Letzte steinerne Zeugen

Jüdische Grabsteine in Frankenberg sind im Internet zugänglich

Ein Stück Geschichte der Stadt: Gemeinsam entzifferten vor neun Jahren auf dem Jüdischen Friedhof Frankenberg (von links) Stadtarchivar Dr. Horst Hecker, Hanna Salomon und Prof. Dr. Klaus Werner (beide Frankfurt) die ältesten Inschriften der 72 erhalten gebliebenen Denkmale, die nun über das LAGIS-Portal für jedermann zugänglich sind. Auf dem Grabstein in der Mitte deuten die zum Aaronssegen gespreizten Hände auf einen Angehörigen des Stammes der Kohanim hin.
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Ein Stück Geschichte der Stadt: Gemeinsam entzifferten vor neun Jahren auf dem Jüdischen Friedhof Frankenberg (von links) Stadtarchivar Dr. Horst Hecker, Hanna Salomon und Prof. Dr. Klaus Werner (beide Frankfurt) die ältesten Inschriften der 72 erhalten gebliebenen Denkmale, die nun über das LAGIS-Portal für jedermann zugänglich sind. Auf dem Grabstein in der Mitte deuten die zum Aaronssegen gespreizten Hände auf einen Angehörigen des Stammes der Kohanim hin.

Jüdische Grabsteine in Frankenberg sind jetzt auch im Internet zugänglich

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren vor, dass Gäste aus Übersee die Stadt Frankenberg als Heimatort ihrer jüdischen Vorfahren aufsuchten. Dann begleitete sie Stadtarchivar Dr. Horst Hecker zum Jüdischen Friedhof am Gernshäuser Weg, ging mit ihnen zu den Grabstellen von Großeltern oder anderer Verwandten und erlebte mit, wie sie im Gedenken an sie das „Kaddisch“ beteten.

Manchmal fiel dann die Äußerung: „Diese Gräber sind für uns der einzig noch vorhandene, authentische Ort der Erinnerung. Den Menschen, die in den NS-Tötungsfabriken des Holocaust umkamen, wurde selbst eine letzte Ruhestätte verwehrt.“

Für sein 2011 erschienenes, in Hessen einzigartig umfassendes Werk „Jüdisches Leben in Frankenberg“ hat Dr. Hecker auch sämtliche 72 Grabsteine des jüdischen Friedhofes in Frankenberg fotografiert, beschrieben und ihre Inschriften, soweit noch lesbar, entziffert.

Im dritten Teil des fast 600-seitigen Buches nahm er sie alle in seine Dokumentation als „letzte steinerne Zeugen“ auf und sicherte damit die Daten für Wissenschaft und Genealogie.

Darauf konnte die Historikerin Kristin Langefeld zurückgreifen, als sie jetzt im Auftrag der Kommission der Geschichte der Juden in Hessen alle Grabstätten des Jüdischen Friedhofs Frankenberg in das LAGIS-Modul „Jüdische Grabstätten“ übertrug.

Das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen (lagis-hessen.de), das vom Landesamt für hessische Geschichte und Landeskunde Marburg betreut wird, bietet Internet-Nutzern eine Fülle von Bildern, Karten, Dokumenten, Daten zu Geschichte und Zeitgeschichte, darunter auch ein Verzeichnis der jüdischen Friedhöfe in Hessen.

In einem Schreiben an das Stadtarchiv Frankenberg informierte Kristin Langefeld nun, dass die Übertragung und Bearbeitung des Frankenberger Jüdischen Friedhofs abgeschlossen und alle Grabstätten nun im LAGIS-Modul recherchierbar sind. „Von mir und im Namen des Landesamts nochmals herzlichen Dank für die hervorragenden Vorarbeiten“, schrieb die Mitarbeiterin.

Bei seiner Erfassung der zum Teil hebräischen Inschriften und Symbole auf den jüdischen Grabsteinen, deren älteste teilweise schon stark verwittert waren, holte sich Historiker Hecker 2011 auch Hilfe von Fachkollegen.

Gemeinsam mit Professor Dr. Klaus Werner, Beauftragter des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen für die Betreuung der 350 erhalten gebliebenen Begräbnisstätten, und Hanna Salomon vom Jüdischen Museum Frankfurt gelang ihm besonders bei den ganz alten Steinen auf der Ostseite des Friedhofs, letzte Aussagen zu Glauben, Familie und Beruf der einst fest im sozialen Leben der Stadt Frankenberg verwurzelten jüdischen Bürger zu sichern.

Info: Die Geschichte aller jüdischen Familien in Frankenberg ist in Horst Heckers vergriffenem Buch zur jüdischen Bürgerschaft Frankenbergs nachzulesen. Darauf kann online auf der Homepage des Frankenberger Geschichtsvereins unter vhghessen.de/frankenberg zugegriffen werden.

Ewiges Ruherecht

Seit 1868 besteht ein Jüdischer Friedhof in Frankenberg, einer von 350 erhalten gebliebenen in Hessen. Leben, Tod, Ruhe und ewiges Leben sowie Gedenken, Erinnern und Bewahren sind im Judentum eng miteinander verknüpft. Auf jüdischen Friedhöfen wird der Mensch in seiner Ganzheit begraben, für die hier Bestatteten gilt ewiges Ruherecht.

Die NS-Barbarei zerstörte in vielen hessischen Orten auch diesen Teil jüdischer Kultur. Friedhöfe wurden von Nazis verwüstet oder geschändet, so auch 1937 in Frankenberg. Dass der Jüdische Friedhof der Stadt Frankenberg von der dortigen Friedhofsverwaltung vorbildlich gepflegt wird, wurde in den vergangenen Jahren bei den regelmäßigen Visitationen durch Vertreter des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Hessen ausdrücklich gelobt. zve

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