„An veränderlichen Schrauben drehen“

Corona und keine Ende - Interview mit Hainaer Vitos-Psychologin über den Umgang mit der Pandemie

Porträtfoto von Dr. Annika Kohl (37). Sie ist Psychologische Psychotherapeutin und arbeitet seit mehr als neun Jahren in der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.
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Dr. Annika Kohl (37) ist Psychologische Psychotherapeutin und arbeitet seit mehr als neun Jahren in der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

„Es ist zu befürchten, dass Corona uns noch eine Weile begleiten wird. Wir sollten die Erfahrungen als Lernprozess sehen – und wir brauchen offenbar Geduld.“ Das sagt Dr. Annika Kohl, Psychologische Psychotherapeutin bei Vitos Haina, im Interview zum Jahreswechsel.

Haina – Als eine „emotionale Berg- und Talfahrt“ bezeichnet Dr. Annika Kohl, Psychologische Psychotherapeutin bei Vitos Haina, im Rückblick das Corona-Jahr 2021. Wenn ich darüber nachdenke, merke ich noch einmal, wieviel Flexibilität es von uns allen forderte“, sagt sie im Interview. „Und es ist zu befürchten, dass Corona uns noch eine Weile begleiten wird. Wir sollten die Erfahrungen als Lernprozess sehen – und wir brauchen offenbar Geduld.“

Was können wir für das neue Jahr aus dem alten mit seinen Höhen und Tiefen lernen?

So ein Jahreswechsel lässt innehalten. Ich finde, wir dürfen auch traurig sein um Begegnungen und Aktivitäten, die aufgrund des Virus in gewohnter Form nicht möglich waren. Neben der Erfahrung, dass wir Corona nicht besiegen konnten, sollten wir unseren Blick auch darauf richten, was dennoch möglich war und ist. Es lohnt sich besonders, auf die Sommerperiode zu schauen, in der in den letzten zwei Jahren die Inzidenzen einigen Spielraum gewährten.

Wie kann man mit den negativen Erfahrungen aus Vorjahren umgehen?

Corona ist eine Art Naturkatastrophe. Es bleibt einzusehen, dass per se erst einmal niemand Schuld an der Misere hat. Die Politiker haben es in diesen Zeiten sicher schwer, da sie Entscheidungen in Situationen treffen müssen, die nicht komplett vorhersehbar sind. Außerdem müssen Entschlüsse auch an die Dynamik angepasst sein. Es ist sicherlich eine der aktuellen Herausforderungen, durch Transparenz und Aufklärung die Gesellschaft dabei mitzunehmen. Persönlich benötigen wir eine Bereitschaft, uns auf das einzustellen, was die Situation bietet. Das bedeutet auch, Abschied zu nehmen von dem Wunsch, dass die Dinge durch irgendwen komplett kontrollierbar sind.

Wie schafft man es, sich neu zu motivieren?

Es geht weiter! Wir werden mit neuen Erkenntnissen und anderen Entscheidungen einen Weg finden, mit den Gefahren umgehen zu lernen. In vielen Punkten müssen wir uns wohl in Akzeptanz üben, dass manches nicht veränderbar ist. Akzeptanz bedeutet dabei nicht, dass wir das Unveränderliche als gut bewerten. Es macht aber Sinn, in sich hinein zu horchen und ehrlich mit sich zu sein, ob sich ein Auflehnen gegenüber Tatsachen, deren Veränderbarkeit nicht in unserer Hand liegt, lohnt. Manches Mal bringt dieses sich Aufbäumen noch mehr Ärger und Leid mit sich als die Tatsache an sich. Gleichzeitig ist es auch ein Abwägen und Ausbalancieren, an den veränderlichen Schrauben zu drehen. Dadurch erhalten wir das Gefühl der Beeinflussbarkeit. Wir sollten schauen, dass wir aktiv und handlungsfähig bleiben und somit merken, dass wir nicht ohnmächtig sind, sondern unser Handeln wirksam ist. (Jörg Paulus)

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