Der ehemalige DDR-Bürger Tino Prang über seine neue Heimat

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Alles DDR-Fahrzeuge: Vor seiner Garage aus Steinen vom Elbsandsteingebirge hat Tino Prang einige seiner DDR-Oldtimer aufgestellt. Die Nachbarskinder Luca, Nele und Stella Braun interessieren sich dafür. Eine Krause DUO 4/2 (links) durften nur Menschen mit einer Körperbehinderung als Neufahrzeug auf Antrag bei der Krankenversicherung erwerben. Der DKW IFA F8, Baujahr 1953, wurde im Audi-Werk Zwickau gebaut. Rechts ein Trabant Kübel. Nur staatliche Organisationen wie Forst oder Armee durften ihn nutzen.

Römershausen. Wenn er heute noch einmal entscheiden müsste, würde Tino Prang, ehemaliger Bürger der DDR und seit 1990 wohnhaft im Hainaer Ortsteil Römershausen, nichts Wesentliches anders machen. „In der DDR war meine Zukunft sehr ungewiss, weil ich nicht in die Partei eintreten wollte“, sagt er.

Dagegen habe ihn sein inzwischen verstorbener Verwandter Heinz Dorsch stark motiviert, in die Bundesrepublik umzuziehen. „Junge, komm zu uns“, habe er bei seinen Besuchen im Osten immer wieder gesagt und ihm schließlich auch eine Wohnung und eine Arbeit bei der damaligen Firma Teppich-Frick in Burgwald besorgt.

Bald konnte Prang seine Ehefrau und die noch ganz kleine Tochter Susann nachholen, und zwar mit einem Frick-Lkw, in dem er zuvor Teppichboden in die alte Heimat gebracht hatte.

In Römershausen fing die junge Familie „praktisch bei null“ an. „Am Anfang hatten wir nicht einmal Sitzmöbel, nur das Allernötigste: Kleidung, Betten und ein bisschen Kücheneinrichtung.“

Viele Dinge im Westen brachten den jungen Familienvater zum Staunen. „Wir kannten zum Beispiel keinen Fliesenkleber. Bei uns wurden die Fliesen noch in Speis gelegt“, erinnert er sich. Werkzeuge wie die kleinen handlichen Kreissägen und -hobel waren ebenfalls unbekannt.

„Ich kannte auch manche Ausdrücke einfach nicht“, sagt Prang. Als ein neues Auto fällig wurde, riet ihm Dorsch, „nimm doch Geld auf“. „Wo soll ich es denn aufnehmen, wo liegt es denn?“ entgegnete er dem Onkel scherzhaft.

Nach und nach etablierte und integrierte sich die Familie in Römershausen. Dazu trugen auch die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Einheimischen bei. „Im Ort wurden wir super aufgenommen.“

Heute engagiert sich Prang im Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr, seit ein paar Jahren ist er stellvertretender Ortsvorsteher. Trotzdem gibt es auch ein paar Punkte, die er in der DDR besser fand. „Das Leben war gemütlicher“, sagt er, „in der BRD gibt es oft eine Geheimniskrämerei, die eigentlich gar nicht nötig ist.“ Auch die „Ellenbogen-Mentalität“ gefällt ihm nicht.

Um seine Ost-Nostalgie ein bisschen zu pflegen, sammelt Prang historische Autos, vorzugsweise der Marken Trabi, Wartburg oder DKW, aber auch Zweiräder von MZ und die Vogelserie von Simson. Wichtig ist ihm dabei, dass er die Fahrzeuge selber reparieren und warten kann.

Beim Begriff „Heimat“ denkt er auch nach 25 Jahren an das Elbsandsteingebirge und Königstein und wundert sich heute darüber, wie selbstverständlich er damals die einzigartige Landschaft, aber auch seine Eltern so einfach verlassen konnte. Doch zurück möchte er nicht mehr, höchstens als Rentner in eine Ferienwohnung. „In Römershausen fühle ich mich rundum wohl. Es ist, als würden wir schon ewig hier wohnen.“

In der gedruckten Samstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine finden Sie weitere Artikel zum Thema „25 Jahre Deutsche Einheit“.

So blicken wir zurück auf die feierliche Gegenunterzeichnung der Partnerschaftsurkunde am 27. September 1990 zwischen Frankenberg/Eder und Frankenberg/Sachsen sowie die Feiern zum Vollzug der Deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 im Frankenberger Land.

Wir erzählen von dem Besuch des Frankenberger Bundeswehr-Majors Karl-Heinz Bastet beim NVA-Artillerieregiment in Frankenberg/Sachsen noch zu Zeiten der DDR.

Ferner erklären in einem Interview Geschichtslehrer von der Burgwaldschule Frankenberg, welchen Stellenwert das Thema heute im Unterricht hat.

Und Frankenbergs Bürgermeister Rüdiger Heß will die Jugendlichen verstärkt in die partnerschaftlichen Beziehung einbinden.

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