„Ein gutes Leben auch als Rollstuhlfahrer“

Einstiger Marathonläufer: So geht ein Physiker mit seiner Querschnittslähmung um

Geht positiv mit seiner Behinderung um: Dr. Gerhard Scheuch aus Gemünden ist nach einem Unfall querschnittgelähmt. Der einstige Marathonläufer ist nun mit dem Hand-Bike sportlich unterwegs.
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Geht positiv mit seiner Behinderung um: Dr. Gerhard Scheuch aus Gemünden ist nach einem Unfall querschnittgelähmt. Der einstige Marathonläufer ist nun mit dem Hand-Bike sportlich unterwegs.

Seit einem Sturz vom Kirschbaum ist der Gemündener Dr. Gerhard Scheuch querschnittgelähmt. Der Physiker und ehemalige Marathonläufer geht mit seiner Querscnittslähmung positiv um.

Gemünden – Es passierte am 23. Juni 2018. Dr. Gerhard Scheuch pflückte im Garten seiner Mutter in Gemünden Kirschen: „Das habe ich schon als Kind gemacht, aber diesmal war ich unvorsichtig.“ Der damals 63-Jährige fiel vom Baum, landete auf dem Kopf und lag dann völlig hilflos auf dem Boden.

Als er wieder zu sich kam, wollte er sich aufrappeln und den Kirscheneimer holen. Doch er konnte sich nicht bewegen. „Ich wusste sofort, ich bin gelähmt“, erinnert er sich. Erst viel später hörte eine Nachbarin sein Rufen. Per Hubschrauber wurde der Schwerverletzte in das Uni-Klinikum nach Marburg gebracht.

Dort stellten die Ärzte erhebliche Verletzungen fest, unter anderem Wirbelbrüche mit Rückenmark-Schäden. Dazu waren mehrere Rippen gebrochen, eine davon hatte den linken Lungenflügel lebensbedrohlich durchbohrt.

Marathon in 2:36,05 Stunden

Die erste Nacht nach dem Unfall wird er wohl nie vergessen. „Ich habe mir überlegt, was kannst du machen, auch wenn du nicht mehr gehen kannst“, schildert der Gemündener der HNA. „Ich kann noch Gitarre spielen, mit meinem Langendorfer Männerchor singen, Vorträge halten, Aerosolforschung betreiben, junge Firmen beraten, lesen“, fielen ihm gleich etliche Beispiele ein. Die Liste wurde immer länger. Und am nächsten Morgen blickte er schon wieder zuversichtlich in die Zukunft, auch wenn er auf seine geliebten Marathonläufe künftig verzichten muss. Seine Bestzeit beim Berlin-Marathon waren bemerkenswerte 2:36,05 Stunden.

Nach der Erstversorgung im Uni-Klinikum Marburg wurde Gerhard Scheuch am 2. Juli 2018 zur Reha in die Werner-Wicker-Klinik (WWK) in Reinhardshausen gebracht – auf Empfehlung der Marburger Ärzte. Deren Aussage, dass dies die beste Klinik für frischverletzte Wirbelsäulen-Patienten sei, hat sich dann für Scheuch voll bestätigt. „Sowohl auf der Station von Chefarzt Dr. Meiners als auch in der Physio- und in der Sportabteilung bin ich sehr kompetent betreut worden.“

Er begann ein intensives Training, um für das Leben im Rollstuhl möglichst gut gewappnet zu sein. Aus der Klinik entlassen wurde der Physiker am 6. Februar 2019. „Ich kann jetzt wieder ein selbstständiges Leben führen“, sagt der 65--Jährige, dessen Wohnung entsprechend ausgestattet ist. Auch sein Auto wurde umgerüstet. Scheuch fährt seit 2015 einen Tesla Modell S. „Den Strom erzeuge ich mit meiner Solar-Anlage, so bin ich autark.“

5500 Kilometer mit dem Hand-Bike in einem Jahr

Noch in Bad Wildungen hatte er sich als Mitglied beim örtlichen Rollstuhl-Sport-Club (RSC) angemeldet. „Danach bin ich wöchentlich zum Sport in die Klinik gefahren.“ Sportlich ist der Gemündener jetzt mit einem Handbike sehr aktiv: „Im vergangenen Jahr bin ich 5500 Kilometer geradelt.“ Mal eben an den Edersee und zurück – kein Problem für den Sportler.

