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Krieg in der Ukraine: Wie Gemündener Verwandten zur Flucht verhalfen

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Von: Martina Biedenbach

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Nach der Flucht in Gemünden angekommen: Oma Olga, die 15-jährige Christina, der Fahrer Wladislaw Timoschenko aus Gemünden mit Sohn Acen, Tante Sina, und der neunjährige Arsenij.
Nach der Flucht in Gemünden angekommen: Oma Olga, die 15-jährige Christina, der Fahrer Wladislaw Timoschenko aus Gemünden mit Sohn Acen, Tante Sina, und der neunjährige Arsenij. © Alevtina Fedorenko 

Die Floristin Alevtina Fedorenko berichtet von der dramatischen Flucht zweier älterer Frauen und zweier Kinder aus der Ostukraine nach Gemünden (Waldeck-Frankenberg).

Frankenberg/Gemünden – Nach sechs höchst dramatischen Tagen haben sie sich in die Arme geschlossen: Am Mittwoch um 2 Uhr morgens sind vier ukrainische Verwandte der Frankenberger Floristinnen Blumen-Twins in deren Wohnort Gemünden eingetroffen – übermüdet, sichtlich mitgenommen, aber unverletzt und erleichtert, in Sicherheit zu sein. Das berichtete am Mittwochvormittag Alevtina Fedorenko (43), eine der Zwillingsschwestern, die gemeinsam einen Blumenladen in Frankenberg betreiben, über die Flucht von zwei Kindern mit ihrer Großmutter und deren Schwester aus Marganez, einer 50 000-Einwohner-Stadt in der Ostukraine, 280 Kilometer östlich von Mariupol.

Dort lebten früher auch die Blumen-Twins. 1979, zu Sowjetzeiten, in Russland geboren, waren die Zwillinge 1982 mit Mutter und Großmutter (beide deutschstämmig) in die Ostukraine gezogen. Dort wurde vor allem russisch gesprochen. Die Mädchen lernten in der Schule ukrainisch. Und in der Schule lernte Alevtina auch ihren späteren Mann, den Ukrainer Maxym Fedorenko kennen, den sie als 17-Jährige heiratete, bevor sie 1996 mit Großmutter, Mutter und Schwester nach Gemünden übersiedelte, wo schon Verwandte lebten. Die Mädchen lernten schnell Deutsch, absolvierten den Realschulabschluss, machten eine Floristinnenlehre und betreiben seit vielen Jahren erfolgreich ihren Blumenladen. Alevtinas Mann war nach einem Jahr nachgekommen und hat sich mit dem Betrieb Möbelmontage Max selbstständig gemacht.

Flucht aus der Ukraine: Mutter bangte um ihre Kinder.

Am 10. Februar 2022 kam die Schwägerin von Max zu Besuch nach Gemünden. Oksana Fedorenko (42) wollte einige Wochen bleiben. Ihre Mutter kümmerte sich um die drei Kinder in der Ukraine: die Mädchen Diana (19), Christina (15) und den Jungen Arsenij (9). Keiner ahnte da, dass am 24. Februar Russland die Ukraine überfallen würde.

Der Schrecken und die Sorge nach dem plötzlichen Einmarsch russischer Gruppen war groß. Oksana fürchtete um das Leben ihrer Familie. „Wir müssen sie da rausholen“, waren sich auch die Verwandten in Gemünden einig. „Die ersten drei Tage ging gar nichts. Da hieß es, keiner darf rein oder raus“, sagt Alevtina.

Sie haben die Flucht organisiert: (von links) die Blumen-Twins Julia Bartel und Alevtina Fedorenko, die Ukrainerin Oksana Fedorenko, Jannes Payer (Fahrer) und Leonore Fedorenko im Blumenladen in Frankenberg.
Sie haben die Flucht organisiert: (von links) die Blumen-Twins Julia Bartel und Alevtina Fedorenko, die Ukrainerin Oksana Fedorenko, Jannes Payer (Fahrer) und Leonore Fedorenko im Blumenladen in Frankenberg. © Martina Biedenbach

Doch am Sonntag wurden kostenlose Zugfahrten aus der Stadt angeboten. Mutter Olga (63), Tante Sina (55) und zwei der Kinder – die 15-jährige Christina und der 9-jährige Arsenij, gelang es, sich gegen 14 Uhr einen Platz im Zug nach Lwiw in der Westukraine zu ergattern. Die 19-jährige Diana entschied, in der Ukraine zu bleiben, um gegen den Einmarsch der Russen zu kämpfen – so wie auch ihr Vater. Sie bastelt nun Molotowcocktails.

Flucht aus der Ukraine: 24 Stunden Fahrt in übervollem Zug

24 Stunden dauerte die Zugfahrt von Marganez nach Lwiw. Und das in drängender Enge: „Die vier Verwandten waren in einem Schlafwagenabteil mit vier Betten untergekommen. Auf den unteren Bettenreihen saßen jeweils fünf Menschen, zwei lagen auf den Betten an der Abteildecke, und im Abteil standen noch weitere Menschen. Die Fenster ließen sich nicht öffnen“, schildert Alevtina die Flucht. „Alle hatten Angst, dass unterwegs Bomben auf den Zug abgeworfen werden.“ Die Menschen im Zug hielten aber zusammen, alle zwei Stunden wechselten sich Stehende und Sitzende ab.

