Seine Hypothese verdichtet sich

Corona: Gemündener Aerosolexperte Scheuch kommt Ziel näher, Infizierte per Atemtest zu erkennen

Forschungen über Verbreitung von Viren: Der Karlsruher Vermessungs-Ingenieur Dr. Maximilian Weiß (links) und der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch haben gemeinsam diesen Res-Aer-Meter entwickelt, der die Anzahl der die Anzahl in der Atemluft enthaltenen Aerosolteilchen misst.
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Forschungen über Verbreitung von Viren: Der Karlsruher Vermessungs-Ingenieur Dr. Maximilian Weiß (links) und der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch haben gemeinsam diesen Res-Aer-Meter entwickelt, der die Anzahl der die Anzahl in der Atemluft enthaltenen Aerosolteilchen misst.

Der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch hat das Ziel, mit einem Atemtest (Corona-) Infizierte zu erkennen. Wie weit er mit den Forschungen vorangekommen ist, das berichten wir hier.

Gemünden – Im Firmengebäude des Gemündener Aerosolexperten Dr. Gerhard Scheuch, in dem sein Unternehmen Bio-Inhalation und andere Firmen untergebracht sind, checken die Mitarbeiter täglichen ihren Atem. Sie atmen durch ein Mundstück in ein Gerät, das die Zahl der mit der Luft ausgeatmeten kleinsten Partikel ermittelt. Wenn es statt weniger hundert pro Minute mehrere tausende Aerosolteilchen sind, dann sind sie wahrscheinlich Virenverbreiter, wenn es mehrere 10 000 Teilchen sind, dann eventuell sogar „Superspreader“ oder „Superemitter“ – also Virenträger, die beim Ausatmen extrem viele Erreger abgeben.

„Wenn das der Fall wäre, würde ich schnell den Raum verlassen“, sagt der Physiker und ehemalige Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, Gerhard Scheuch. Wie im Oktober berichtet, hat er zusammen mit dem Messtechnik-Ingenieur Dr. Maximilian Weiß von der Karlsruher Firma Palas und mit der Gemündener Firma Activoris den Resp-Aer-Meter konstruiert – ein Gerät, mit dem man die Anzahl ausgeatmeter Aerosolteilchen erfassen kann. Bisher war das nur in Labors möglich.

Der Resp-Aer-Meter liefert die Basis für ein großes Forschungsziel: mittels eines einfachen Atemtests Corona- und andere Infizierte zu erkennen. Dazu betreiben Scheuch und die Karlsruher Firma zusammen mit Lungenkliniken in Moers, Frankfurt/Main und Marburg Grundlagenforschung auf Hochtouren – in einer offiziellen Studie.

Es gibt nur relativ wenige Super-Virenverbreiter. Und die gilt es, aus einer Menge herauszufinden.

Dr. Gerhard Scheuch, Arosolexperte

Die Annahmen, die es zu überprüfen gilt: Enthält die Atemluft von Infizierten generell mehr Partikel als die von Gesunden? Kann man an der Anzahl der ausgeatmeten Aerosolteilchen erkennen, ob jemand infiziert ist?

Dazu ist bisher schon bei mehrere hundert Testpersonen, meist Marburger Studenten, der Anteil der Aerosole in der Atemluft gemessen worden. „Unsere Hypothese verdichtet sich“, sagte Scheuch in dieser Woche.

„Wir haben mehrere Probanden gefunden, die tatsächlich Superemitter waren, also viele Teilchen ausgeatmet haben. Unter allen Superemittern gab es keinen einzigen, der nicht mit einem Erreger infiziert war – seien es Corona- oder andere Viren. Eine Testperson war zum Beispiel Superemitter ohne Symptome. Er bekam am nächsten Tag prompt eine Erkältung.“

Für die Studie in Gemünden wird nur bei Superemittern ein Coronatest gemacht. Die Kliniken konzentrieren sich bei ihren Messungen auf Coronapatienten. „Manche von ihnen sind Superemitter, andere atmen zwar auch mehr Partikel aus als Nichtinfizierte, aber längst nicht so große Mengen“, sagt Scheuch. Darin spiegele sich das Phänomen wider, das man aus der Epidemiologie kenne: dass nur zirka zehn Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Ansteckungen verantwortlich seien und 75 Prozent der Infizierten überhaupt niemanden ansteckten. „Es gibt nur relativ wenige Super-Virenverbreiter. Und die gilt es, aus einer Menge herauszufinden“, sagt der Forscher.

