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Syrische Familie sitzt in Türkei fest: Mengeringhäuser setzen sich für Einreise sein

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Von: Philipp Daum

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Blick auf die türkische Metropole: Die beiden syrischen Jungs im Alter von drei und sechs Jahren sind mit ihrer Mutter aus Syrien nach Istanbul geflohen und sitzen dort fest.
Blick auf die türkische Metropole: Die beiden syrischen Jungs im Alter von drei und sechs Jahren sind mit ihrer Mutter aus Syrien nach Istanbul geflohen und sitzen dort fest. © PR

Seit Ende 2021 sitzt eine syrische Mutter mit ihren beiden Söhnen illegal in der Türkei fest. Die Familie versucht dort, einer drohenden Abschiebung in ihr vom Krieg verwüstetes Heimatland zu entgehen. Eine Einreise in die EU könnte eine Abschiebung verhindern – bei diesem Vorhaben wird die Frau seit einiger Zeit von den Mengeringhäusern Klaus Tschierschky und Matthias van der Minde unterstützt.

Der Blick der beiden syrischen Kinder richtet sich auf den Bosporus und das Häusermeer. So spektakulär sich die türkische Metropole vor ihnen ausbreitet, so traurig ist ihr Schicksal. Denn die drei und sechs Jahre alten Jungs sind mit ihrer Mutter Fatema aus Syrien in die Türkei geflüchtet und sitzen dort seit Ende des vergangenen Jahres fest.

Da sie keine Aufenthaltserlaubnis haben und sich deshalb illegal in der Türkei aufhalten, leben sie in ständiger Angst, von den Behörden ausgewiesen zu werden – zurück in ihr Heimatland, in dem nach wie vor ein schrecklicher Bürgerkrieg tobt.

Doch seit einigen Monaten bekommt die kleine Familie Hilfe aus Mengeringhausen. Klaus Tschierschky und Matthias van der Minde, die sich beide in der Flüchtlingshilfe engagieren, kämpfen gemeinsam für die Einreise der jungen syrischen Mutter und ihrer zwei Kinder.

Tschierschky ist gut vernetzt in Kreisen der Geflüchtetenhilfe, hat bereits viele Spendensammlungen und Fahrten in Europas Grenzgebiete zu den Ärmsten absolviert. Er unterstützt die Familie in Istanbul auch finanziell. „Die junge Frau ist genauso vor Putins Bomben geflohen wie Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer auch, nur eben aus Aleppo in Syrien. Sie ist studierte Agrarökonomin und würde in Deutschland wunderbar zurecht kommen. In Waldeck-Frankenberg stehen zahlreiche Helferinnen und Helfer bereit, um solchen Menschen das Ankommen in der Gesellschaft zu erleichtern“, sagt Tschierschky.

Es sei aber nahezu unmöglich, legale Wege für eine Einwanderung zu finden. „Wir haben den Fall schon bis auf Nancy Faesers Schreibtisch gebracht“, so Tschierschky. Aber weder das Bundesinnenministerium – aus dem es eine schriftliche Antwort gegeben habe – noch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge oder das Auswärtige Amt hätten helfen können. Die syrische Mutter sei schließlich illegal in der Türkei. Für eine Einreise nach Deutschland nach dem Zuwanderungsgesetz brauche sie zuvor Dokumente, die sie zum Aufenthalt in der Türkei berechtigten. Damit sei der legale Weg – zum Beispiel auch nach Deutschland – verschlossen.

Versuchen alles, um der syrischen Familie eine Einreise nach Deutschland zu ermöglichen: Matthias van der Minde (links) und Klaus Tschierschky.
Versuchen alles, um der syrischen Familie eine Einreise nach Deutschland zu ermöglichen: Matthias van der Minde (links) und Klaus Tschierschky. © PR

Klaus Tschierschky hat die syrische Familie kürzlich in Istanbul besucht. „Dort herrscht Willkür im Umgang mit syrischen Geflüchteten. Die Familie versteckt sich in einer kleinen Wohnung und geht aus Angst vor Abschiebung nicht mehr raus. Die Kinder kennen weder Kindergarten noch Schule“, berichtet er. Aufenthaltsgenehmigungen kosteten bis zu 10 000 Euro. Das sei nicht bezahlbar für Menschen, die geflohen seien und nicht arbeiten dürften.

