Forschungsprojekt kostet mindestens 10 Millionen Euro

Mit Atemtest zu Virenschutz: Gemündener Aerosolexperte Scheuch plant Studie in 100 Altenheimen

Studie in Altenheimen: Dr. Gerhard Scheuch (links) erläutert Sabine Patounis vom DRK-Altenheim Gemünden und DRK-Kreisgeschäftsführer Christian Peter (rechts) den geplanten Atemtest. Mit dabei Scheuchs Kollegen Axel Fischer (2. von links) und Rolf Naumann. Scheuch und Patounis hatten vorm
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Studie in Altenheimen: Dr. Gerhard Scheuch (links) erläutert Sabine Patounis vom DRK-Altenheim Gemünden und DRK-Kreisgeschäftsführer Christian Peter (rechts) den geplanten Atemtest. Mit dabei Scheuchs Kollegen Axel Fischer (2. von links) und Rolf Naumann. Scheuch und Patounis hatten vorm

Der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch (Landkreis Waldeck-Frankenberg) will mit einem Atemtest Altenheime und andere Einrichtungen vor Corona schützen und plant dazu eine Studie.

Gemünden – Der Physiker Dr. Gerhard Scheuch aus Gemünden (Kreis Waldeck-Frankenberg), ein Experte für die Verbreitung von Corona- und anderen Viren über die Atemluft, will mit Partnern eine groß angelegte, mindestens zehn Millionen Euro teure Studie in zirka 100 Altenheimen starten. Ziel ist es, herauszufinden, ob durch einen einfachen Atemtest aller Besucher und Mitarbeiter vor Betreten der Einrichtung Superemitter (Super-Virenverbreiter) identifiziert und somit Cluster-Infektionen reduziert werden können.

„Mit dieser Studie kann in relativ kurzer Zeit nachgewiesen werden, ob die Messung ausgeatmeter Aerosole hilft, Superemitter zu erkennen. Das kann Menschenleben retten“, erläutert Scheuch. Seine Pläne hat er sowohl Gesundheitsminister Jens Spahn als auch Vertretern des Hessischen Sozial- und Gesundheitsministeriums vorgestellt. „Für das Projekt brauchen wir finanzielle Unterstützung“, sagt der Forscher. Spahns Ministerium habe diese Woche ideelle Unterstützung zugesagt, das Projekt sei „wichtig und richtig“.

In der Studie soll ein von Scheuch im Herbst 2020 zusammen mit der Karlsruher Firma Palas entwickeltes Gerät zum Einsatz kommen. Jeder, der ins Heim hinein will, atmet 30 Sekunden in den Resp-Aer-Meter. Er misst die Anzahl der mit der Luft ausgeatmeten Aerosolpartikel, selbst kleinste Teilchen von 0,15 Mikrometern.

„Über 1000 Messungen im vergangenen Jahr an mehreren hundert Personen legen nahe, dass gesunde, nicht infizierte Personen nie mehr als etwa 5000 Partikel pro Liter ausatmen. Wenn also Menschen deutlich mehr Partikel in der Ausatemluft haben, dann scheint das ein Indikator zu sein, dass sie eine Atemwegsinfektion haben und beim Ausatmen eine enorme Zahl von Viren übertragen können“, sagt der Gemündener Forscher. Das will er nun mit der Studie wissenschaftlich nachweisen.

Da in den Altenheimen derzeit auch Corona-Schnelltests erfolgen, können die Forscher ihr Ergebnis mit dem Schnelltestergebnis vergleichen, zum Beispiel bezüglich der Frage, ob alle, die positiv auf Corona getestet wurden, auch tatsächlich mehr als 5000 Partikel ausatmen.

Zu der Studie ist Scheuch nach eigener Aussage vom Leiter des Robert-Koch-Instituts, Dr. Lothar Wieler, ermutigt worde.

Für die 10 bis 12 Millionen Euro teure Studien wirbt Scheuch zum einen um finanzielle Unterstützung seitens der Politik. Er sucht aber auch Sponsoren sowie Mitstreiter, insbesondere aus dem Umfeld der Marburger Medizintechnik- und Pharmaunternehmen, um Wege zu erörtern, dieses Konzept zu realisieren. Ebenso werden Altenheime in ganz Hessen gesucht, die an der Studie teilnehmen wollen.

