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Diversität lernen: „Für viele ein schmerzhafter Prozess“

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Von: Julia Janzen

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Our diversity is what allows us to excel. Portrait of a group of businesspeople standing together in a huddle.
Hautfarbe, Alter, Herkunft, Geschlecht: Sensibel zu sein für Diversität bedeutet mehr, als nur auf die Hautfarbe zu blicken. © YuriArcurs/Panthermedia

Die Europäische Union hat den Mai zum Monat der Vielfalt erklärt. Viele Aktionen in ganz Europa sollen zeigen, wie wichtig Vielfalt und Inklusion im Alltag und am Arbeitsplatz sind.

Waldeck-Frankenberg – Diversität ist ein oft genutztes Schlagwort. Doch was bedeutet Vielfalt genau? Und wie kann jeder selbst sensibel werden für das Thema? Wir haben mit Violetta Bat gesprochen, Diversity-Trainerin beim Netzwerk für Toleranz.

Der Begriff Diversität taucht in den vergangenen Jahren immer häufiger auf. Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass er auch falsch verwendet wird?

Ich glaube, er wird gerne als Pink- oder Greenwashing verwendet (das bloße Vorgeben, sich mit der LGBTIQ+-Bewegung oder Umweltbewusstsein zu identifizieren, Anm. d. Red.). Diversität wird gern als Aushängeschild genutzt. Ich glaube, es hat auch viel mit modern sein zu tun, es ist hip. 100-prozentig gibt es in Unternehmen, bei Projekten auch die Quotenbehinderten, -frauen und -schwarzen. Ich mache manchmal die Erfahrung, dass bei Rassismus-Themen gesagt wird, dass jemand dabei sein soll, der Schwarz ist, der dann als Legitimation für alles mögliche gesehen wird. Das empfinde ist schon als Missbrauch.

Also dass nur vorgegeben wird, divers zu sein?

Genau. Die Frage ist: Wenn eine Person in so einem Team ist, welche Entscheidungsbefugnisse hat sie? Wird sie gehört und ernst genommen?

Sie sind auch Diversity-Trainerin. Was genau machen Sie?

Das Einsatzgebiet ist außerschulische Bildungsarbeit und Sozialarbeit. Ich koordiniere das Netzwerk für Toleranz, die Partnerschaft für Demokratie hier im Landkreis und versuche darüber, Themen zu setzen. Zum Beispiel ist das Thema Rassismus bei uns ganz groß. Wir haben unter anderem einen Workshop zum Thema Vielfalt und eine Ausstellung, die wir in Schulen anbieten.

Wie läuft so ein Workshop?

Wir versuchen, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Lebensrealität, im Alltag abzuholen und arbeiten mit vielfältigen Methoden. Es soll ja auch Spaß machen und das Interesse wecken. Wenn wir zum Beispiel Workshops zu unserer Ausstellung Out of the Box anbieten, dann versuche ich zunächst herauszufinden, wie der Stand der Reflexion der eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema ist. Konkret heißt das: Zunächst frage ich nach bestimmten Situationen und ob die Schülerinnen und Schüler sie als rassistisch empfinden. Darüber kommen wir schon in eine Diskussion. Was auffällt: Wenn in der Klasse eine Person Schwarz ist oder eine Person of Colour, ist die Diskussion eine ganz andere, als wenn es eine komplett weiße Klasse ist. Wenn alle Schülerinnen und Schüler weiß sind, wird viel vorurteilsunsensibler gesprochen. Sobald eine betroffene Person dabei ist, ist es, als wäre ein rosa Elefant im Raum, wo alle um den heißen Brei herum reden, sich aber niemand traut, es anzusprechen. Das ist herausfordernd.

Wie gehen Sie damit um, wenn ein Schwarzer Schüler dabei ist?

Meistens versuche ich, die Person vorher anzusprechen und frage, wie wir damit umgehen. Ich stelle es ihr frei, am Workshop teilzunehmen. Es kommt auf die Persönlichkeit an: Viele können damit umgehen, sie greifen das auf und erzählen von sich. Das führt bei den anderen oft zu Aha-Erlebnissen. Es gibt aber auch Schülerinnen und Schüler, die nicht über ihre Diskriminierung sprechen wollen, weil sie nicht von den anderen als Opfer gesehen werden möchten. Das gilt es anzuerkennen, jeder hat einen eigenen Umgang damit. Die einen gehen eher nach vorne, die anderen nach hinten, die einen nehmen es mit Humor, die anderen mit Wut. Da gibt es kein richtig oder falsch. Das sollte von außen auch nicht bewertet werden. In einer Schulklasse sind das sensible Situationen, weil ich keine Handhabe habe. Ich bin nur kurz da und dann gehe ich wieder, während die anderen damit klar kommen müssen.

