Das Mädchen mit der Mappe

Gedenkveranstaltung zum 25. Todestag von Christine Brückner in der Alten Mühle Dalwigksthal

Erzählungen einer Freundin: Heide M. Sauer gestaltete den Brückner-Abend in der Alten Mühle. Sie arbeitet als freischaffende Künstlerin in Staufenberg bei Gießen.
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Erzählungen einer Freundin: Heide M. Sauer gestaltete den Brückner-Abend in der Alten Mühle. Sie arbeitet als freischaffende Künstlerin in Staufenberg bei Gießen.

Wie Lebenswege sich immer wieder unverhofft kreuzen, bis eine Freundschaft fürs Leben entsteht, so lautete der Grundton der Erinnerungen von Heide M. Sauer. Langjährige Fans und erfahrene Pilger zu allen Gedenk- und Wirkungsstätten der in Schmillinghausen geborenen Autorin Christine Brückner hatten auch ihren Weg in die Alte Mühle von Dalwigksthal gefunden.

Lichtenfels-Dalwigksthal – Ihre Euphorie und die Atmosphäre im historischen Bauwerk boten einen idealen Rahmen für die Gedenkveranstaltung zum 25. Todestag von Christine Brückner, die ihren Lebensmittelpunkt seit den 1960ern wieder in Kassel hatte.

Von der ersten Schnittstelle im Stadtteil Auefeld hatte die Malerin und Grafikerin Heide M. Sauer nicht die geringste Ahnung, als sie 1977 in Erwartung der Geburt ihres dritten Kindes im Marburger Krankenhaus lag und sich von der Begeisterung ihrer Bettnachbarin für die ersten beiden Teile der späteren Quint-Trilogie anstecken ließ, im nächsten Jahr geriet die mehrteilige Verfilmung von „Jauche und Levkojen“ zum Fernseh-Großereignis.

Heide M. Sauer hatte indessen alle seinerzeit verfügbaren Bücher ihrer Lieblingsautorin gelesen, als sich ein Besuch bei den Vermietern aus Studententagen als unverhoffte Chance zu einer Begegnung erwies. Denn das Ehepaar Brückner-Kühnert besuchte regelmäßig die Gottesdienste der Gemeinde des Pfarrerehepaars und bot von sich die Anbahnung eines Besuchs an.

Eine Stunde später saß die Besucherin voll Respekt auf der Stuhlkante, im Wissen, dass ein Verleger seinen Besuch für die nächste Stunde angesagt hatte. Der Empfang für den Überraschungsbesuch war freundlich, aber reserviert, doch mit der richtigen Antwort auf eine einzige Frage der Autorin fiel der Abstand, Christine Brückner wollte wissen, ob ihr Gegenüber vor 15 Jahren jeden Morgen mit einer Mappe unter dem Arm am Haus vorbei gegangen sei. Auf die Bejahung erzählte die Schriftstellerin vom Frühstücksratespiel des Künstler-Ehepaares in den Sechzigern, das sich Gedanken über das blonde Mädchen mit dem Pferdeschwanz oder den Inhalt der Mappe machte und immer neue Biografien für die vorbei eilende Erscheinung ersann.

„Damit öffnete sich für mich ein kleines Türchen in ihre Welt“, erklärte Heide M. Sauer den Beginn einer Freundschaft. Christine Brückner übernahm die Rolle der Patin nach der Geburt der vierten Tochter ihrer Freundin, aber mit dem Anspruch, mehr als die üblichen Geschenke abzuliefern. Einige vergrößerte Bilder mit Johanna illustrierten die Lesung des letzten und persönlichsten Geschenks an das Patenkind: einen Brief als Wegweiser zum Erwachsenwerden. Zur Aufforderung, mit offenen Augen durchs Leben und auf andere zuzugehen, gesellte sich auch eine Kindheitserinnerung als Aufforderung zur Wahrhaftigkeit. Die Geschichte der von dem Mädchen unter vielen Mühe gefundenen Quitte als persönliches Abschiedsgeschenk rundete die Gedenkveranstaltung ab. (Von Armin Hennig)

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