Sollte sich die Annahme bestätigen, dass man mit dem Atemtest die Verbreiter von Viren feststellen kann, dann könnte man solche Geräte zum Beispiel in Altenheimen oder Krankenhäusern zum Virentest nutzen. In nur wenigen Minuten sieht man das Ergebnis. 18 000 Euro kostet ein Resp-Aer-Meter, den die Firma Palas herstellt. Den Traum, dass es bald ein Testgerät in Handygröße gibt, hält Scheuch nicht in absehbarer Zeit für umsetzbar. „Die Technik ist wahnsinnig kompliziert. In den USA und an der Uni Göttingen haben sie dafür raumfüllende Apparate.“ Der Resp-Aer-Meter hat hingegen nur etwa die Größe von zwei Schuhkartons.

Neue Frage: Sind Geimpfte ansteckend?

Eine weitere spannende Forschungsfrage ergibt sich für den Gemündener Physiker Gerhard Scheuch in Zusammenhang mit den bevorstehenden Coronaimpfungen. Können Geimpfte andere anstecken? „Auch wer geimpft ist, kann sich ja noch infizieren, wird aber selbst kaum Krankheitssymptome entwickeln, weil ja sein Immunsystem dagegen arbeitet. Was für ein Studiendesign müssen wir nun entwickeln, um herauszufinden, ob Geimpfte andere anstecken?“

Über diese Fragen tauscht sich der Gemündener mit namhaften Wissenschaftlern aus. Mit Prof. Dr. Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, besprach er kürzlich, dass auch Geimpfte weiterhin Mund-Nasen-Schutz tragen sollten.

Der 66-jährige Gemündener Forscher, der sich nach einer unfallbedingten Querschnittlähmung vor zweieinhalb Jahren weitgehend aus der Forschung zurückgezogen hatte, ist aufgrund von Corona nun wieder mittendrin im Forschungsgeschehen. Seit dem Frühjahr betreibt der Aerosolexperte Aufklärung darüber, dass die Coronainfektionen fast ausschließlich in Innenräumen über Partikel in der Luft geschehen. Auf seine Initiative hin hat die Gesellschaft für Aerosolforschung, „die ja der eigentliche der Kompetenzträger in Bezug auf Aerosole ist“, wie er sagt, sich nun auch mit einem Positionspapier zu Wort gemeldet (info.gaef.de/positionspapier).

Bei Gerhard Scheuch steht das Telefon nicht still. Er berät Vertreter von Kommunen, Kirchen, Chören, Schulen, Kultureinrichtungen und viele mehr – insbesondere zum Thema Lüften und Einsatz von Luftfiltern (beides sollte sich ergänzen). Und das alles unentgeltlich. Von Martina Biedenbach

Tipps für Treffen an Weihnachten

„Wir wissen inzwischen ganz sicher, dass die Übertragung von SARS-CoV-2-Viren, die zu einer COVID-19-Erkrankung führen, nahezu ausschließlich in Innenräumen stattfindet“, sagt der Gemündener Aerosol-Experte Gerhard Scheuch. Statt sich mit der ganzen Familie stundenlang beim Essen um einen Tisch zu versammeln, sollte man sich lieber zu einem Spaziergang verabreden und draußen eine oder zwei Stunden miteinander verbringen und sich dann vor der Tür wieder verabschieden.

Treffen in geschlossenen Räumen sollten nur mit wenigen Personen stattfinden, so kurz wie möglich sein und es sollte regelmäßig gelüftet werden.

Wenig Verständnis hat der Aerosolexperte für Ausgangssperren, wie sie jetzt auch im Landkreis Waldeck-Frankenberg von 21 bis 5 Uhr verhängt wurden. „Statt die Leute daran zu hindern rauszugehen, sollte man alles tun, dass sie sich im Freien aufhalten“, sagt er. Auch auf seiner Facebookseite nimmt er dazu Stellung.

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