„Ich lebe ein gutes Leben als Rollstuhlfahrer. Meine beruflichen Aktivitäten sind nicht wesentlich eingeschränkt, ich habe sie nur anders organisiert“, zieht Scheuch Bilanz. Und weiter: „Ich hatte viel Unterstützung von meiner Familie, von Freunden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Betrieb.“

Besonders hebt er seinen Freund Karl-Heinz Bornmann und seine Prokuristin Karin Caspar hervor: „Karl-Heinz ist immer für mich da und Karin hat den Betrieb während meiner Abwesenheit am Laufen gehalten.“

Aerosol-Experte in Coronazeiten sehr gefragt

In der Corona-Pandemie ist der weltweit renommierte Physiker und Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch sehr gefragt. Als einer der ersten Wissenschaftler hat er, wie berichtet, dazu gemahnt, die Ansteckungsgefahr durch Viren, die beim Atmen entstehen und in der Luft schweben, ernst zu nehmen.

Sogar der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, holte sich Rat bei dem Experten für Aerosole – dem Gemisch aus festen und flüssigen Schwebeteilchen in der Luft. In zahlreichen Presseartikel wird der Wissenschaftler seitdem zitiert. Auch Radio- und TV-Sender bringen Interviews mit dem Gemündener.

In dieser Woche hat er an der Europäischen Aerosolkonferenz in Aachen teilgenommen. Er gehörte zu den Experten, die an der zweistündigen, im Netz übertragenen Diskussion teilnahmen, bei der – auf Englisch – viele Frage zu Ansteckungswegen und zum Schutz vor Ansteckung beantwortet wurden. (EAC2020.de)

Sein Ziel: ein Gerät, das Virenverbreiter erkennen kann

Und auch in der Forschung in Zusammenhang mit Corona ist Gerhard Scheuch höchst aktiv. „Ich bin sowohl mit deutschen als auch amerikanischen Forschern – insbesondere einigen Freunden aus Harvard und North Carolina – in regem Austausch über die aerogene Verbreitung der Viren. Wir entwickeln sogar ein Gerät, mit dem man eventuell sogenannte Superspreader rechtzeitig erkennen kann – Menschen also, die in großem Stil andere anstecken, da sie sehr viele Aerosolteilchen ausatmen. Wir wissen inzwischen, dass nur etwa ein bis zehn Prozent für 80 Prozent aller Infektionen verantwortlich sind. 70 Prozent der Infizierten stecken gar niemanden an!“

Schutz vor Coronaviren in der Raumluft

Die Frage, wie man sich vor der Ansteckung mit Coronaviren in der Raumluft schützen kann, beantwortet er so „Das Wichtigste ist lüften, lüften, lüften. Zudem sollte man die Zeit reduzieren, in der man sich mit anderen im Innenraum aufhält, Schulstunden sollten deswegen verkürzt werden. Mobile Hochleistungsfilter sind ebenfalls sehr effektiv. Und als letzte Maßnahme käme der Mund-und-Nasenschutz. Masken in der freien Luft zu tragen bringt allerdings nichts. „

Es hat Spaß gemacht, mal hinter die TV-Kulissen zu blicken.

Dr. Gerhard Scheuch

Die Teilnahme an einer Talkshow beim österreichischen Privatsender „Servus TV“ am 28. August fand er interessant. „Es hat Spaß gemacht, mal hinter die TV-Kulissen zu blicken“, sagt er. „Aber der Informations-Gehalt einer solchen Sendung ist doch sehr dünn.“

Zur Person

Gerhard Scheuch (65) war Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin. In Gemünden hatte er mit Activaero ein führendes Unternehmen im Bereich der Inhalationssysteme und Aerosoltechnologie gegründet. Heute betreibt er in Gemünden seine neue Firma GS-Bio-Inhalation, die vor allem beratend tätig ist, und die AspiAir, die seine Forschungen zur Inhalation von einer Form von Aspirin weiterführt.

Von Martina Biedenbach und Hermann Sonderhüsken

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