Menschen schwenkten Berliner Fähnchen

Vor 60 Jahren: Willy Brandt auf Wahlkampftour im Frankenberger Land

Wertvolle Zeitdokumente: Heinz-Wilhelm Kessler, der am 21. Juni sein 75. Lebensjahr vollendet, besaß 1961 nach seiner Konfirmation gerade seine erste Kamera. Seine Negative und Bilder vom Besuch des Regierenden Bürgermeisters bewahrt er heute noch auf und sagt: „Willy Brandt war für mich ein Idol.“
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Wertvolle Zeitdokumente: Heinz-Wilhelm Kessler, der am 21. Juni sein 75. Lebensjahr vollendet, besaß 1961 nach seiner Konfirmation gerade seine erste Kamera. Seine Negative und Bilder vom Besuch des Regierenden Bürgermeisters bewahrt er heute noch auf und sagt: „Willy Brandt war für mich ein Idol.“

Bevor der prominente Gast eintraf, wurden Fähnchen mit Berliner Bären verteilt. Viele Menschen hatten sich am 15. Juni 1961 auf dem Klostergelände in Haina versammelt und warteten auf Willy Brandt, den Regierenden Bürgermeister aus Berlin und SPD-Kanzlerkandidaten für die bevorstehenden Bundestagswahlen.

Haina/Kloster – Dass sich dieser Wahlkampf wenige Wochen später, am 13. August 1961, in der Zweiten Berlin-Krise durch den Bau einer Mauer dramatisch zuspitzen würde, ahnte noch niemand. Auf seinen Stationen durch den Altkreis Frankenberg jubelten Brandt die Bürger zu, eine 2000-köpfige Menge noch einmal abends am Frankenberger Rathaus.

„Wir empfanden wohl die Gefahr, die der Stadt Berlin durch den Kalten Krieg drohte“, erinnert sich in Haina Zeitzeuge Heinz-Wilhelm Kessler, damals 14 Jahre alt. Eine Woche zuvor hatte der sowjetische Präsident Nikita Chruschtschow in Wien gegenüber dem US-Präsidenten John F. Kennedy noch einmal gedroht, die Verkehrswege nach Berlin zu schließen, falls es nicht zu einem Friedensvertrag mit der DDR und ihrer vollen Souveränität komme.

Willy Brandt in Haina: Bürgermeister Gottfried Hartmann (rechts) begrüßte den Berliner Bürgermeister. Im Hintergrund der Frankenberger Stadtverordnetenvorsteher Wilhelm Preckel (SPD).

Willy Brandt warnte bei seinen Reden im Frankenberger Land vor einem „Tauziehen um Berlin“ mit der drohenden Loslösung der Stadt von der Bundesrepublik „und somit der Freiheit“. Damit dürfe sich die Bevölkerung „um des lieben Friedens willen nicht abfinden, denn wenn in Berlin das Licht der Freiheit erlischt, dann wird es auch in der übrigen Bundesrepublik dunkel.“

Von den Geschenken zu seiner Konfirmation hatte sich Heinz-Wilhelm Kessler ein paar Wochen zuvor seine erste Kamera, eine „Penti“ gekauft, mit der man auf einem Kleinbildnegativ zwei Halbformate unterbringen konnte. Als nun der Regierende Berliner Bürgermeister in einem offenen Cabrio mit Begleitfahrzeugen vor die wartenden Menschen in Haina rollte, begleitet von dem SPD-Bundestagsabgeordneten Harri Bading, machte Kessler eine ganze Serie von Aufnahmen: wie Bürgermeister Gottfried Hartmann und Landesrat Herbert Leimbach vom Landeswohlfahrtsverband ihn mit einem Blumenstrauß willkommen heißen, wie Brandt schließlich selbst zum Mikrofon greift. Nach einem Gang durch die Klosterkirche, geführt von Pfarrer Dr. Alfred Trübestein, wird noch eine „Berlin-Eiche“ gepflanzt.

Zeitzeuge Heinz-Wilhelm Kessler im Jahr 1961

Die angekündigte „Informationsfahrt“ des Berliner Bürgermeisters am 15. Juni 1961 führte von Gemünden aus über Grüsen, Sehlen, Haina, Löhlbach, Frankenau und Geismar nach Frankenberg. Auf dem Hof der neuen Schule in Gemünden empfing Rektor und Kreistagsvorsitzender Wilhelm Salewski den Gast, neben ihm Bürgermeister Christoph Gilbert, SPD-Bundestagsabgeordneter Harri Bading, SPD-Landtagsabgeordneter Ludwig Platte, Mandatsträger und SPD-Vorstandsmitglieder.

