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Gemündener Ärztin streitet mit KVH über Abrechnung von Patientenbesuchen bei ihr zuhause

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Von: Jörg Paulus

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Das Symbolbild zeigt, wie einem Patienten eine Blutprobe abgenommen wird.
Das Symbolbild zeigt, wie einem Patienten eine Blutprobe abgenommen wird. © dpa

Wie soll sich ein Arzt verhalten, wenn er von Patienten privat zuhause aufgesucht wird – also außerhalb der Sprechzeiten der Praxis? In dieser Frage streitet sich Dr. Dina Schweizer aus Gemünden derzeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen.

Gemünden – Es geht in dieser Auseinandersetzung zwischen Dr. Dina Schweizer und der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) nicht nur darum, ob sie Patienten außerhalb der Dienstzeit behandeln darf, sondern auch darum, wie sie solche Fälle mit der KVH abrechnen kann.

Dr. Dina Schweizer wohnt in Gemünden und hat mir ihrer Mutter Heide Bassaly eine Hausarztpraxis in Wohra. „Wir sind Ärztinnen vom alten Schlag, die nicht nach 50 Wochenstunden den Hammer fallen lassen und für den Patienten nicht mehr erreichbar sind. Wir arbeiten 70 bis 90 Stunden in der Woche. Wir sind immer Ärztinnen – nicht nur in der Zeit, die das Türschild angibt“, schreibt Dr. Schweizer an die Kassenärztliche Vereinigung.

Dr. Dina Schweizer, Ärztin aus Gemünden
Dr. Dina Schweizer, Ärztin aus Gemünden © privat

Die KVH stellt auf Nachfrage der HNA klar: „Die Versorgung von Patienten außerhalb der Praxis, zum Beispiel zu Hause, ist nur in Ausnahmefällen zulässig. Grundsätzlich behandeln Ärzte ihre Patienten am Ort ihrer Niederlassung, sprich in ihrer Praxis.“ Werde der Arzt vom Patienten außerhalb der Sprechzeiten zu Hause aufgesucht, so kann der Arzt dies als sogenannte unvorhergesehene Inanspruchnahme abrechnen. „Unvorhergesehen beinhaltet immer, dass die Initiative vom Patienten ausgeht ohne Veranlassung des Arztes“, erläutert KVH-Pressesprecher Karl Roth.

Was ist eine unvorhergesehene Inanspruchnahme?

Aber was ist unvorhergesehen? Auch darum geht es in dem Streit zwischen Dr. Schweizer und der KVH. Für eine unvorhergesehene Inanspruchnahme kann der Arzt 19 Euro pro Fall abrechnen, doch die KVH akzeptiere die eingereichten Fälle nicht, sagt Dieter Schweizer, der Mann von Dina Schweizer.

Die Fälle erfüllten aber die Kriterien der Gebührenordnung für eine unvorhergesehene Inanspruchnahme, sagt Dieter Schweizer. „Meine Frau hat die Leute nicht zu sich nach Hause einbestellt und auch ihre Handynummer nicht herausgegeben. Die Leute wissen aber, dass sie zuhause ist – da ist die Versuchung für die Patienten groß, dann auch zu kommen.“

„Wirklich ganz dringend ist vieles aus fachärztlicher Sicht hinterher betrachtet wahrscheinlich nicht“, gibt Dina Schweizer zu. „Der Patient sieht das aber anders.“ Die Ärztin nennt in ihrem Schreiben an die KVH mehrere Fälle, in denen sie von Patienten außerhalb der Praxiszeiten aufgesucht worden sei.

Ärztin nennt drei Beispiele

Drei Beispiele: Ein Patient wollte das Ergebnis seines PCR-Tests erfahren. Ein anderer hoffte, sie noch spät anzutreffen, weil er nicht in die Notaufnahme wollte – er hatte eine Lebertransplantation und hatte sich akut den Nacken verrenkt. Und ein dritter Patient quälte sich an Silvester mit Rückenschmerzen und kam „eben mal schnell bei mir zu Hause vorbei, weil unter 116117 sowieso nur noch Corona-Fälle seien“.

Insgesamt 48 solcher Fälle nennt Dr. Schweizer allein für einen Monat. Auf Nachfrage, ob es häufiger vorkomme, dass Ärzte so oft zuhause von Patienten aufgesucht werden, sagt KVH-Sprecher Karl Roth: „Dazu kann ich keine abschließende Auskunft geben, aber die Auffälligkeiten in der bekannten Praxis sind schon sehr hoch.“

Aber wie sollte sich ein Arzt in solchen Fällen verhalten? Roth: „Er sollte die Patienten auf die Sprechstunden der Praxis verweisen. Außerhalb der Sprechzeiten können die Patienten bei Bedarf den Ärztlichen Bereitschaftsdienst oder die Notfallambulanzen aufsuchen.“

Von Gemünden bzw. Wohra seien es zu den Kliniken in Frankenberg und Marburg gut 25 Kilometer, sagt Dieter Schweizer. „Wenn man das nicht anerkennt, ist das für die ländlichen Regionen fatal. Auf der einen Seite will man Ärzte auf dem Land haben, auf der anderen Seite geht man so rigoros vor wegen 19 Euro.“

Hemmschwelle für Krankenhausbesuch sei groß

Es gehe ihr nicht ums Geld, sagt Dina Schweizer. Sie spare dem System sogar viel Geld: „Ich kann in ganz vielen Fällen verhindern, dass die Leute ins Krankenhaus müssen.“ Und die Hemmschwelle, ins Krankenhaus zu gehen, wo man stundenlang rumsitze, sei für manche Patienten riesig. „Es ist für sie einfacher, zu mir zu kommen, weil ich sie ja kenne. Und warum soll ich das nicht machen, wenn ich doch da bin“, sagt sie. „Wenn das wegfällt, sind die Leute hier unterversorgt.“

Und was ist, wenn ein Arzt einen Patienten bei einem privaten Besuch ablehnt und dem Patienten dadurch etwas Schlimmeres passiert? „Der Arzt könnte sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen und ihm könnten berufsrechtliche Maßnahmen drohen“, sagt KVH-Sprecher Roth. „Das kommt aber auf den Einzelfall an und ist keine allgemeingültige Einschätzung.“

„Was soll ich in Zukunft machen?“, fragt Dina Schweizer. „Soll ich mich verstecken, die Leute wegjagen, sagen es interessiert mich nicht? Oder soll ich es so machen wie bisher?“

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