Zum Stand seiner Studien

Gemündener Aerosolforscher Scheuch: Atemtest soll Infektionen anzeigen

Forschungen zur Verbreitung von Viren: Der Karlsruher Vermessungs-Ingenieur Dr. Maximilian Weiß (links) und der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch haben gemeinsam diesen Resp-Aer-Meter entwickelt, der die Anzahl der in der Atemluft enthaltenen Aerosolteilchen misst. Archivfoto: Martina Biedenbach
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Forschungen zur Verbreitung von Viren: Der Karlsruher Vermessungs-Ingenieur Dr. Maximilian Weiß (links) und der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch haben gemeinsam diesen Resp-Aer-Meter entwickelt, der die Anzahl der in der Atemluft enthaltenen Aerosolteilchen misst.

Der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch kann mit einem Atemtest (Corona-)Infizierte erkennen. Er erläutert hier den Stand seiner Studien und gibt Tipps, wie man sich an Weihnachten vor Ansteckung schützt.

Gemünden – Der Gemündener Aerosolphysiker Dr. Gerhard Scheuch plant seit März diesen Jahres eine groß angelegte Studie in 100 Altenheimen. Der 66-Jährige will nachweisen, dass ein einfacher Atemtest, dem sich alle unterziehen, die das Heim betreten, die Bewohner und Mitarbeiter verlässlich vor Corona schützen kann. Das könnte dann auf viele andere Bereiche übertragen werden.

Der bisherige Gesundheitsminister Jens Spahn lehnte die finanzielle Förderung der elf Millionen Euro teuren Studie ab – mit der Begründung, sie habe keinen direkten Einfluss mehr auf das Geschehen und könne keine rasche Hilfe darstellen. „Ich vermutet, er dachte, die Pandemie wäre schnell vorbei“, sagt Scheuch. Jetzt setzt der Wissenschaftler auf den neuen Gesundheitsminister Karl Lauterbach.

Er hat aber auch eigene Studien initiiert – unter anderem mit Kindern.

Die Basis und These

Wie berichtet, warnt der renommierte Aerosolphysiker und ehemalige Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin seit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 vor der Ansteckung über die Atemluft. Das Virus vermehrt sich in der Lunge und gerät über Aerosolteilchen beim Atmen, Sprechen, Singen in die Raumluft. Zusammen mit dem Karlsruher Vermessungs-Ingenieur Dr. Maximilian Weiß von der Firma Palas hat er ein Gerät entwickelt, dass die Anzahl der in der Atemluft enthaltenen Aerosolteilchen misst. Dazu muss man nur über ein Mundstück einige Atemzüge von dem sogenannten Resp-Aer-Meter messen lassen.

Scheuchs Vermutung, dass eine hohe Anzahl von Aerosolteilchen auf eine Atemwegserkrankung schließen lässt – sei es Corona oder eine Erkältung – ist nach seinen Angaben mittlerweile „wissenschaftlich eindeutig bewiesen“. Und zwar durch zwei andere von ihm initiierte Studien:

Der Nachweis

Die Uniklinik Frankfurt hat Gesunde und Coronainfizierte sowohl PCR-Tests als auch dem Atemtest mit dem Resp-Aer-Meter unterzogen und herausgefunden, dass eine eindeutige Beziehung (Korrelation) zwischen der Virenlast, die beim PCR-Test ermittelt wurde, und der Menge der ausgeatmeten Aerosolteilchen, besteht. Also: Je höher die Virenlast, je höher ist auch die Anzahl der Aerosolteilchen.

„Ergebnis der Studie ist sogar eine Abstufung der Gefahr der Ansteckung“ sagt Scheuch: „Bis zu 1000 pro Minute ausgeatmete Aerosolteilchen sind unkritisch. Bei 1000 bis 3000 Teilchen ist eine Ansteckungsgefahr gering. Von 3000 bis 7000 gilt erhöhte Vorsicht. Bei über 7000 ist es sicher, dass die Person ansteckend ist.“

Eine dreimonatige Studie der Klinik Sonnenblick in Marburg hat mit dem Resp-Aer-Meter die Atemluft von Mitarbeitern sowie – als zweite Gruppe – die von Patienten, die an Langzeitfolgen von Covid (Post-Covid-Syndrom) leiden, gemessen. „Da kam auch ein interessantes Ergebnis heraus: Während Gesunde im Schnitt 200 Teilchen pro Minuten ausatmen, liegt die Menge bei den Post-Covid-Patienten auch nach der überstandenen Infektion noch bei zirka 800. Das ist allerdings nicht mehr im ansteckenden Bereich.“