Die ganze Zeit über war Oksana von Gemünden aus per Handy in Verbindungen mit den Kindern, Mutter und Tante. Sie hatte recherchiert, dass Busse die Flüchtenden von Lwiw an die 70 Kilometer entfernte polnische Grenze bringen, und hatte vier Plätze in einem Bus gebucht. Sie dirigierte die Vier auch per Handy vom Bahnhof zum Busabfahrtplatz. Die Vier wurden, wie andere auch, von der Bevölkerung mit warmen Essen und Süßigkeiten versorgt.

Alle waren erleichtert, dass sie unverletzt in der Westukraine angekommen waren. Die russischen Truppen standen da schon kurz vor dem Heimatort Marganez. Am Montag gegen 16 Uhr startete der Bus in Richtung Polen. Die Verwandten in Gemünden hatten schon alles vorbereitet, um sie abzuholen. Ein Bekannter hatte einen Kleinbus mit sieben Plätzen bereitgestellt. Die wichtigste Frage war: Wie kommen Oksanas Kinder ohne Reisepass über die Grenze? Die 42-Jährige plante, mit dem Kleinbus zurück an die polnisch-ukrainische Grenze zu fahren. Zudem hatte Alevtina die Schwägerin bereits bei der Stadt Gemünden angemeldet. Den Anmeldeschein schickten sie den Kindern per WhatsApp.

Flucht aus der Ukraine: Verwandte in Polen abgeholt

In Deutschland rechneten sie damit, dass es mehrere Tage dauern würde, bis die Vier die Grenze überschreiten konnten. Doch dann ging alles ganz schnell. Am Montag um 20.30 Uhr meldeten sie: „Wir sind kurz vor der Grenze.“ Alevtinas Schwiegersohn Wladislaw Timoschenko (25) aus Gemünden und der Freund ihrer jüngeren Tochter Leonore, Jannes Payer (22), aus Münchhausen, machten sich als Fahrer mit Oksana am Montag um 23 Uhr kurz entschlossen auf dem Weg. Die Arbeitgeber der jungen Männer gaben ihnen kurzfristig frei. Auf der Fahrt nach Polen erfuhren sie, dass die Vier schon in Polen waren. Die Meldebescheinigung aus Gemünden auf dem Handy hatte ausgereicht, dass auch die Kinder über die Grenze kamen.

Auch in Polen wurden die Flüchtenden freundlich aufgenommen, mit Essen versorgt, und der Bus, mit dem sie zur Grenze gefahren waren, durfte die Menschen noch weiter in Richtung Westen transportieren, bis zum Hauptbahnhof in Lublin. Dort holten Oksana und die beiden Männer die Vier ab. Sie fuhren gleich zurück nach Gemünden, wo sie am Mittwoch gegen 2 Uhr eintrafen, duschten, etwas aßen und ausruhten.

Flucht aus der Ukraine: Stadt Gemünden leistet Unterstützung

Den vier Verwandten aus der Ukraine werden in den nächsten Tagen sieben weitere folgen. „Vielleicht werden es auch 14 oder mehr“, sagte Alevtina Fedorenko.

Große Unterstützung erfährt die 43-Jährige durch den Gemündener Bürgermeister Frank Gleim. Er hat nicht nur unbürokratisch dafür gesorgt, dass ihre Schwägerin Oksana Fedorenko eine Meldebescheinigung bei der Stadt erhielt und so problemlos ihre beiden minderjährigen Kinder über die Grenze bringen konnte, sondern auch schon über die Baugenossenschaft Frankenberg eine Zweizimmerwohnung für die vier Geflüchteten in Gemünden ausfindig gemacht. Auch für die sieben erwarteten Verwandten hat er schon Wohnungen in Aussicht.

„Dass rechtliche Fragen noch nicht geklärt sind, etwa wie der Aufenthaltsstatus der Ukrainer ist und wer für ihren Unterhalt zuständig ist, das ist sekundär“, sagt Gleim.

Die Flüchtlinge, die mit kleinem Gepäck eingetroffen sind, brauchen nun Kleidung, Hausrat und Möbel. „Die Familie Herzog stellt im Industriegebiet in Gemünden Räume als Zwischenlager bereit“, informiert Gleim. Da in der Gemündener Kernstadt rund 25 Prozent der Bevölkerung Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion haben, rechnet er mit vielen weiteren Flüchtlingen aus der Ukraine in der Wohrastadt. Alevtina Fedorenkos Ehemann Max kann Möbel bei den Spendern abholen. Die Verwandten aus der Ukraine werden die Kleider- und Hausratspenden sortieren und den eintreffenden weiteren Ukrainern zur Verfügung stellen.

„Es werden noch viele Menschen kommen. Marburg meldete heute 80 Flüchtlinge“, sagt Alevtina.

Auch im Geschäft der Blumen-Twins in Frankenberg in der Röddenauer Straße 9a, Tel. 0 64 53/71 84 88, können Spenden abgegeben werden. (Martina Biedenbach)

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