Gemündener Therapeutin Dr. Angelika Stenner sucht Nachfolger

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Sucht einen Nachfolger für ihren Sitz als Psychotherapeutin: Dr. Angelika Stenner in ihrer Praxis in Gemünden.

Gemünden. Dr. Angelika Stenner arbeitete seit über 25 Jahren als niedergelassene Ärztin in Gemünden. Nun hat die 65-Jährige ihre Tätigkeit aufgegeben und findet keinen Nachfolger.

Das ist ein Problem für ihre Patienten. Denn Stenner ist die einzige praktizierende Fachärztin für psychotherapeutische Medizin in der Kommune. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Auch die Wartezeiten im Umkreis sind lang. Dabei zeigen die Daten der Krankenkassen, dass die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen zunehmen.

„Mich fragen immer wieder Patienten, wo sie denn hingehen sollen. Eine Antwort habe ich für sie nicht“, sagt Stenner. Regelmäßig tausche sie sich mit Kollegen im Kreis aus. Viele Kollegen hätten Wartelisten für sechs Monate und mehr. So ist es auch einer ihrer Patientinnen ergangen, die Stenner schon viele Jahre begleitet.

Drei Therapeuten habe sie bereits kontaktiert, alle drei hätten sie vertröstet, sagt die Frau aus Frankenberg, die anonym bleiben möchte. Oft müsse man mehrere Monate warten bis zum Erstgespräch und dann passe es womöglich nicht. Sie sagt: „Auf dem platten Land ist es grundsätzlich schwierig einen Therapeuten zu finden. Noch schwieriger ist es, den Richtigen zu finden.“

Eine Psychotherapie sei schließlich anders als eine Behandlung bei Fachärzten, zu denen man nur wenige Male fahre. „Bei einem Therapeuten muss die Chemie und die Methode stimmen“, sagt die Frankenbergerin. Man müsse ein Vertrauensverhältnis aufbauen und besuche den Therapeuten in vielen Fällen regelmäßig über eine lange Zeit.

Während sie bereit sei, einige Kilometer zu fahren, sagt sie auch: „Ich bin mal eine Weile nach Marburg gegangen, weil ich zu einem Psychoanalytiker wollte. Aber das ist auf Dauer regelmäßig nicht wirklich umsetzbar, wenn man nebenbei auch noch Job und Familie unter einen Hut bringen muss.“

Realität und Praxis klafften auseinander, wenn man sich die Zahlen und die Not der Patienten anschaue: Da sind sich Stenner und die Frankenbergerin einig. Denn der Landkreis gilt als überversorgt. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Hessen gibt es 41 Therapeuten-Sitze in Waldeck-Frankenberg - neun mehr als notwendig.

Das heißt: Sich neu niederzulassen ist für Therapeuten fast unmöglich. Stattdessen werden bestehende Praxen weitergegeben. Stenners Sitz ist seit Februar 2016 ausgeschrieben. Einen halben Kassensitz hat sie bereits abgeben können. Allerdings an einen Therapeuten, der in Korbach praktiziert. Diese Abgabe sei beim zuständigen Zulassungsausschuss durchgegangen. Für die andere Hälfte habe es eine Interessentin aus dem Südkreis gegeben. Die beiden seien jedoch mit ihrem Anliegen beim Ausschuss gescheitert. In einem Gutachten habe es geheißen, die Frau müsse in Gemünden arbeiten. Sie wollte aber nur einen Tag pro Woche dort arbeiten und ansonsten an ihrem Wohnort. „Somit erlischt der Sitz wohl“, sagt Stenner.

Sie werde ihre verbliebenen Patienten noch bis zum Sommer betreuen, sagt Stenner. Was danach kommt? Stenner zuckt mit den Schultern. Ein halbes Jahr habe sie ja noch, um einen Nachfolger zu finden. Aber: „Hoffnung habe ich wenig.“

So findet man Hilfe: 

Ab dem 1. April 2017 vermitteln die Terminservicestellen der KV Hessen unter 069/4005 0000 auch Erstgespräche mit Therapeuten.

Eine Liste zugelassener Psychotherapeuten im Kreis findet man auf: www.arztsuchehessen.de

Unter besonderen Umständen muss die Krankenkasse auch die Kosten für die Therapie bei einem Psychotherapeuten ohne Kassensitz erstatten. Wie das Kostenerstattungsverfahren funktioniert, erklärt die Bundespsychotherapeutenkammer auf www.bptk.de unter Publikationen und dann Infomaterial.

Die Nummer einer kostenlosen, anonymen und rund um die Uhr erreichbaren Telefonseelsorge lautet 0800/1110111.

Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt oder Therapeut. Bei akuten Krisen kann man sich auch an die Vitos-Klinik in Haina wenden: 06456/910

Viele weitere Informationen und Erklärungen zu Begriffen gibt es auch auf www.therapie.de.

Mehr zum Thema, der Situation im Landkreis, der Reaktion der Kassenärztlichen Vereinigung und geplanten Reformen lesen sie in der gedruckten Donnerstagsausgabe der Frankenberger Allgemeinen.

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