Sie selbst sind weiß, reden aber über Themen, die Menschen anderer Hautfarbe betreffen.

Ja, das mache ich bei Workshops immer deutlich, dass ich aus einer weißen Perspektive spreche. Ich bringe Videos mit von People of Colour, die von sich erzählen. Es ist wichtig, ihnen eine Bühne zu geben, damit sie sich äußern können. Ich empfinde es als Anmaßung zu sagen, dass alle Menschen, die von einer Diskriminierung betroffen sind, dafür zuständig sind, diese Diskriminierung aus dem Weg zu schaffen. Das geht gar nicht. Es gibt das Konzept des Verbündetseins: Wir sind über das Thema verbunden, nicht über eine eigene Betroffenheit.

Sie sind häufig auch zur Vor- und Nachbereitung für Freiwilligendienste im Einsatz. Wie sieht das aus?

Das ist spannend, denn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer halten sich selbst für sehr offen. Bis der Groschen fällt, dass diversitätssensibel nicht bedeutet, dass man gerne reist. Das dauert und das ist für viele auch ein schmerzhafter Prozess.

Diversitäts-Trainerin Violetta Bat

Violetta Bat (30) ist in Bad Arolsen aufgewachsen, hat dort auch ihr Abitur gemacht und war anschließend ein Jahr in Indien. In Heidelberg hat sie Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie arbeitete danach als freie Bildungstrainerin und ist seit einigen Jahren beim Netzwerk für Toleranz. Sie ist zweifache Mutter und lebt in Volkmarsen.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Ein klassisches Beispiel ist – so war es bei mir damals auch, als ich nach Indien gegangen bin: „Ich gehe dorthin, um den kleinen schwarzen Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ich möchte ihnen helfen.“ Was mir damals noch nicht klar war: Ich hatte gerade Abi gemacht, wenig Lebenserfahrung. Viele wollen in ein Land, obwohl sie Kultur und Sprache nicht kennen. Was will man da kleinen Kindern beibringen und vermitteln? Man muss demütiger sein, sich selbst als Lernende und Lernenden begreifen.

Es fehlt also die Reflexion?

Genau. Das hat auch viel mit Privilegien zu tun, mit Zugängen, die ich habe. Sich überhaupt erst mal bewusst zu machen, dass man Privilegien hat. Da sind wir beim Stichwort Scham. Viele schämen sich dafür, wenn sie sich in der Vorbereitung bewusst machen, welche Möglichkeiten sie haben als weiße deutsche Staatsbürger. Das sind komplett andere Voraussetzungen als beispielsweise jemand, der Schwarz ist und die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Wir sind nicht nur global betrachtet privilegiert, sondern auch in Deutschland. Das spannende ist: Es gibt Bereiche, in denen ich absolut privilegiert bin, und andere, in denen es überhaupt nicht so ist.

Wie meinen Sie das?

Ich habe zum Beispiel einen Migrationshintergrund, ich komme aus Kasachstan und meine Erstsprache ist Russisch. Das war für mich ganz lange blöd, natürlich haben meine Eltern und ich deshalb auch Ausgrenzung erfahren. Irgendwann gab es dann den Punkt, als ich studiert und mich um ein Stipendium beworben habe, da war es dann auf einmal ein Privileg. Ich war eine Quotenminderheit.

Gibt es Situationen, in denen Ihnen auffällt, dass es noch Nachholbedarf gibt in Sachen Diversität?

Ja, natürlich. Dafür reicht zum Beispiel ein Blick in die Lehrerzimmer der Schulen. Wie viele Lehrkräfte sind Schwarz, People of Colour oder haben eine Migrationsgeschichte? Gibt es Lehrkräfte, die nicht christlichen Glaubens oder atheistisch sind? Oder ein anderes kleines Beispiel, welches jede Person machen kann: Wenn Sie gebeten werden, eine Frau zu malen, würden Sie an eine Frau mit Kopftuch oder im Rollstuhl denken?

Was kann jeder machen, um sensibler zu werden in Sachen Diversität?

Wichtig ist, sich mit der eigenen Position in der Gesellschaft auseinander zu setzen. Welche Privilegien habe ich und warum? Man sollte sich bewusst machen, dass es anderen Menschen anders geht. Und man sollte sich bewusst machen, aus welcher Perspektive man spricht. Wichtig ist, dass wir lernen, offener zu kommunizieren. Wir sollten mehr Fragen stellen, statt Dinge vorauszusetzen und dass wir bereit sind, in Fettnäpfchen zu treten und uns dafür auch zu entschuldigen. jj

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