Weiße Fahnen am Kirchturm: John Löwer ging den Soldaten entgegen

Karfreitag 1945: Als die Amerikaner in Gemünden einmarschierten

Weithin sichtbar: Aus allen Luken des Glockenstuhls im Gemündener Kirchturm hingen am Karfreitag 1945 weiße Bettlaken, um den heranrückenden Amerikanern eine friedliche Aufgabe der Stadt zu signalisieren. Das
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Weithin sichtbar: Aus allen Luken des Glockenstuhls im Gemündener Kirchturm hingen am Karfreitag 1945 weiße Bettlaken, um den heranrückenden Amerikanern eine friedliche Aufgabe der Stadt zu signalisieren. Das

An Karfreitag, 30. März 1945, war in Gemünden der Zweite Weltkrieg zuende: Die Amerikaner marschierten in der Wohrastadt ein.

Gemünden – Im März wäre die Gemündenerin Minna Golde geb. Engelland 100 Jahre alt geworden. Ihr Sohn Wilfried Golde erinnert sich gern an seine bereits 2009 verstorbene Mutter, weil er ihr als Kind oft zuhörte, wenn sie von früher erzählte.

Angeregt durch Zeitzeugenberichte in der HNA im vergangenen Jahr zum Kriegsende 1945, schrieb der 70-jährige Diakon ihre Erlebnisse vom Karfreitag, 30. März 1945, auf, als die Amerikaner in Gemünden einmarschierten. Mutige Bürger verhinderten zum Glück, dass von unbeirrbaren Nazis geforderter Widerstand kurz vor Kriegsende noch einmal zu selbstmörderischem Kampf und Opfern in der Stadt geführt hätte.

Schon vor 1933 gab es in dem Wohrastädtchen eine große Anhängerschaft der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). „Nach Hitlers Machtübernahme wurde unsere Stadt von einer starken NSDAP-Gruppe regiert, und das war auch im März 1945 noch so“, berichtet Wilfried Golde. Als man schon Tage vor dem Anrücken der US-Streitkräfte Geschützdonner hörte, bauten Mitglieder der Partei und der Hitlerjugend an der Grenze zum Nachbarort Wohra Barrikaden auf, die jedoch nachts von dortigen Bürgern wieder weggeräumt wurden.

Minna Engelland, ab 1949 verheiratete Golde, schilderte die beherzte Übergabe ihrer Stadt an die einrückende US-Armee.

Auch viele Gemündener wollten verhindern, dass ihr Städtchen zerstört wurde. „Zwei Männer stiegen nachts mit Stangen und weißen Bettlaken im Gemündener Kirchturm hoch und hängten die weißen Fahnen aus den Schallluken in alle vier Richtungen“, zitiert Wilfried Golde seine Mutter. „Der Aufstieg war höchst gefährlich, weil an den senkrechten Leitern stellenweise die Sprossen fehlten.“ Wieder unten angekommen, wurden die beiden Mutigen von NS-Parteianhängern aufgefordert, die Fahnen sofort wieder zu entfernen. „Ja, hochgebracht haben wir sie, aber runterholen – das macht ihr!“ Alles in Gemündener Platt. „So blieben sie oben. Und bald hingen auch an vielen Gebäuden der Stadt weiße Fahnen.“

Unter den Gemündener Bürgern war John Löwer, der längere Zeit in den USA gelebt hatte und den sie deshalb den „Amerikaner“ nannten. Er wurde beauftragt, sich den amerikanischen Truppen an der Struthmühle mit einem weißen Tuch entgegenzustellen. „Nun stand er da unten, mutterseelenallein mit seinem weißen Fähnchen in der Hand, und die Spitze der US-Kampfpanzer kam ihm auf der heutigen alten Wohraer Straße entgegen. Der erste Panzer fuhr vorbei, der zweite hielt an, und er sagte dem Kommandanten: Gemünden werde sich ergeben. Er könne aber auch nicht ausschließen, dass aus einzelnen Häusern noch Schüsse fallen könnten“, berichtete Minna Golde.

Luftschutzspritze im Rathaus: Unter dem Gemündener Gemeindewappen hingen diese Schilder mit Hakenkreuzen bis Kriegsende 1945.

Wie 1945 an jedem Ortseingang üblich, gaben die Amerikaner einen Warnschuss ab, der die Scheune von Gerwin Bornmann (Ecke Lindenstraße/Moischeider Straße) traf und sie in Brand setzte. „Meine Mutter mit Familie beobachtete am Karfreitag 1945 den Einmarsch aus dem Kellerfenster ihres Hauses in der Lindenstraße. Als alles friedlich blieb, wagten sich einige Männer auf die Straße. Und so blieb unser Gemünden vor der Zerstörung verschont“, berichtet Wilfried Golde. Der Parlamentär John Löwer sagte später in der Polsterer-Werkstatt seines Opas Wilhelm Engelland: „Weißt du, Wilhelm, das war gar nicht so einfach, mich da unten hinzustellen, die hätten mich ja auch einfach über den Haufen knallen können!“

Obwohl bereits der Krieg im März 1945 längst verloren war, ließ das Hitler-Regime bis Anfang Mai an vielen Fronten weiterkämpfen und opferte so sinnlos tausende von Menschenleben. Es folgten für Millionen Gefangenschaft, Flucht und Vertreibung. Wilfried Goldes Vater Heinrich kam erst im Januar 1948 aus Kriegsgefangenschaft in Schottland zurück. Ein Jahr später heiratet er Minna Engelland. „Acht Jahre und fünf Monate war er von zu Hause weg. Mein Petter Wilhelm Engelland jun. kehrte erst 1949 aus dem heutigen Kroatien aus jugoslawischer Gefangenschaft heim.“

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