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Waldeck-Frankenberger Kinderärzte beteiligen sich am Mittwoch am Protesttag

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Von: Martina Biedenbach

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Protestaktion: Der Frankenberger Kinderarzt Dr. Jörg Hallmann (Mitte) beteiligt sich an der Aktion für den Erhalt von Haus-Facharzt Praxen und bekommt dafür Unterstützung von den Müttern Corinna Jung (links) mit Sohn Hannes und Sarah Thiele (rechts) mit Samuel sowie den medizinischen Fachangestellten (hinten von links) Finger und Schneider.
Protestaktion: Der Frankenberger Kinderarzt Dr. Jörg Hallmann (Mitte) beteiligt sich an der Aktion für den Erhalt von Haus-Facharzt Praxen und bekommt dafür Unterstützung von den Müttern Corinna Jung (links) mit Sohn Hannes und Sarah Thiele (rechts) mit Samuel sowie den medizinischen Fachangestellten (hinten von links) Finger und Schneider. © Martina Biedenbach

Fast alle Kinderärzte in Waldeck-Frankenberg protestieren am Mittwoch gegen schlechte Bedingungen, ein Teil von ihren schließt an dem Tag die Praxis.

Waldeck-Frankenberg – Überfüllte Praxen, lange Wartezeiten auf einen Facharzttermin, fehlendes medizinisches Fachpersonal und fehlende Nachfolger, wenn Ärzte in den Ruhestand gehen. „Wir sehen schwarz für die Zukunft Ihrer Versorgung“, wenden sich niedergelassene Haus- und Fachärzte an ihre Patienten. Mit einem Protesttag am Mittwoch, 30. November, wollen sie zu einem „Umdenken in der Gesundheitspolitik“ aufrufen – unter anderem mit Praxisschließungen.

„Dabei machen fast alle Kinderärzte im Landkreis Waldeck-Frankenberg mit“, informiert der Frankenberger Kinderarzt Dr. Jörg Hallmann. Andere Ärzte aus dem Landkreis haben sich bisher zu einem etwaigen Praxisstreik nicht gemeldet.

„Wenn ich an die Zukunft denke, graut es mir“, sagt der 59-jährige Hallmann, der seit 23 Jahre seine Kinderarztpraxis betreibt. Schon jetzt seien die Praxen an der Belastungsgrenze angelangt, erhielten immer mehr Anfragen. „Die Patienten kommen von immer weiter her“, sagt er, und fragt sich, wie es gehen soll, wenn noch mehr Kinderärzte aufhören und keinen Nachfolger finden. Eine Situation, die auch für Hausärzte oder andere niedergelassene Fachärzte wie etwas Urologen oder Psychiater gelte.

Die Hälfte aller Niedergelassen Ärzte gibt die nächsten zehn Jahre alterbedingt die Praxis auf

Der Verband der Haus- und Fachärzte schreibt in seinem Infoblatt für Patienten, dass in den kommenden zehn Jahren die Hälfte der niedergelassenen Ärzte in den Ruhestand gehen werde. Der Druck auf die anderen Praxen werde noch steigen. „Die bewährte ambulante medizinische Versorgung durch niedergelassene Haus- und Fachärzte ist massiv gefährdet“, heißt es in dem Schreiben.

Viele der Ärzte nähern sich dem Rentenalter, aber es gebe kaum noch junge Ärzte, die bereit seien, in die Selbstständigkeit zu gehen. „Einzelpraxen wie meine wird es wohl bald nicht mehr geben“, befürchtet Kinderarzt Hallmann. Und das sei zum Teil sogar politisch gewollt, wie man an der Förderung von Medizinischen Versorgungszentren sehe.

Die Konsequenzen schildert er so: Es werde kaum noch Haus- und Facharztpraxen vor Ort geben. Statt des vertrauten Arztes müssten Patienten sich in „anonyme Polikliniken oder privatwirtschaftlich geführte Versorgungszentren“ begeben, und würden dort von wechselnden Ärzten behandelt.

In Unterschriftenlisten können Patienten die Forderungen nach Erhalt der zeit- und wohnortnahen ambulanten ärztlichen Versorgung durch Haus- und Fachärzte unterstützen, sich gegen „anonyme Konzernmedizin und für freie Arztwahl“ aussprechen. Sie sind aufgefordert, sich an den Bundesgesundheitsminister, an Bundestagsabgeordnete und Krankenkassen zu wenden.

Dr. Hallmann und der Marburger Kinder- und Jugendarzt i. R. Dr. Stephan Heinrich Nolte machen noch auf ein anderes Phänomen aufmerksam. „Während durch die neue Gebührenordnung für Tierärzte die Preise für die Leistungen ab 22. November 2022 angehoben wurden, dümpelt die Gebührenordnung für Ärzte auf dem Stand von 1996“, schreibt Nolte.

Er nennt Beispiel für ein „Missverhältnis“: „ Bei Tieren kostet die Beratung im einfachen Satz 11,26 Euro, die ärztliche Beratung im einfachen Satz 4,66 Euro. Eine Impfung für Hund oder Katze kostet nach der neuen Gebührenordnung 11,50 Euro, statt bislang 5,77 Euro im einfachen Satz. (...) Bei Kindern kostet die vollständige Untersuchung (Gesamtkörperstatus) nach der Gebührenordnung für Ärzte von 1997 im einfachen Satz 15,15 Euro, im Regelsatz (2,3-facher Satz) 34,89 Euro. (...) Die Impfung eines Kindes kostet im einfachen Satz 4,66 Euro, im 2,3-fachen Satz 10,72 Euro.“ (Martina Biedenbach)

Kinderärzte streiken am Mittwoch

Fast alle Kinderärzte in Waldeck-Frankenberg nehmen am Protesttag am kommenden Mittwoch teil, sagt der Frankenberger Arzt Dr. Jörg Hallmann. Entweder sie schließen am 30. November ihre Praxis komplett, wie die Kinderärztinnen in Bad Arolsen, oder sie behandeln nur die Patienten, die schon lange vorher angemeldet waren, aber keine Akutfälle. Weil laut Vorschriften ein Kinderarzt für solche Patienten im Umkreis von 50 Kilometern erreichbar sein muss, wurde vereinbart, dass die Korbacher Ärztin Dr. Meike Bökemeier diese Akutfälle übernehme, sagt Hallmann.

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