Tschierschky sagt, er habe andere junge Frauen mit kleinen Kindern gesehen und mit ihnen gesprochen, die ohne Habe auf der Straße lebten. „Sie haben Angst, von der Polizei geschnappt und womöglich getrennt voneinander nach Syrien deportiert zu werden“, sagt der Mengeringhäuser. Es breche einem das Herz, vor allem wegen des Leids der Kinder.

Matthias van der Minde von der Arbeitsgruppe „#RegionGegenRassismus“ fügt hinzu: „Die Menschen in Deutschland haben berechtigte Sorgen. Aber wir müssen auch in Länder wie die Türkei schauen, wo syrische Geflüchtete aus Angst vor Assads und Putins Bomben, Giftgas und Erschießungstrupps gestrandet sind und wo es seit Merkels Deal mit Erdogan heißt: Weiter nicht, höchstens zurück.“ Am schlimmsten ergehe es denen, die es gar nicht in die Türkei schafften oder wieder nach Syrien abgeschoben würden.

Tschierschky und van der Minde fordern ein modernes Einwanderungsrecht, wie es im Koalitionsvertrag angekündigt worden sei. „Ein solches Recht muss es Menschen in Not und Menschen mit Qualifikationen ermöglichen, legal nach Deutschland einzureisen“, sagen sie. Die syrische Mutter würde sich als studierte Agrarökonomin bereits aus dem Ausland auf einen Job in Deutschland bewerben können. Ihre Kinder würden sich hier schnell zurechtfinden. „Keine Schlepper mehr, kein Weg durch den Wald nach Bulgarien, um dort von der Polizei zusammengeschlagen und zurückgeschickt zu werden. Kein Ertrinken im Mittelmeer mehr, sondern die Möglichkeit, über einen sicheren Weg nach Deutschland zu kommen, um hier in Menschenwürde lernen, arbeiten und leben zu können.“ Das alles fordern Tschierschky und van der Minde. „Die Geflüchteten brauchen uns – und wir brauchen sie auch. Worauf warten wir noch?“

„Keine Sondersituation“ - Das sagt das Bundesinnenministerium

Es ist eine Antwort, die Matthias van der Minde und Klaus Tschierschky als „enttäuschend“ bezeichnen. Das Bundesministerium des Innern und für Heimat habe nach einer Anfrage über das Wahlkreisbüro der SPD-Bundestagsabgeordneten Esther Dilcher mitgeteilt, dass es mit Blick auf das Schicksal der in Istanbul festsitzenden, syrischen Familie keine rechtliche Handhabe besitze.

Die Antwort liegt auch unserer Zeitung vor, darin heißt es: „Das Bundesministerium des Innern und für Heimat kann zu Einreisemöglichkeiten in Einzelfällen keine rechtliche Einschätzung abgeben und auch gegenüber den jeweils zuständigen Behörden im Ausland, aber auch in den Ländern keine Weisungen erteilen“, teilt ein Ministeriumssprecher mit. Für die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach Paragraf 22 Satz eins seien völkerrechtliche Gründe oder dringende humanitäre Gründe maßgebend.