Beide Studien betreffen aber nur Erwachsene, schränkt Scheuch ein. „Wie es bei Kindern aussieht, wissen wir noch nicht!“

Studie mit Kindern

Wie ansteckend sind Kinder? Dieser Frage geht Scheuch jetzt zusammen mit dem St.-Josef-Hospital in Bochum nach. Nachdem Jens Spahn auch die Förderung einer entsprechenden Untersuchung für Kinder abgelehnt hatte, haben der Gemündener Wissenschaftler und seine Mitstreiter einen Spendenaufruf gestartet. Es kamen etliche 10 000 Euro zusammen.

„Die Einschätzung des Infektionspotenzials bei Kindern ist aktueller denn je. Man geht davon aus, dass derzeit ein Viertel aller Coronainfizierten unter 15 Jahre alt sind“, sagt Scheuch.

Erste Ergebnis, die aber noch weiter verifiziert werden müssen, deuten an: Die Partikellast, die gesunde Kinder ausatmen, ist deutlich geringer als bei Erwachsenen. „Wie ist das bei infizierten Kindern? Das ist die spannende Frage, die wir mit der Studie klären wollen“, sagt Scheuch.

Relevanz der Studie

Der Gemündener betont die Relevanz seiner Studie: „ Wie sich herausgestellt hat, schützt Impfen zwar vor schweren Krankheitsverläufen, aber Geimpfte können ansteckend sein. Wir brauchen weitere Werkzeuge zur Eindämmung der Pandemie: Dazu gehören neben Tests zum Beispiel Innenraum-Hygiene, Lüften, Luftfilter.“ Er ist überzeugt, dass ein großflächiger Einsatz von Atemtests per Resp-Aer-Meter, der Superspreader schnell identifiziert, hilfreich ist. Deshalb wäre die Studie in den Altenheimen als Nachweis wichtig. (Martina Biedenbach)

Video-Podcast des Gemündener Aerosolwissenschaftlers Dr. Gerhard Scheuch (von links): Virologe Prof. Dr. Hendrick Streeck, Journalistin Nora Mahmoud und Dr. Gerhard Scheuch im Gespräch.

Aerosol-Experte Scheuch: So schützen Sie sich auf private Feiern vor Ansteckung

In einem aktuellen Video-Postcast auf Youtube gibt der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch Tipps, wie man sich bei Feiern, wie sie jetzt an Weihnachten, vor einer Ansteckung schützt:

Man sollte in Innenraum nur wenige Personen in einem möglichst großen Raum treffen; zudem die Feier splitten, Gäste zu verschiedenen Uhrzeiten treffen. Man sollte so oft wie möglich die Fenster öffnen und lüften. Das hilft, die ausgeatmeten Aerosole zu verdünnen und aus Zimmerluft zu entfernten.

Deren Konzentration sollte mit einem CO2-Messgerät kontrolliert werden. Niedrige CO2-Werte – zwischen 400 bis 500 PPM – , deuten auf guten Frischluftanteil hin. Bei höheren Werten, insbesondere ab 1000 PPM, sollte man unbedingt lüften.

Die Zeit spielt eine wichtige Rolle. Doppelte Aufenthaltszeit bedeutet fast vierfaches Infektionsrisiko. Also sollte man die Treffen so kurz wie möglich halten oder durch häufiges Lüften unterbrechen. Auch Gottesdienste sollten möglichst kurz sein. Eine Studie des Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck zum Ansteckungsgeschehen bei einer Karnevalssitzung in Heinsberg hat ergeben, dass Personen, die häufig den Veranstaltungssaal verlassen hatten, weniger stark infiziert waren. Also häufig mal vor die Tür gehen.

Als zusätzliche Maßnahmen empfiehlt Scheuch mobile Luftfilter, die der Größe des Raumes entsprechen. Sie helfen mit, Viren aus der Zimmerluft zu entfernen und das Infektionsrisiko zu minimieren. Es gibt sie für einige hundert Euro. Toiletten und Waschräume sind ebenfalls Orte mit erhöhtem Infektionsrisiko. Wenn sie schlecht belüftet sind, kann man sich infizieren, obwohl der Infizierte längst aus dem Raum ist.

Videopodcasts: https://youtu.be/l8twoZklOxo 
www.youtube.com/watch?v=1HxvMLryDDI 

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