (1945 gefallen), Anna Kreis geb. Emmer und Josef Kreis, Josef Wiest und Maria geb. Baumgartner mit ihren Kindern Katharina (später Walter), Josef (gefallen) und Maria (später Zink). In der neuen Heimat am Burgwald blieben sie noch eine Weile ihrer alten Tracht treu.

Als sie ankamen, stand vom Ernsthäuser Bahnhof nur noch eine Ruine. Ein Jahr zuvor war kurz vor Kriegsende das Gelände rundum bei einem Angriff auf einen Munitionszug verwüstet worden. Kein besonders einladendes Bild, das sich am frühen Sonntagmorgen des 14. April 1946 den ungarndeutschen Heimatvertriebenen aus Perbál bot, als ihr Zug einrollte.

Frankenberger Land – Laut Transportliste befanden sich in den 34 Waggons 1047 Personen, davon 458 Männer, 589 Frauen und 392 Kinder, die nach einer zehn Tage langen Reise voller Abschiedsschmerz und Ungewissheit den Kreis Frankenberg in Nordhessen erreichten – hier sollte nach der erzwungenen, so genannten „Ausweisung“ durch die ungarische Regierung in die amerikanische Besatzungszone ihre neue Heimat sein.

Fünf Waggons wurden in Ernsthausen abgekuppelt. Später hielt der Transportzug noch einmal in Birkenbringhausen, ließ dort drei Wagen zurück, dann ging über Frankenberg die Fahrt weiter nach Allendorf/Eder, wo schließlich die Ankömmlinge auf die Ortschaften Oberasphe, Frohnhausen, Berghofen, Eifa, Laisa und Bromskirchen verteilt wurden.

Zeitzeuge Lorenz Payer

An den Bahnstationen warteten bereits Bauern mit ihren Gespannen, Rotkreuzhelfer und Bürgermeister auf die Ankömmlinge mit ihren jeweils 50 kg erlaubten Habseligkeiten. Sie mussten nun einheimischen Haushalten, manchmal zusätzlich zu dort bereits früher einquartierten Ausgebombten und Flüchtlingen, zugeteilt werden.

„Als wir in Ernsthausen angekommen waren, gab es am Bahnhof vom Roten Kreuz erstmal eine warme Milchsuppe“, erzählt Lorenz Payer, einer der wenigen heute noch lebenden Zeitzeugen. Dann wurden die Ankömmlinge auf einheimische Familien in Roda, Wiesenfeld und Ernsthausen verteilt. „Uns nahm die Familie von Johannes Hirth (Edeka) auf, unsere Eltern und wir drei Kinder bewohnten dort zweieinhalb Jahre gemeinsam ein großes Zimmer.“ Katharina Hirth versorgte die Ankömmlinge mit einem Mittagessen.

Lorenz Payer gehört zu den 1946 vertriebenen Migranten, die ein ganz typisches Schicksal in dieser Zeit von Armut, Hunger, Zwangswirtschaft, Sesshaft-Werden und schließlich Mitwirkung am Aufbau einer florierenden Wirtschaft und jungen Demokratie durchlebten: Nach Wohnraumnot erstes Häuschen in der Ernsthäuser Siedlung mit viel Eigenleistung (Payer: „Es hat 13 900 D-Mark gekostet!), Lehre als Schuhmacher, Übernahme einer Schuhmacherei, Verkauf über Land mit dem VW-Bus, 1961 dann Neubau an der Marburger Straße mit großem, eigenem Schuhgeschäft.

Gemeinsam pflegte Lorenz Payer mit seiner Frau Maria, die 2016 verstarb, in der neuen Heimat das von Ungarn mitgebrachte Kulturgut: Lorenz durch Musik ab 1949 in den Kapellen „Klinger“, „Edelweiß“ oder „Fidelen Donauschwaben“, Maria mit der „Perbáler Folkloregruppe Burgwald“.

Schon vor dem Ungarnaufstand 1956 nahmen sie wieder erste Kontakte mit ihrem Kindheitsort Perbál auf - für sie beklemmende Bilder. Sie starteten Hilfsaktionen, bauten, auch mit Hilfe familiärer Verbindungen und der Gruppe deutschstämmiger Mitbürger aus Perbál, gemeinsam mit anderen Heimatvertriebenen ein festes Freundschaftsband auf, das seit dem 26. Juli 1997 zu einer Partnerschaft zwischen den Gemeinden Burgwald und Perbál führte.

