Nazi-Terror gegen Menschen jüdischen Glaubens

Erinnerung an Pogromnacht: Schon 1933 flogen in Gemünden Steine in ein Kinderbett

Fachwerkhaus in Gemünden, Steinsweg 25, im Jahr 1917: Oben im Fenster die aus Dodenhausen stammende Magd Karoline Schneider. Unten im Fenster die Hausfrau Andorn, davor in langen Sonntagskleidern die Töchter Bessi (vor der Tür) und Bella (rechts) mit weiterem Hauspersonal.
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Ein Foto aus guten Tagen: Als Postkarte verschickte die aus Dodenhausen stammende Magd Karoline Schneider (oben im Fenster) 1917 dieses Bild. Unten im Fenster die Hausfrau Andorn, davor in langen Sonntagskleidern die Töchter Bessi (vor der Tür) und Bella (rechts) mit weiterem Hauspersonal.

An mehreren Orten des Kreises Waldeck-Frankenberg wird an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erinnert. 

Gemünden – Das Bild auf der Postkarte mit den Menschen vor dem Fachwerkhaus im Gemündener Steinweg 25 strahlt beschauliche Ruhe und kleinstädtische Gemütlichkeit aus. Frauen der Familie Andorn und Bedienstete stehen vor der Eingangstür des verschieferten Fachwerkhauses auf dem gepflasterten Bürgersteig, im Fenster des ersten Stockwerks schüttelt Karoline Schneider (später verheiratete Stenner) ein Schaffell aus.

Sie war die Großmutter von Hans-Georg Stenner in Dodenhausen, der uns mit seiner Frau Gisela das Postkartenfoto aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg zur Verfügung stellte: ein Dokument christlich-jüdischen Zusammenlebens in Gemünden vor dem Ausbruch der Nazi-Barbarei. Nur ein Nachfahre dieser Familie Andorn, Berthold Ludwig Strauß (1925-2005), überlebte den von den Nationalsozialisten verübten Massenmord der Juden, die letzten jüdischen Hausbewohner aus dem Steinweg 25 wurden im Dezember 1941 in die Todeslager deportiert – sie sind auf dem schönen Postkartenbild als junge Mädchen zu sehen.

„Meine Großmutter lebte von 1880 bis 1975“, erzählt Hans-Georg Stenner. „Als junges Mädchen ging sie bei der jüdischen Familie Andorn als Hausmädchen ‚in Stellung’, wie es damals hieß.“ Sie habe sich im Alter gern an diese Zeit und an das gute Zusammenleben mit ihren Arbeitgebern erinnert. Die von ihr geschriebene und am 29. Januar 1917 abgestempelte Postkarte berichtet davon, dass Frau Andorn mit ihren Töchtern an einem Sonntag Karoline Stenner in ihrer neuen Stellung bei Densberg besuchen würde. Sie arbeitete dort in der Familie eines Oberförsters.

Kulturbruch quasi über Nacht

Wenn man dieses Postkartenbild in Händen hält, kann man sich schwer vorstellen, dass es im Deutschen Reich mit der Machtübergabe an Adolf Hitler als Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 gleichsam über Nacht einen unbeschreiblichen Kulturbruch im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung gab. Gemünden ist nur ein Beispiel von vielen tausend Kommunen, in denen sich der von den NS-Machthabern gesteuerte Antisemitismus sofort breit machte. Schon im Sommer 1933 kam es in der Bunstruth wiederholt zu Ausschreitungen gegen jüdische Bürger, mit denen man jahrhundertelang friedlich zusammengelebt hatte. In Gemünden, wo die NSDAP mit 31 SA-Leuten (Sturmabteilung) und 26 SS-Angehörigen (Schutz-Staffel) ihren ältesten Stützpunkt im Kreis Frankenberg hatte, wurden im Sommer 1933 die Fensterscheiben der Wohnhäuser von Jacob Marx, Isidor Höxter und eben auch Jacob Andorn im Steinweg 25 erstmals eingeworfen. Sein Enkel Ludwig Strauß berichtete, dass nachts Steine durch das Fenster bis in sein Kinderbett flogen. Er erinnerte sich, wie vor dem kleinen Textilladen plötzlich Braunhemden mit Schildern „Kauft nicht bei Juden“ standen. Infolge des Boykotts musste sein Vater Isaak („Issi“) Strauß das Geschäft aufgeben.

In der Schule war Ludwig für die bisherigen Schulkameraden plötzlich ein „dreckiger Jude“, den seine Mutter auf dem Heimweg zum Schutz begleiten musste. Später wurden in Gemünden, wie überall im Reich, die jüdischen Kinder eine Weile in einer eigenen Schule unterrichtet, bis ihnen auch das Schulrecht entzogen wurde. Ludwig Strauß konnte mit seiner Schwester eine in Bad Nauheim eingerichtete jüdische Bezirksschule besuchen.

Vater misshandelt

Von dort wurde er auch am 10. November 1938 nach Hause gerufen. Er erfuhr, dass sein Vater Isaak in der Pogromnacht von den Nazi-Schlägern schrecklich misshandelt worden war. Im Polizeibericht hieß es verschleiernd, man habe ihn „wegen eines Sturzes… als Polizeigefangener der chirurgischen Klinik Marburg zugeführt“. Der örtliche Gendarmerie-Hauptwachtmeister forderte abschließend, Strauß in ein Konzentrationslager zu überweisen. Ludwig raste mit dem Fahrrad nach Marburg, wo er seinen Vater mit gebrochenen Rippen, Armen und Beinen vorfand. Der Sohn blieb bei ihm und schlief auf dem Fußboden am Krankenbett, bevor er am nächsten Tag zu der verzweifelten Familie zurückkehrte.

Zur Zwangsarbeit verpflichtet

1939 wurde Ludwig mit seinem Vater Isaak zur Zwangsarbeit an einem 35 Kilometer entfernten Luftwaffenstützpunkt verpflichtet. Am 8. Dezember 1941 wurde die gesamte Familie Strauß in Gemünden mit einem Lkw abgeholt und von Kassel in das Ghetto Riga/Lettland deportiert, wo der 15-Jährige noch eine Weile mit seiner Familie Zwangsarbeit leisten musste. Mutter Bella starb dort an Entkräftung, die Tanten Bessi und Flora Andorn wurden mit unbekanntem Ziel abgeholt und erschossen. In den auf dem leeren Lkw zurückgekehrten Kleidungsstücken fand sich auch ein Notizzettel seiner Tante Flora. Auch sein Vater wurde später ermordet, und nur wie durch ein Wunder überlebte Ludwig Strauß die Todeslager und konnte über England nach Amerika fliehen. Mehrmals kehrte er später für kurze Besuche nach Gemünden zurück, um dort die einzigen Gräber seiner Vorfahren zu besuchen.

Seine Mutter Bella und Schwester Bessi Strauß sind die beiden jungen Mädchen in Sonntagskleidern, die auf dem alten Postkartenbild von Karoline Schneider noch unbeschwert vor der Haustür stehen. Von Karl-Hermann Völker

Flora Andorn (geb. am 25. September 1894) wurde im Jahr 1943 erschossen.
Berta „Bella“ Strauß (geb. am 12. Oktober 1893) kam 1943 im Ghetto in Riga ums Leben.
Bessi Andorn (geb. am 3. Oktober 1898) wurde 1943 außerhalb des Rigaer Ghettos ermordet.

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