In Frankenau hieß ihn Bürgermeister Johannes Ritter willkommen, und nach kurzem Aufenthalt in Geismar traf Willy Brandt am Abend in Frankenberg ein, wo ihn Bürgermeister Wilhelm Falkenstein (CDU) und Landrat Heinrich Kohl (FDP) in der Menschenmenge erwarteten. Der MGV Liedertafel sang zur Begrüßung „Freiheit, die ich meine“.

Mit dem Cabrio durch die Bunstruth: Winkende Menschen am Straßenrand – alle konnten den SPD-Kanzlerkandidaten Brandt im Juni 1961 auf seiner Wahlkampftour schon von weitem kommen sehen.

Willy Brandt äußerte sich erfreut über die enge Verbundenheit der Bevölkerung mit der geteilten Stadt Berlin, die er den ganzen Tag im Kreis Frankenberg „in starken Eindrücken“ gespürt habe, „so dass es ihm um die Zukunft nicht bange zu sein brauche“, wie Rudolf Brehme in den Hessischen Nachrichten, später HNA, berichtete.

Der Regierende Bürgermeister appellierte an den Widerstand des ganzen deutschen Volkes, bat alle, noch enger zusammenzurücken, „um uns über die trennenden Kleinigkeiten hinwegsetzen zu können, die uns von der Zukunftslinie der Nation ablenken“. Er vertraue auch auf die Hilfe seiner westlichen Freunde.

Rudolf „Rudi“ Brehme (1924-1995), früherer Redakteur der Hessischen Nachrichten in Frankenberg, später HNA, berichtete 1961 über den Willy-Brandt-Besuch.

Der Schock: Mauerbau vor 60 Jahren

In der Nacht zum Sonntag, dem 13. August 1961, erteilte SED-Chef Walter Ulbricht den Befehl zur Abriegelung der Sektorengrenze. Sie wurde zuerst mit Stacheldraht, dann mit einer von Soldaten bewachten, stetig wachsenden Mauer vor den Augen der fassungslosen Ost- und West-Berliner geschlossen.

Sowjetische Truppen bildeten rund um Berlin eine dritte Sicherungsstaffel. Bürgermeister Willy Brandt verurteilte vor dem Schöneberger Rathaus in seiner denkwürdigen Rede diese Abriegelung Berlins als „empörendes Unrecht“. „Die Betonpfeiler, der Stacheldraht, die Todesstreifen, die Wachtürme und die Maschinenpistolen, das sind die Kennzeichen eines Konzentrationslagers. Es wird keinen Bestand haben.“ Die Mauer teilte dennoch die Stadt 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage.

Während Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) nach dem Mauerbau seinen Wahlkampf 1961 zunächst scheinbar unbeeindruckt fortsetzte, brach Willy Brandt seine Wahlkampftour sofort ab und suchte Hilfe bei US-Präsident John F. Kennedy.

Die Bundestagswahlen am 17. September 1961 brachten der SPD einen Zuwachs von 4,4 auf 36,2 Prozent, die CDU verlor mit 45,3 Prozent ihre absolute Mehrheit, und es kam zu einer Neuauflage einer Koalition mit der FDP.

Nach Jahren als Außenminister eröffnete Willy Brandt 1969 als Bundeskanzler eine neue Ostpolitik der Entspannung, für die er 1971 den Friedensnobelpreis erhielt.

Film in Kamera war verboten

Das Leben im geteilten Deutschland mit den streng überwachten Transit-Wegen durch die DDR nach Berlin war im Jahr 1961 schon sehr merkwürdig.

Heinz-Wilhelm Kessler in Haina/Kloster bewahrt noch den „Kamera-Pass Nr. 013166“ für seine in der DDR gefertigte, kleine Kamera auf. Danach wurde sie „unter Kontrolle des Interzonengrenzdienstes“ in Westdeutschland eingeführt und unterlag im „Interzonenverkehr keiner zollamtlichen Beschränkung“.

Aber: Bei Fahrten nach Berlin musste sie an allen DDR-Grenzübergangsstellen angegeben werden. „Es durfte dann kein Film in der Kamera sein, damit sie bei Kontrollen geöffnet und die Fabriknummer festgestellt werden konnte“, musste Kessler damals im Kaufpass lesen.

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