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Gendern bleibt umstritten - gerechte oder falsche Sprache?

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Von: Achim Rosdorff

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Die beiden Deutschlehrerinnen und Fachvorsitzenden der Christian-Rauch-Schule, Sonja Wahle und Anika Michel, engagieren sich für das Gendern.
Die beiden Deutschlehrerinnen und Fachvorsitzenden der Christian-Rauch-Schule, Sonja Wahle und Anika Michel, engagieren sich für das Gendern. © Barbara Liese

Gendern bleibt umstritten. Welche Sprachformen sind geschlechtergerecht oder grammatikalisch richtig? In Bad Arolser Schulen und Behörden sind Kompromisse angesagt.

Die Idee des Genderns in Deutschland ist nicht neu und wird kontrovers diskutiert. Schon seit den 1970er Jahren wird darüber nachgedacht, wie und ob die deutsche Sprache geschlechtergerecht werden kann. Die Debatte hat mit der offiziellen Einführung der Diversität Fahrt aufgenommen. Im Gendern sollen sich alle Geschlechter wiederfinden, ohne dass geschlechtsspezifische Ausdrücke genutzt werden. Das eine tun ohne das andere zu lassen, das klingt wie die Quadratur des Kreises. So stehen sich Befürworter und Kritiker oft unversöhnlich gegenüber. Die Sprache soll diskriminierungsfrei werden und niemanden ausschließen, sagen die einen. Die anderen meinen, Gendern sei in erster Linie Ideologie und fürchten, unsere natürlich gewachsene Sprache zu verlieren.

Das ‚kleine Gendern’ als Paarform wie „lieber Leser und liebe Leserinnen“ akzeptieren wohl alle. Ein Grund, warum die Stadtverwaltung Bad Arolsen bei dieser Regelung bleibt. „Grundsätzliche Regelungen zum Gendern haben wir bisher nicht erlassen“, erklärt Udo Jost, Erster Stadtrat, und betont: „Wir bemühen uns, in der internen und externen Kommunikation möglichst geschlechtsneutrale Begriffe zu nutzen. Wenn das nicht möglich ist, nutzen wir meist die Paarform. Grundsätzlich muss gewährleistet sein, dass Texte weiterhin verständlich bleiben. Im Rahmen des Diskriminierungsschutzes zum Merkmal ‘Geschlecht’ nutzen wir im Stellenausschreibungsverfahren die Formulierung w/m/d.“ Eine Form, die in Bad Arolsen bei vielen offiziellen Schreiben beliebt ist. Wie die anderen Parteien des Stadtparlaments begrüßen auch die Grünen auf ihrer Website die Besucher mit ‚Liebe Leserinnen und Leser’. Wenn man in den Polizeimeldungen der vergangenen Wochen dagegen ausschließlich von ‚Tätern’ spricht, meint man wohl eher Männer und nicht das generische Maskulinum. Genau diese grammatikalische Form, so die Vertreter der neuen Sprachformen, aber gilt es zu umgehen.

Mit ihr assoziiere man in erster Linie Männer. Geschlechterstereotype sollten deshalb reduziert und Diskriminierung vermieden werden. Ein Anliegen, das auch den beiden Deutschlehrerinnen und Fachvorsitzenden der Christian-Rauch-Schule, Sonja Wahle und Anika Michels, sehr am Herzen liegt. Beide gendern konsequent im Unterricht mit Sternchen und glottalem Stopp, der kurzen Sprechpause zwischen dem Hauptwort.