Aufgrund des Ausnahmecharakters der Vorschrift sei weiter Voraussetzung, dass sich der beziehungsweise die Schutzsuchende in einer Sondersituation befinde, die ein Eingreifen zwingend erfordere und es rechtfertige, ihn beziehungsweise sie – im Gegensatz zu anderen Ausländern in vergleichbarer Lage – aufzunehmen. „Trotz der zweifellos berührenden Umstände hebt sich der Fall von Frau H. aus hiesiger Sicht leider nicht in dem durch den Ausnahmecharakter der Vorschrift erforderlichen Maße von vergleichbaren Fällen ab“, macht der Sprecher deutlich. Für eine humanitäre Aufnahme zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland nach Paragraf 22, Satz zwei des Aufenthaltsgesetzes bedürfe es eines entsprechenden Votums des Auswärtigen Amts. „Eine Anwendung dieser Vorschrift kommt jedoch allenfalls in besonders herausgehobenen Einzelfällen in Betracht. Nach der Staatspraxis der Bundesregierung wird pro Jahr nur eine zweistellige Personenzahl weltweit aufgenommen“, sagt der Sprecher.

„Geschlagen, nur weil wir aus Syrien sind“

Für Fatema ist die Zeit in Istanbul „eine der schwierigsten“ in ihrem bisherigen Leben. Das geht aus einer E-Mail hervor, die sie vor einigen Tagen an Matthias van der Minde geschickt hat und die der Mengeringhäuser mit Einverständnis der syrischen Mutter an unsere Redaktion weitergeleitet hat. „Mein sechsjähriger Sohn ist tieftraurig, weil er nicht zur Schule gehen kann. Er liebt es, zu lernen“, berichtet Fatema, die aus Angst vor den türkischen Behörden und der Polizei zusammen mit ihren beiden Kindern unerkannt bleiben möchte.

In Istanbul: Das Foto zeigt die syrische Familie anonymisiert, da sie sich illegal in der Türkei aufhält.
In Istanbul: Das Foto zeigt die syrische Familie anonymisiert, da sie sich illegal in der Türkei aufhält.  © PR

Ihr dreijähriger Sohn habe ein schwaches Immunsystem, er sei daher oft krank. „Ich befinde ich zudem in einem großen Konflikt mit meinen Kindern“, sagt die syrische Mutter und erklärt, dass ihre beiden Jungs natürlich gerne die Wohnung verlassen möchten. „Ich habe deshalb auch schon mal die Kontrolle darüber verloren, uns vor einer möglichen Ausweisung zu schützen und bin mit ihnen in den Park gegangen. Dort wurden meine Söhne aber von türkischen Kindern geschlagen – und das nur, weil wir aus Syrien sind. Deshalb bleiben wir doch wieder die ganze Zeit in der Wohnung“, berichtet Fatema.

Sie könne auch nur wenige Stunden schlafen und hoffe nun auf eine Möglichkeit, mithilfe des Vaters ihrer Kinder nach Europa zu kommen. Dieser galt zunächst als verschollen, befindet sich nun aber in einem Flüchtlingscamp in Luxemburg. „Wir versuchen jetzt, gemeinsam mit dem Vater Dokumente für einen möglichen Familiennachzug zu erhalten“, sagt Matthias van der Minde, der gemeinsam mit Klaus Tschierschky den Vater vor einigen Wochen ausfindig gemacht und nach Luxemburg gebracht hatte. Sollte dies gelingen, wollen die Mengeringhäuser die syrische Familie aus Istanbul nach Luxemburg und damit in die Europäische Union bringen.

Van der Minde weist außerdem darauf hin, dass sich Menschen, die der syrischen Familie in Form von Geldspenden helfen wollen, bei Klaus Tschierschky (Telefon: 0171/196-1671) melden können.

Kundgebung am Donnerstag in Korbach 

Das Netzwerk für Toleranz Waldeck-Frankenberg und die AG #RegionGegenRassismus rufen am kommenden Donnerstag, 22. September, zu einer Solidaritätskundgebung mit allen Betroffenen von Krieg und Flucht auf. Treffpunkt ist in der Korbacher Fußgängerzone auf dem Berndorfer-Tor-Platz (Im Loch) um 13.45 Uhr. 

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