1. Startseite
  2. Lokales
  3. Frankenberg / Waldeck
  4. Frankenberg (Eder)

Wie eine Gemündenerin ukrainische Geflüchtete unterstützt

Erstellt:

Von: Martina Biedenbach

Kommentare

Ihre Gedanken gelten den Menschen in der Ukraine: Alevtina Fedorenko (Mitte, Blumen-Twins Frankenberg) – hier mit dem kürzlich geflohenen Schwiegervater Anatoli Fedorenko und dessen Lebensgefährtin Tamara Askerova – würde am liebsten für jeden gefallenen ukrainischen Soldaten ein Blumenherz, so wie sie eines in den Händen hält, in ihre ehemalige Heimat schicken.
Ihre Gedanken gelten den Menschen in der Ukraine: Alevtina Fedorenko (Mitte, Blumen-Twins Frankenberg) – hier mit dem kürzlich geflohenen Schwiegervater Anatoli Fedorenko und dessen Lebensgefährtin Tamara Askerova – würde am liebsten für jeden gefallenen ukrainischen Soldaten ein Blumenherz in ihre ehemalige Heimat schicken. © Martina Biedenbach

Alevtina Fedorenko aus Gemünden (Wohra) leistet viel praktische Hilfe für ukrainische Flüchtlinge im Frankenberger Land - über eine Whatsapp-Gruppe.

Frankenberg/Gemünden – Für Floristin Alevtina Fedorenko, die zusammen mit ihrer Schwester Julia Bartel in Frankenberg den Laden Blumen-Twins betreibt, ist der November traditionell ein arbeitsreicher Monat. Erst werden Gestecke für Volkstrauertag und Totensonntag gefertigt, dann kommt gleich die Nachfrage nach Adventskränzen und weihnachtlichen Gebinden. Das ist auch dieses Jahr so – nur, dass die 43-Jährige am liebsten für jeden gefallenen ukrainischen Soldaten ein herzförmiges Gesteck in ihre ehemalige Heimat schicken würde.

Die in Russland geborenen Zwillinge wuchsen im mittlerweile schwer umkämpften ostukrainischen Marganez auf – nur sieben Kilometer von dem von Russen besetzen großen Atomkraftwerk Saporischschja entfernt. Schon im März half Alevtina Fedorenko Verwandten bei der Flucht von Marganez nach Gemünden. Nach dem Beschuss ihrer Wohnung kamen kürzlich auch ihr Schwiegervater Anatoli Fedorenko und dessen Lebensgefährtin Tamara Askerova nach Gemünden. Andere Verwandte, etwa Schwager Sergej Fedorenko (48) und Nichte Diane (20), sind immer noch dort. „Wir fürchten um ihr Leben“, sagt die Floristin.

1996 waren die damals 17-jährigen Zwillinge zusammen mit Mutter und Großmutter – beide deutschstämmig – nach Deutschland übergesiedelt. Sie leben seither mit ihren Familien in Gemünden und haben sich mit dem gemeinsamen Blumenladen eine eigene Existenz aufgebaut. Doch seit dem 24. Februar 2022, dem Überfall Russlands auf die Ukraine, hat sich auch ihr Leben komplett geändert. Alevtina Fedorenko engagiert sich seither mit unglaublichem Elan und täglich vielen Stunden in der Ukrainehilfe. Schwester Julia übernimmt dafür etliche Arbeiten im Laden, zu denen Alevtina nicht mehr kommt.

Alevtina hat zusammen mit Gemündens Bürgermeister Frank Gleim, Stadtverordnetenvorsteher Harald Stehl, Tochter Beatrice, ihrem Ehemann, dem Ukrainer Max Fedorenko, und vielen freiwilligen Helfern im März die Gemündener Ukrainehilfe ins Leben gerufen. Das von der Unternehmerfamilie Kaiser zur Verfügung gestellte Geka-Gebäude im Struthweg wurde zu einer Zentrale. Dort lagern Sachspenden und gibt es ein Kindertreff. Über die Stadt wurde auch ein Spendenkonto eingerichtet.

Mehr als 130 Geflüchtete aus der Ukraine wurden seitdem aufgenommen. Alevtina Fedorenko kennt sie alle. Über eine Whatsapp-Gruppe steht sie mit ihnen in Verbindung, kann auf Ukrainisch schnell wichtige Informationen weitergeben. Der Frankenberger Blumenladen ist zudem eine informelle Anlaufstelle für ukrainische Flüchtlinge aus dem gesamten Frankenberger Land.

Alevtina Fedorenko kennt viele Schicksale. Ihre Erfahrungen der vergangenen neun Monate würden ein Buch füllen. Im Interview unten berichtet sie darüber.

Interview mit Alevtina Fedorenko: „Es gibt auch mal eine Donnerwetter“

Frau Fedorenko, Sie engagieren sich seit März in der Versorgung ukrainischer Flüchtlinge, wie sehen Sie die aktuelle Lage?

Bisher ist es uns gelungen, für alle der mehr als 130 Geflüchteten in Gemünden und Umgebung Wohnungen zu finden. Doch der Wohnraum wird immer knapper und ich befürchte, dass jetzt mit Beginn des Winters noch mehr Menschen aus der Ukraine bei uns Schutz suchen werden. Wenn es wegen der russischen Angriffe keinen Strom, kein Wasser, keine Heizung, nichts mehr zu essen gibt, dann fliehen die Menschen, um überleben zu können.

Die Gemündener Ukrainehilfe wurde zu Beginn von vielen ehrenamtlichen Deutschen unterstützt. Wie ist die aktuelle Hilfe?

