Autor Asserate über die „neue Völkerwanderung“

Vortrag in Frankenberg über Afrika: Warum Tomatendosen Fluchtursache sind

Über die Situation in Afrika und warum es Hilfe braucht sprach Klaus Brill (links), Mitorganisator des Literaturfestivals, mit Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate. Der Großneffe des ehemaligen äthiopischen Kaisers Haile Selassie hat dazu ein Buch verfasst.
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Über die Situation in Afrika und warum es Hilfe braucht sprach Klaus Brill (links), Mitorganisator des Literaturfestivals, mit Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate. Der Großneffe des ehemaligen äthiopischen Kaisers Haile Selassie hat dazu ein Buch verfasst.

„Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten“, sagt Autor Asfa-Wossen Asserate bei einem Vortrag in Frankenberg und warnt vor der neuen Völkerwanderung aus dem Kontinent mit der schnell wachsenden Bevölkerung.

Frankenberg – Auf den Märkten in Ghana stapeln sich Tomatendosen aus Italien. Sie sind so billig, dass heimische Kleinbauern ihre Früchte nicht mehr verkaufen können. Viele flüchten. Eine große Zahl von ihnen verdingt sich als „moderne Sklaven“ auf Tomatenfeldern in Italien, „erntet für einen Hungerlohn das rote Gold, das später in ihre Heimat exportiert wird und hält damit das System weiter am Laufen“.

Dies ist nur ein Beispiel von vielen, mit denen der gebürtige Äthiopier Dr. Asfa-Wossen Asserate, der seit über 50 Jahren in Deutschland lebt, die unfaire Handelspolitik der Europäer beschreibt. „Tonnenweise verschiffen die europäischen Lebensmittelkonzerne ihre subventionierten Güter nach Afrika und verdrängen damit die einheimischen Produkte von den Märkten“, schildert der Autor und Unternehmensberater beim Literatrischen Frühling den rund 150 Zuhörern in der Frankenberger Kulturhalle.

In seinem Vortrag, der auf seinem 2016 erschienen Buch „Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten“ basiert, und im Gespräch mit Klaus Brill, Mitorganisator des Literaturfestivals, wird deutlich, dass Europa ganz im Gegenteil zum aktuellen Handeln alles tun müsste, um die Lebensbedingungen der Menschen in Afrika zu verbessern.

Angesichts der enorm wachsenden Bevölkerung – die Zahl der Afrikaner wird sich bis 2050 auf 2,5 Milliarden verdoppelt haben, Afrika wird dann 25 Prozent der Weltbevölkerung stellen, Europa fünf Prozent – und der enormen negativen Auswirkungen des von den westlichen Staaten verursachten Klimawandels auf dem Kontinent, werden Millionen von Afrikanern aus reiner Existenznot nach Europa flüchten. Absperrungen könnten sie nicht daran hindern. „Sie haben nichts zu verlieren“, beschreibt Asserate die brisante Situation.

Doch wie soll Europa einem Kontinent auf die Beine helfen, auf dem nur eine Handvoll der 55 Länder demokratisch regiert wird, meist autoritäre Herrscher ihre eigene Bevölkerung ausbeuten und mit Entwicklungshilfegeldern ihre eigenen Taschen füllen, Landgüter an der Loire kaufen und ihre eigene Macht sichern?

Asserates Antwort: Keine Deals mehr mit Despoten, wie sie bisher abgeschlossen wurden, um Flüchtlinge fern- zuhalten, auf Bodenschätze zuzugreifen oder aus anderen wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden. Entwicklungshilfe sollte nur an Länder gezahlt werden, die sich an die von der Afrikanischen Union selbst formulierten Ziele der Agenda 2063 halten – das strategische Konzept zur sozio-ökonomischen Transformation des Afrikanischen Kontinents bis 2063.

Zur Gefahr, dass man den Kontinent dann der ausbeuterischen Politik Chinas, das sich an keine Menschenrechte halte, überlasse, sagt der Referent, die Afrikaner hätten das neokoloniale Verhalten der Chinesen erkannt. Er kritisierte, dass europäische Firmen – insbesondere deutsche Mittelständler – kein Interesse an Investitionen in Afrika hätten.

Am Ende des Vortrags gab es viel Applaus für den eloquenten Referenten, der die Zuhörer mit einer Einsicht in die Komplexität und Dringlichkeit des Problems entließ. Von Martina Biedenbach

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung, Ullstein, Berlin 2016, 220 Seiten, 20 Euro.

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