Die sprachlichen Hürden und ein gelegentliches Stolpern nehmen sie sportlich. „Man muss sich auch an diese Kommunikation gewöhnen. Wenn andere aufmerksam werden durch die Art, wie wir sprechen und schreiben, ist das nur gut“, sagt Sonja Wahle und betont: „Für uns entsteht so eine gerechte, respektvolle und diskriminierungsfreie Sprache. Niemand wird ausgeschlossen, auch nonbinäre Personen gehören dann sicht- und hörbar zu unserer Gesellschaft.“

Anika Michel meint, dass Sprache die Realität widerspiegeln solle und sagt: „Schüler und Schülerinnen kennen ja oft die biologischen Hintergründe nicht. Auch diese Grundlagen müssen thematisiert werden, um gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Sprache kann dabei Impulse geben. Wir beobachten auch, dass Schüler und Schülerinnen immer häufiger gendern.“

Widersprüche

Die Kultusministerien sehen das Lehren der geschlechtergerechten Sprache dagegen kritisch. Bisher entsprechen diese Varianten mit Satz- und Sonderzeichen nicht dem amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung.

Schulleiter Markus Wagener sieht die Gender-Diskussion eher sachlich.
Schulleiter Markus Wagener sieht die Gender-Diskussion eher sachlich. © Barbara Liese

Schulleiter Markus Wagener sieht die Diskussion eher sachlich: „Solange das Kultusministerium keine einheitlichen Vorgaben macht und das Regelwerk nicht geändert ist, sollte das Gendern mit Sonderzeichen hier kein Thema sein. Ich bin auch nicht sicher, wo der Gewinn dieser Diskussionen sein soll. In meiner ganzen Schullaufbahn habe ich bis heute auf unsere Stellenausschreibungen keinen Menschen getroffen, der sich mit ‚d’ beworben hätte. Zudem ist fraglich, ob diese Personen das Gendern überhaupt nutzen, wenn damit eine geschlechtsbezogene Identität im Vordergrund steht. Es wird aber einigen sicher schaden. Denn Nichtmuttersprachler, Menschen mit Leseschwäche, Hörbehinderung oder kognitiver Einschränkung stehen vor einer noch größeren Herausforderung. Gendersprache würde sie auf andere Weise diskriminieren und sie wäre wohl auch nicht respektvoll.“

Vor allem, so scheint es, tun sich Leseratten und Literaturfreunde schwer mit der neuen Sprachform. Viele Autoren und andere prominente Sprachliebhaber haben sich als entschiedene Gender-Gegner geoutet. Kann man sich einen gegenderten Fantasie-Roman oder Krimi vorstellen? Wird Juli Zeh in ihren Romanen gendern? Was tun mit Biografien? Das Genderdeutsch steht vor einem Dilemma. Vielfalt zeigt sich bei rigider Anwendung nicht mehr bunt und vielseitig, sondern reduziert sich auf neutrale, farblose Allzweckformulierungen.

Alexandra Lux, Buchhändlerin in Bad Arolsen, kann sich Gendern in der Literatur nicht vorstellen.
Alexandra Lux, Buchhändlerin in Bad Arolsen, kann sich Gendern in der Literatur nicht vorstellen. © Barbara Liese

Auch Alexandra Lux, Buchhändlerin in Bad Arolsen, kann sich Gendern in der Literatur nicht vorstellen und sagt: „Lesen soll ja auch Spaß machen. Wir haben viele Stammkunden, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass einem von ihnen ein gegenderter Roman Spaß machen würde. Das Arbeitszeug der Schriftsteller ist die Sprache. Sie entscheidet, was aus einer inhaltlichen Idee am Ende wird. Im Gendern geht aber der Sprachfluss verloren. Der Leser wird abgelenkt und muss bei den Protagonisten immer wieder überlegen, welches Geschlecht denn nun gemeint ist. Mit aufmerksamer Sprache die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung zu stärken oder zu steigern ist ohne Zweifel ein guter Weg. Sprache braucht aber Zeit, um sich zu verändern. Um allgemein verbindliche Formulierungen zu finden, muss noch viel nachgedacht werden. Offene Diskussionen zum Thema werden uns sicher weiterbringen, als vorschnelle Vorschriften.“        Barbara Liese

Akzeptierte Genderformen

Es gibt verschiedene Genderformen, doch die Gesellschaft für deutsche Sprache empfiehlt nur zwei Formen: Leser und Leserinnen (eindeutigste Form) und Lesende, aber nicht LeserInnen, Leser_innen, Leser*innen und Leser:innen.

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