Bürgermeister Frank Gleim, Stadtverordnetenvorsteher Harald Stehl und meine Tochter Beatrice engagieren sich weiterhin unglaublich. Wir versuchen, die ehrenamtlichen deutschen Helfer möglichst wenig in Anspruch zu nehmen. Sie haben so viel geleistet und haben auch in ihrem eigenen Leben viel zu stemmen. Ich versuche, über unsere Whatsapp-Gruppe, in der fast alle aus der Ukraine Geflüchteten sind, Helfer zu finden. Leider sind die meisten Geflüchteten Frauen und Kinder und können schwere Tätigkeiten, wie etwa Möbel montieren, nicht machen. Aber mittlerweile sind auch einige Männer dabei. Es geht darum, dass sich die Ukrainer möglichst viel selbst gegenseitig helfen.

Und wie klappt das?

Es ist wie überall. Einige sind bei allen Hilfsaktionen dabei, andere halten sich eher zurück. Dann schreibe ich auf Ukrainisch ein Donnerwetter in die Gruppe.

Was braucht Ihre Ukrainehilfe denn aktuell am meisten?

Wir brauchen weitere Wohnungen und unbedingt Möbel, dringend Küchen und Betten. Manche Geflüchtete schlafen auf Matratzen, haben nur einen Kochherd, sonst keine Küchenmöbel. Wir brauchen auch Hausrat: Geschirr, Pfannen, Töpfe, Bestecke, Handtücher, Bettwäsche. Im Frühjahr war unser Lager im Geka-Gebäude in Gemünden voll mit diesen Sachen. Wir dachten, dass wir nicht alles bräuchten. Doch nun ist alles verwendet worden. Es gibt dort nur noch Kleidung. Und auch weitere Winterbekleidung wird benötigt. Für Frauen, Kindern und auch für Männer.

Was ist bei Möbelspenden zu beachten?

Spender sollten sich vorher telefonisch melden. Große Schrankwände sind nicht leicht zu demontieren und passen oft nicht in die Mietwohnungen. In der Vergangenheit gab es einige Anbieter, die sich ärgerten, dass wir diese Möbel nicht schnell oder gar nicht abholen konnten. Wir brauchen Helfer beim Montieren. Mein Ehemann Max, der freiberuflich Möbel montiert, ist in der Vorweihnachtszeit sehr stark gefragt, und kann nur am Wochenende ehrenamtlich einspringen.

Wie laufen die Versorgung und die Integration der Geflüchteten?

Es kommt leider immer wieder vor, dass manche Menschen lange auf ihre Unterstützung warten müssen. Die Behörden sind angesichts der vielen Anfragen überlastet. Die Betroffenen melden sich oft bei unserer Ukrainehilfe oder in Frankenberg in unserem Blumenladen. Eine Ukrainerin bat mich zum Beispiel um einen Euro, damit sie Essen bei der Tafel kaufen konnte. Sie war schon Wochen da und hatte noch keine Hilfe erhalten. Ich bekomme Tag und Nacht Nachrichten auf mein Handy. Die Flüchtlinge bräuchten eine hauptamtliche Betreuung. Es gibt so viele Fragen im Umgang mit Behörden, Ärzten, Krankenkasse, Schule, Kindergarten. Das können wir wenigen Ehrenamtlichen nicht alles auffangen. Der Bund müsste solche Stellen finanzieren.

Wie sieht es mit Arbeitsstellen für Geflüchtete aus?

Ich bekomme ständig Anfragen von Arbeitgebern aus dem ganzen Frankenberger Land, ob ich Menschen kenne, die in der Verpackungsbranche, im Handwerk, in Supermärkten, als Putzkräfte arbeiten können. Die Anfragen schreibe ich dann in unsere Whatsapp-Gruppe. Ich bin quasi eine Außenstelle des Arbeitsamts. Circa 60 bis 80 Menschen haben so schon Jobs bekommen. Sie sind froh, wenn sie arbeiten und selbst ihren Unterhalt verdienen. Zudem lenkt die Arbeit von der schlimmen Situation in der Ukraine und der Sorge um Angehörige dort ab.

Wie gefällt es den Geflüchteten in Deutschland, was hören Sie da so?

Die allermeisten sind begeistert. Hier sind sie in Sicherheit. Sie werden gut aufgenommen von den Deutschen. Viele können sich vorstellen, auch nach dem Krieg hier zu bleiben.

Für Verwirrung und Fragen auf deutscher Seite sorgen Geflüchtete aus der Ukraine, die große Autos fahren und denen es anscheinend finanziell nicht schlecht geht.

Ja, die Kritik höre ich auch. Ich sage dann den Menschen: Wenn Sie aus Deutschland fliehen müssten, welches Auto würden sie dann mitnehmen? Die Menschen fliehen nicht aus wirtschaftlichen Gründen aus der Ukraine, sondern weil sie um ihr Leben fürchten.

Frau Fedorenko, wie verkraften Sie persönlich Ihr anstrengendes Engagement und die vielen Schicksale, von denen sie unentwegt hören?

Ich bin so beschäftigt, dass ich über mein Befinden gar nicht nachdenke. Ich bin froh, dass ich etwas tun kann. Ich wünsche mir sehr, dass bald wieder Frieden herrscht. (Martina Biedenbach)

Ukrainehilfe Gemünden

Wer die Ukrainehilfe Gemünden mit Sachspenden unterstützen will, wendet sich an Alevtina Fedorenko, Tel. 01 73/ 70 26 076. Gebraucht werden Möbel, Hausrat, Bettwäsche, Handtücher und Kleidung. Geldspenden können an das von der Stadt Gemünden eingerichtete Konto eingezahlt werden bei der Spar- und Kreditbank Gemünden, IBAN: DE42 5206 9029 0000 1177 90. https://www.gemuenden-wohra.de/news/1/714805/nachrichten/714805.html

Auch interessant

Kommentare