Turnen kontra Sportbewegung

Warum vor 100 Jahren so viele neue Sportvereine im Frankenberger Land entstanden

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Turnfest des Gaus Hessen: Frankenberg war vor dem Ersten Weltkrieg eine Hochburg der Turner. Zum Gauturnfest 1913 kamen 85 Vereine mit mehr als 800 Turnern, hier bei sogenannten „Freiübungen“ auf der Bleiche. Aus dem in Konkurrenz zwei Jahre zuvor gegründeten „Sportverein Hessen 1911“ ging die erste Frankenberger Fußballmannschaft hervor. ArchivFoto: zve

Frankenberger Land. Warum wurden vor 100 Jahren so viele Sportvereine im Fankenberger Land gegründet. Damals bekamen die Turnvereine zunehmend Konkurrenz durch moderne Sportbewegungen, wie etwa Fußball. 

Frankenberger Land – Die Terminvorschau unserer Zeitung für 2020 machte es sichtbar: In diesem Jahr können mehrere Sportvereine des Frankenberger Landes ihr 100-jähriges Bestehen feiern und dabei auf ihre Gründung im zweiten Jahr der Weimarer Republik zurückschauen. Es sind dies die Vereine in Haubern, Geismar, Willersdorf, Battenfeld, Dodenhausen, Altenlotheim, Bunstruth und die Fußballabteilung Gemünden. Weitere Sportvereine wurden in den darauffolgenden 1920er-Jahren ins Lebens gerufen.

Wo liegen die Gründe für die neue Sportbegeisterung in der Bevölkerung und ihren Mut zur Vereinsgründung nach dem verlorenen Krieg? Wir gehen dieser Frage in dieser und den nächsten Folgen des „Blick zurück“ nach.

„Von Anfang bis Mitte der zwanziger Jahre schossen die Vereine wie Pilze aus dem Erdboden“, hat der Battenfelder Heimatforscher Reiner Gasse bei einer Untersuchung der Fußball-Bewegung jener Zeit festgestellt. Sein Beitrag „Wie König Fußball das Frankenberger Land eroberte“ im Frankenberger Heimatkalender 1989 gehört zu den wenigen bisher erschienenen Arbeiten zur Sportgeschichte, wenngleich er sich auch ganz auf die Sparte Fußball beschränkte. Ein Blick in die Sportchroniken unserer Städte und Dörfer zeigt, dass sich damals aus der traditionellen, patriotischen Turnerbewegung des 19. Jahrhunderts, wie beim TSV Hessen 1848 Frankenberg, eine Öffnung zum breit angelegten „Sport“, eben auch Rasensport, für jedermann vollzog.

Peter Schermer, Vorsitzender des Arbeitskreises Sport und Geschichte beim Landessportbund in Frankfurt, sieht in der großen Zahl von Vereinsneugründungen im Jahr 1920 vor allem eine Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen in den Jahren 1914 bis 1918. „Während dieser Zeit kamen das Vereinsleben und das Interesse an ‚Leibesübungen’ in Deutschland weitgehend zum Erliegen, weil die Menschen andere Sorgen hatten. Es gab einen erheblichen ‚Nachholbedarf’, zumal Turnen und Sport insgesamt einen großen Aufschwung erlebten“, berichtet Schermer.

In Frankenberg zeichnete sich der Konflikt zwischen vaterländischer Turntradition und der aus England überkommenen Sportbewegung mit dem Wettkampfgedanken schon vor dem ersten Weltkrieg ab, als neben dem Turnverein mit Hermann Hohmann der konkurrierende „Sportverein Hessen 1911“ mit Georg Kujus gegründet wurde. Erst unter dem Zwang der NS-Gleichschaltungspolitik zum „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ kam es 1937 zu einer Vereinigung beider im „Verein für Leibesübungen 1848“.

Im Jahr 1920 übrigens pachtete erstmals der Frankenberger Turnverein von der Stadt den Turn- und Sportplatz an der Eder und machte ihn spielfertig. Die vorhandenen Abteilungen für Turnerinnen und Turner wurden um eine Schwimm- und eine Schützenabteilung erweitert.

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