"Zu viele Geschenke sind schlecht"

Was soll man Kindern zu Weihnachten schenken? Das Einfache ist am besten

+
Geschenke bunt verpackt: In den Wochen vor Weihnachten stapeln sich in vielen Haushalten schon Geschenke, vor allem für Kinder. 

Viele Eltern und Verwandte fragen sich vor Weihnachten, was sie ihren Kindern schenken können. Uns erklärt ein Kinderarzt, wie sich Spielsachen auf die Entwicklung auswirken.

Jörg Hallmann (55 Jahre) ist niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Frankenberg. Er ist verheiratet und hat drei Töchter. Er hat in Gießen Medizin studiert und betreibt seine Praxis seit 1999.

Elektronische Medien für jedes Alter?

Herr Dr. Hallmann, ist etwas an der Annahme dran, dass viele Kinder schon alles haben?

Dr. Jörg Hallmann: Bei manchen Kindern sind die Zimmer vollgestopft, bei anderen haben die Eltern aus ökonomischen Gründen Mühe, etwas zu kaufen.

Haben Sie als Kinderarzt Einblick, was und wieviel die Kinder besitzen?

Hallmann: Ich bekomme zwar wenig mit, erlebe aber, dass elektronische Medien der Renner sind. Viele haben solche Dinge wie Tablets schon im Grundschulalter und sogar schon als Kindergartenkinder. Das halte ich für kontraproduktiv.

Mischen Sie sich ein, wenn Sie bei Ihren Patienten einen unangemessenen Umgang etwa mit elektronischen Medien mitbekommen?

Hallmann: Wenn ich merke, dass etwas falsch läuft, spreche ich das an und frage, was man anders machen kann, ohne jemandem Vorwürfe zu machen.

Zu viele Geschenke sind schlecht

Sie haben drei erwachsene Töchter. Wie viele Geschenke würden bei Ihnen unterm Weihnachtsbaum liegen, wenn sie noch Kinder wären?

Hallmann: Das ist eine Frage der ökonomischen Möglichkeiten. Zu viele Geschenke sind jedenfalls schlecht. Kinder, die mit zehn oder zwanzig Geschenken am Weihnachtsabend zugeballert werden, können gar nicht mit allen Sachen spielen.

Spielt auch der Bildungsstand der Familie eine Rolle dabei, was und wieviel geschenkt wird?

Hallmann: Das Wissen darüber, was gut ist, spielt schon eine Rolle. Manche Eltern versuchen, mit Geschenken fehlenden Kontakt zu ihren Kindern zu kaschieren. Zum Beispiel gibt es den Vater, der oft unterwegs ist und dann übermäßig schenkt.

Welchen Einfluss haben materielle Dinge auf die Entwicklung der Kinder?

Hallmann:Ein Überfluss daran kann schaden. Kinder lernen dann nicht, sich mit einer Sache zu beschäftigen. Auch ein frühes Schenken von Handy, Tablet, Spielkonsole und anderen elektronischen Geräten ist nicht gut. Stattdessen ist es wichtig, Motorik, Feinmotorik und die geistige Entwicklung zu fördern. Kinder sollen sich bewegen, bauen und etwas herstellen anstatt herumzusitzen und mit dem Tablet zu spielen. Baukästen sind da eine Alternative. Oder ein Instrument zu schenken, wäre sinnvoll. Denn Musizieren macht schlau. Ebenso wie Lesen und Vorlesen, Sport und Bewegung sowie Kontakt zu anderen Menschen.

Sollten Erwachsene also nicht immer auf Kinderwünsche eingehen?

Hallmann: Manche Wünsche sind sicherlich völlig daneben. Wir müssen Verhältnismäßigkeiten bewahren, die immer mehr verloren gehen. Was etwa ein Handy angeht: Für ein Kind in der weiterführenden Schule ist das als Geschenk in Ordnung, aber dann keines für Tausend Euro. Ich habe mich früher auf ein einzelnes Teil für meine Autorennbahn gefreut.

Haben Sie einen allgemeinen Tipp für Tanten, Onkel, Großeltern und alle, die was verschenken wollen?

Hallmann:Elektrospielzeug ist überflüssig. Einfache Spiele sind besser. Spiele, die greifbar sind. Der Inhalt zählt, nicht der Preis und nicht die Größe. Bücher gehen zum Beispiel immer. Und Bälle sind das Allerbeste. Sie sind einfach und gut.

Das sagt ein Fachhändler

Die Kinderzimmer sind viel zu voll“, sagt sogar Ralf Müller aus der Spielwarenabteilung des Fachhandels Picco & Pedalo in Korbach. Kinder seien mit zu vielen Geschenken überfordert und spielten eher mit den Kartons und Verpackungen als mit den Inhalten.

Als Verkaufsberater von Spielwaren wisse er aus Erfahrung, dass nicht nur Kinder, sondern auch Eltern ein Problem mit der großen Auswahl haben. „Zwölf Monate im Jahr gibt es Neuheiten auf dem Markt“, sagt Ralf Müller. Das sei für Spielwarenhändler einerseits eine Chance, Geld zu verdienen. „Andererseits zählt für uns die Frage, was wir selber gerne verkaufen wollen.“

Viele Kunden machten den Fehler, nicht in einem Warenbereich zu bleiben. Stattdessen empfiehlt Ralf Müller gerade jetzt vor Weihnachten, Spielsachen zu verschenken, die mit Zubehör erweitert werden können. Sei es eine Puppenstube oder eine Holzeisenbahn. „Für Kinder ist es besser, in einer Spielwelt zu bleiben, damit sie in Ruhe ihre Phantasie ausleben können.“ Der Verkaufsberater favorisiert Spielzeug, das Frieden und Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Im Fachhandel würden die Kunden dazu beraten. Das geht seiner Ansicht nach über Informationen aus dem Internet und Fernsehwerbung hinaus.

„Wenn jemand für ein zweijähriges Kind ein Lernlaptop haben möchte, rate ich davon ab.“ Denn der Kunde würde schnell merken, dass das nicht das Richtige sei. Auch bei Drohnen als Geschenkwunsch für Kinder und Jugendliche ist Ralf Müller skeptisch. „Zu frühes Hinführen zu Elektronikspielzeug fördern wir nicht.“

Einen Geschenktipp für Weihnachten hat Ralf Müller stets parat: Ganz klassisch ein Brettspiel oder ein Puzzle, das die Familie zusammen machen kann.

Quelle: Dieser Artikel wurde erstmals am 13.12.2017 im mittlerweile eingestellten Online-Magazin HNA Sieben veröffentlicht und 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.