Freundschaftlich verbunden: Mit dieser Urkunde besiegelten 1997 in Perbál (von links) Lorenz Payer, die Bürgermeister Adam Daume und Dr. Zoltan Dudás mit Ungvári Zoltánné als Vertreterin der deutschen Minderheit die Partnerschaft zwischen Perbál und Burgwald.

Seitdem haben auf gemeindlicher Ebene mit allen Generationen viele Begegnungen und Feste stattgefunden, es gibt viele fest verwurzelte private Freundschaften. Lorenz Payer, der bis 2010 an der Spitze der Partnerschaftsvereinigung stand, wurde mit der Ehrenmedaille der Gemeinde Burgwald ausgezeichnet.

Seitdem führt Altbürgermeister Adam Daume dieses Werk der Freundschaft und Versöhnung fort – er ist Ehrenbürger von Perbál.

Mehr als 9000 Vertriebene kamen 1946 im Kreis Frankenberg an

Einen Tag nach Ankunft der Ungarndeutschen aus Perbál erreichten mit Zug-Nummer 4563 am 15. April 1946 1194 Menschen aus Brüx im Sudetengau die Bahnhöfe Frankenberg und Gemünden als Endstationen ihrer Vertreibung. Das Rote Kreuz in Wiesau/Oberpfalz hatte ihnen nach einem warmen Mittagessen als letzte „Marschverpflegung“ pro Person noch einmal 1000 g Brot, 250 g Wurst, 40 g Fett und 14 g Kaffee mitgegeben.

Der neu aufgebaute DRK-Kreisverband Frankenberg mit Paul Backhaus als Dienststellenleiter und Mitarbeiter Wilhelm Lange war ab 1945 von Landrat Gschwind damit beauftragt worden, „Vorkehrungen für eine eventuelle Verpflegung der Flüchtlinge bis zur Unterbringung an den künftigen Wohnungen zu treffen“. Sie wurden Tage, manchmal noch Stunden vorher von den anrollenden Transporten unterrichtet und bereiteten den Empfang vor.

Der erste Transport mit 592 heimatvertriebenen Sudetendeutschen aus Teplitz-Schönau im Sudetenland war bereits am 8. Februar 1946 im Kreis Frankenberg eingetroffen. Von da ab rollte fast monatlich ein Eisenbahnzug mit jeweils mehr als 1000 Heimatvertriebenen an.

Nachbarschaftshilfe: Alle fassten mit an, als ab 1949 in der Ernsthäuser „Siedlung“ die ungarndeutschen Heimatvertriebenen aus Perbál ihre ersten, bescheidenen Häuschen bauten.

Für die vom Krieg geschwächte Kreisbevölkerung und die erst provisorisch wieder aufgebauten Verwaltungen war dieses Flüchtlingsproblem eine gewaltige Herausforderung. Nicht überall verlief die Begrüßung freundlich. Vielfach per Zwangszuweisung, manchmal sogar mit Polizeibegleitung, wurden die ankommenden Flüchtlinge und Vertriebenen bei den Einheimischen einquartiert. Familien, die früher bereits aus den Städten Evakuierte aufgenommen hatten, mussten noch enger zusammenrücken.

Es folgten weitere Ankünfte von Heimatvertriebenen: 6. März 1946 aus Hohenelbe im Sudetenland (1207 Personen), am 14. April aus Perbál, am 15. April Sudetendeutsche aus Brüx (1194), am 12./13. Mai aus Troppau (1200), am 17. Mai 1946 aus Mies (1200). Am 13. Juni 1946 kam ein Zug mit rund 1200 Vertriebenen aus Dombowar (Ungarn) an, weitere Transporte aus dem Sudetenland folgten am 21. Juli (Bärn) und am 15. September 1946 (Graslitz).

Im Jahr 1950 stellten Vertriebene mehr als 12 Prozent der Bevölkerung im Landkreis, in der Stadt Frankenberg mit rund 8900 Einwohnern sogar 20 Prozent.

Der Hessenplan

Um die Aufgabe der umfassenden Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen leisten zu können, erfolgte in Hessen der Aufbau einer Flüchtlingsverwaltung. Das hessische Flüchtlingsgesetz von 1947 sollte ein „organisches Aufgehen in der Bevölkerung“ sicherstellen.

Daraus entwickelte sich im Jahr 1951 der erste „Hessenplan“, der einen Ausgleich zwischen Einheimischen und Flüchtlingen herstellen sollte: Umsiedlung von rund 100 000 Menschen aus Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit in Gemeinden mit günstigerer Arbeitsmarktlage, Schaffung von 25 000 neuen Arbeitsplätzen für Vertriebene in den strukturschwachen ländlichen Räumen und Errichtung von 3000 landwirtschaftlichen Siedlerstellen.

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