Die Corona-Mutanten können weiterhin starke Ausbrüche in der besonders gefährdeten Gruppe der älteren Menschen verursachen und dies insbesondere, wenn diese enger zusammenleben. Sollte die Impfung keinen oder nur wenigen Schutz bei manchen Bewohnern bieten, hätte man langfristig eine Möglichkeit, mit sehr geringem zeitlichem Aufwand eine Schutzwand vor den vulnerablen Gruppen aufzubauen. Zudem würden die Ergebnisse auch bei anderen Viruserkrankungen wie Influenza oder Erkältungskrankheiten helfen, denn da gibt es auch Superspreader.

Altenheime bei Atemwegs-Infektionen besonders gefährdet

„Altenheime eignen sich dafür, weil sie geschlossene Systeme sind“, erläutert Scheuch. Es werde, anders als etwa in Schulen, genau erfasst, wer wann Zugang zum Heim hat. Der Plan ist nämlich, dass jeder, der hineingeht – egal ob Mitarbeiter, Besucher oder Lieferant – sich zunächst dem Atemtest unterzieht, der bei routinemäßiger Handhabung 30 Sekunden dauert. Weist jemand eine Aerosolkonzentration von über 5000 Partikeln pro Liter Luft auf, sollte er die Einrichtung nicht betreten.

Da in allen Altenheimen derzeit auch Corona-Schnelltests erfolgen, können die Forscher ihr Ergebnis mit dem Schnelltestergebnis vergleichen. Aber auch alle anderen respiratorischen Infektionen, zum Beispiel Influenza, werden protokolliert. Denn all diese Viren verbreiten sich laut Scheuch über die Atemluft, und das ist in Einrichtungen wie Altenheimen, wo viele Menschen leben und sich rund um die Uhr aufhalten, besonders gefährlich – viele können sich dort schnell anstecken.

„Solche Cluster-Infektionen haben wir gerade in Altenheimen beobachtet. Und Forschungen haben ergeben, dass bisher die Hälfte aller in Deutschland mit oder an Corona Verstorbenen Altenheimbewohner waren.“ Deshalb sei es auch besonders in Altenheimen nötig, Hepa-Luftfilter aufzustellen. „Entsprechende Geräte gibt es für 300 bis 500 Euro. Die müssen nicht mehrere 1000 Euro kosten“, sagt der Experte..

Bei der geplanten Atemtest-Studie sollen den Altenheimen weder zusätzlicher Aufwand noch Kosten entstehen. Ein geschultes Team wird die Messungen am Eingang der Altenheime vornehmen – in Gemünden wird das von der Frühschicht um 7 Uhr bis zur Nachtschicht um 21 Uhr sein. Die üblichen regelmäßigen Schnelltests der Mitarbeiter und Besucher nimmt das Heim, entsprechend den Vorschriften, natürlich genau so weiter vor wie bisher.

„Wir sind dabei“, bekundet die Gemündener Heimleiterin Sabine Patounis begeistert ihre Bereitschaft, an der Studie mitzumachen. Ihr Chef Christian Peter, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Frankenberg, erweitert die Zusage auch auf die DRK-Heime in Battenberg und Sachsenhausen sowie das neue Heim in Frankenberg, das im Mai eröffnet wird. „Die Studie klingt erfolgversprechend und sie bietet zusätzlichen Schutz für die Heime“, sagt Peter.

Vielleicht werden solche Atemtests einmal Standard beim Zugang zu gefährdeten Einrichtungen. Derzeit kostet ein Resp-Aer-Meter allerdings noch 15 000 Euro. Er könnte aber vielleicht andere Sicherheitsmaßnahmen wie Schnelltests überflüssig machen, wenn die Studie Scheuchs Annahme bestätigt.

Von Martina Biedenbach

Kontakt

Firmen oder Altenheime, die die Studie unterstützen wollen, wenden sich an: Dr. Gerhard Scheuch, GS Bio-Inhalation GmbH, Wohraer Str. 37, 35285 Gemünden Tel. 06453/58 530 30, Mail: info@bio-inhalation.com, oder an Axel Fischer, Activoris Medizintechnik GmbH, ebenfalls Gemünden, Tel. 0 66 91/97 99 00, axel.fischer@actioris.com

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