Norbert Rasim spricht über sein Leben für die Kirche

Über Zweifel, Zölibat und Frauen im Amt: Interview mit Frankenberger Priester

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Bei der Vorbereitung der Messe: Pater Norbert Rasim in seinem Büro in Frankenberg.

Frankenberg. So wenige Männer wie nie werden zu Priestern geweiht. Norbert Rasim hat diesen Weg gewählt. Wir sprachen mit dem Pater über Zölibat, Zweifel und Zündstoff für den Glauben.

Sie haben sich erst relativ spät für das Leben als Priester entscheiden. Warum wird man überhaupt Priester? 

Pater Norbert Rasim: Ich war als Kind schon immer sehr in unserer Gemeinde engagiert. Wir hatten einen tollen Pfarrer, der wahnsinnig viel mit uns Jugendlichen unternommen hat. Das Pfarrhaus war quasi ein zweites Zuhause. Das hat mich geprägt und der Glaube hat mich weiter begleitet. Mir war klar, dass ich nicht für immer Standesbeamter bleibe. Für die Erfahrungen, die ich in meinen anderen Berufen, etwa als Nachtportier, gesammelt habe, bin ich aber sehr dankbar. Auch meine Eltern fanden meine Hinwendung zum Priesteramt anfangs nicht immer gut.

Warum? 

Rasim: Mein Vater war Arbeiter. Er hat nicht verstanden, wie man eine Beamtenstelle aufgeben kann. Meine Eltern haben sich vorgestellt, dass ich ganz klassisch das Haus übernehme, heirate und dann mit der Familie dort lebe. Das habe ich nicht so erfüllt und sie hatten auch Zweifel, dass ich das durchziehe. Mein Vater hat meine Priesterweihe nicht mehr erlebt, aber meine Mutter hat sich damit angefreundet. Spätestens als ich meine Primiz am selben Tag wie sie ihren 70. gefeiert habe, konnte sie das gut annehmen.

Hatten Sie selbst mal Zweifel das durchzuziehen? 

Rasim: Klar. Ich finde, das muss auch so sein. Man muss sich immer wieder aktiv mit dem Herzen dafür entscheiden. Auch heute würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen und sagen, dass ich diesen Weg bis zur Rente durchhalte. Es kann immer ein Ereignis geben, dass einen aus der Bahn wirft. Wo man sich fragt, warum ist das passiert, warum lässt Gott das zu, etwas, was mich in meinen Grundfesten erschüttert.

Sie haben gezweifelt. Was ist es denn dann, was Sie motiviert weiterzumachen? 

Rasim: Ich merke das an verschiedenen, oft wirklich überraschenden, Zeichen. Etwa bei Sterbefällen, wenn starke Menschen an ihre Grenzen kommen. Dass man diese auffangen kann, für sie da sein kann, das ist gut. Aber auch in einer Situation, wo ein Menschen an mich herantritt, bei dem ich das nicht erwartet hätte. Jemand, der zum Beispiel lange keinen Kontakt zur Kirche hatte, für den ich in einer Notlage aber da sein kann. Das ist mir schon öfters passiert. Das sind die Momente, wo ich denke, der Herrgott stellt mich schon dorthin, wo ich gebraucht werde. Das allein macht vieles wett.

Sie empfinden es als einen erfüllenden, wichtigen Beruf. Trotzdem ergreifen ihn immer weniger. Wie erklären Sie das? 

Rasim: Das Zölibat ist für viele ein Knackpunkt. Außerdem ist die Akzeptanz der Kirche gerade in den letzten Jahren auch durch viele Skandale massiv gesunken. Darüberhinaus verändert sich der Beruf und seine Aufgaben. Immer mehr Gemeinden werden zusammengelegt, man muss sehr viel fahren und betreut nicht mehr nur eine Gemeinde. Außerdem sind wir oft inzwischen nicht nur Seelsorger, sondern auch Manager, die viele Liegenschaften zu verwalten haben. Das ist dann doch weit weg von dem, warum viele diesen Beruf ursprünglich wählen.

Sie sprechen selbst den Zölibat an, der viele abschreckt. Warum braucht man die Ehelosigkeit überhaupt noch? 

Rasim: Es ist ein Gesetz der Kirche. Dieses Gesetz kann vom Papst auch geändert oder aufgehoben werden. Derzeit besteht es noch. Ich würde es öffnen. Menschen sollten die Wahl haben. Wer den Zölibat bewusst wählt, vor dem ziehe ich meinen Hut. Das ist eine mutige Entscheidung. Momentan ist es aber so: Wenn ich mich verliebe, muss ich das Priesteramt verlassen. Mein Lebensentwurf wäre komplett über den Haufen geworfen. Das wäre für mich ein sehr schwerer Schritt. Der Zölibat wird oft damit begründet, dass man freier wäre, um seinen Dienst zu tun. Aber das halte ich für ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Wenn ich in einer guten Beziehung lebe und mich abspreche, dann kann mich der Partner doch unterstützen und mir den Rücken stärken.

Eine Möglichkeit, mehr Priesternachwuchs zu generieren, wäre es doch, das Amt für Frauen zu öffnen, oder? 

Rasim: Ja. Zumindest die Öffnung des Diakonat wird auch gerade diskutiert. Das wäre schon mal ein Riesenschritt und wurde vom Heiligen Vater auch schon ins Gespräch gebracht. Würde das passieren, könnte eine Frau auch taufen und beerdigen. Dabei sollte es aber nicht darum gehen, nur dem öffentlichen Druck nachzugeben. Dann wäre die Kirche zu sehr dem Zeitgeist gefolgt und würde über tausende Jahre gewachsene Traditionen über den Haufen werfen. Den Schritt zum Diakonat halte ich aber für gangbar. Der nächste logische Schritt wäre dann das Priesteramt.

Aber nicht nur der Priestermangel ist ein Problem. Auch die Gläubigen fehlen. Haben Sie Angst vor leeren Bänken? 

Rasim: Nein. Natürlich ist man manchmal versucht, sich über die Zahl der Gläubigen zu definieren. Wenn viele da sind, bin ich gut, wenn nicht, bin ich schlecht. Ich habe irgendwann mal gesagt, eigentlich ist das Quatsch. Es geht nicht um mich, sondern um die Menschen. Es geht darum, dass das, was du verkündest, die Menschen erreicht. Auch wenn die Gemeinde zusammenschrumpft, die die bleiben, können wieder Zündstoff sein und die Kirche kann wieder wachsen. Das ist in der langen Kirchengeschichte immer wieder passiert.

Zur Person 

Pater Norbert Rasim (55) ist seit fünf Jahren zuständig für die Gemeinden Vöhl, Frankenberg und Gemünden. Davon hat der gebürtige Südhesse zwölf Jahre als Priester in Bayern gewirkt. Seit 1988 gehört er dem Deutschen Orden an, vor 22 Jahren wurde er geweiht. Davor arbeitete er bei der Lufthansa, in einem Hotel, als Rettungssanitäter und mehrere Jahre als Standesbeamter.

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