Fasziniert vom „Wunderwerk Klavier“

Wilfried Meister aus Gemünden übt seltenen Beruf des Klavier- und Cembalobaumeisters aus

Schönheit und gewaltige Kraft: Wenn der Gemündener Wilfried Meister die etwa 220 Saiten eines Flügels stimmt, weiß er als Klavierbauer, dass der schwere gusseiserne Rahmen des Instruments unter Zugspannung von etwa 16 bis 18 Tonnen steht. Solch ein exzellenter Klangkörper erfordert von ihm eine behutsame, aber perfekte Abstimmung.
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Schönheit und gewaltige Kraft: Wenn der Gemündener Wilfried Meister die etwa 220 Saiten eines Flügels stimmt, weiß er als Klavierbauer, dass der schwere gusseiserne Rahmen des Instruments unter Zugspannung von etwa 16 bis 18 Tonnen steht. Solch ein exzellenter Klangkörper erfordert von ihm eine behutsame, aber perfekte Abstimmung.

„Das 6000-Teile-Wunderwerk Klavier braucht regelmäßig eine Frau oder einen Mann vom Fach, die mit ihrer Inspektion für beste Stimmung und ein langes Klavierleben sorgen“, sagt Wilfried Meister in seiner Gemündener Werkstatt, während er mit dem Stimmhammer auf dem Wirbel behutsam eine Saite nachspannt und den Ton wieder und wieder erklingen lässt.

Gemünden – Der Klavier- und Cembalobauermeister hat einen der heute nur noch sehr seltenen, aber wie er sagt, „schönsten Berufe der Welt“, weil ihn die Vielfältigkeit der der Instrumente immer wieder faszinieren.

Seine Lebensgeschichte ist mit den Tasteninstrumenten eng verbunden. 1952 in Gemünden/Wohra geboren, probierte er mit sechs Jahren zunächst mal das Akkordeonspiel. „Frau Schneider aus dem Sudetenland entdeckte wohl mein Talent und empfahl mir, Klavier zu lernen“, erzählt Wilfried Meister. Dadurch lernte er aus Marburg Kurt Stein kennen, der regelmäßig nach Gemünden zum Klavierstimmen kam.

Feinarbeit für guten Klang: In seiner Werkstatt pflegt Wilfried Meister die Mechanik der Filzhämmer, die die Klaviersaiten anschlagen.

Nach Schulabschluss durfte er eine Woche lang in dem Marburger Pianohaus Stein mitarbeiten – und bekam 1967 prompt einen Ausbildungsvertrag. „Ich war damals der einzige Lehrling im Bezirk Kassel, und noch heute ist der Nachwuchs in diesem fast exotisch anmutenden Berufszweig dünn gesät.“

Wilfried Meister zeigte Durchhaltevermögen bei der langjährigen Ausbildung zum Klavier- und Cembalobauer: Dazu zählten Theorie der Musik- und Instrumentengeschichte vom Pflanzenrohr als Musikstab bis zum großen Konzertflügel, Akustik und Saitenberechnungen ebenso wie ganz viel praktische Arbeit, die er in den Pianowerkstätten Stein, Ibach (Schwelm) und Steinway (Hamburg) leistete.

„Als Grundlagen lernte ich bei Herrn Schendel in der Klavierfabrik Ibach in Schwelm den Flügelbau, das Intonieren und die Konzertstimmung.“ Mit diesem breiten Rüstzeug machte sich Wilfried Meister 1982 als Klavier- und Cembalobaumeister in Gemünden selbstständig.

Liebe zu alten Schätzen: Immer wieder kauft der Gemündener Klavierbaumeister alte, oft nicht mehr geachtete Instrumente auf und restauriert sie. So auch dieses Klavier, das aus der einst traditionsreichen Leipziger Werkstatt Zimmermann stammt. Seit 2013 werden Zimmermann-Instrumente in China produziert.

Seitdem sind viele historische und moderne Tasteninstrumente in seiner Werkstatt in Gemünden restauriert, umgebaut und gewartet worden.

„Klaviere bestehen aus hunderten von beweglichen Teilen. Wenn sie klemmen, verkleben, blockieren oder zerbrechen, müssen sie ausgetauscht oder repariert werden“, berichtet der Klavierbauermeister. Da sind zerbrochene Mechanikteile, Hammerstiele, Hammerköpfe oder Hebel und Dichtungen der Dämpfer zu ersetzen, Tastenbeläge zu erneuern, Risse im Klangkörper, gerissene Saiten und sich lösende Wirbel zu reparieren.

Für Wolfgang Dauner oder James Last die Konzertflügel betreut

Über seine handwerkliche Arbeit hinaus ist Wilfried Meister in der Region aber vor allem als Klavier- und Konzertstimmer geschätzt, der nicht nur in Wohnzimmern Tasteninstrumente regelmäßig stimmt, sondern auch gerufen wird, wenn die Internationalen Klaviertage in Bad Wildungen anstehen oder der Frankenberger Kulturring, dessen Mitglied er auch ist, einen Flügel für das Konzert eines hochkarätigen Künstlers vorhalten muss.

In seinem Leben hat Wilfried Meister schon für so prominente Musiker wie Wolfgang Dauner oder James Last die Konzertflügel betreut. „Das heißt nicht, dass ich inzwischen abgehoben habe. Nein, wer den Beruf liebt, der bleibt am Boden mit Respekt vor dem, was unsere Vorväter geschaffen haben, und in Demut vor den Grenzen des Machbaren.“ Über den Kawai-Flügel in der Frankenberger Ederberglandhalle, auch wenn er kein gläserner ist, bekam er heraus: „Er stammt von Udo Jürgens’ Patenkind!“

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