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Knalloranger Exot: Tino Prang aus Römershausen fährt einen DDR-Kleinbus „Robur“

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Von: Klaus Jungheim

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Blick aus dem Fenster: Tino Prang genießt die Touren mit seinem „Robur“. Zu dieser Marke zählten auch Pritschenwagen, Kipper und Feuerwehrfahrzeuge mit Drehleiter. Hergestellt in Zittau von 1961 bis 1991. Danach wurden die „Robur“-Werke aufgelöst.
Blick aus dem Fenster: Tino Prang genießt die Touren mit seinem „Robur“. Zu dieser Marke zählten auch Pritschenwagen, Kipper und Feuerwehrfahrzeuge mit Drehleiter. Hergestellt in Zittau von 1961 bis 1991. Danach wurden die „Robur“-Werke aufgelöst. © Klaus Jungheim

Das Thema Mobilität begeistert viele Menschen. Aber dazu zählen nicht nur moderne Fahrzeuge. Eine große Faszination üben Oldtimer aus. In unserer Serie „Faszination Oldtimer“ stellen wir Besitzer mit ihren Fahrzeugen vor.

Römershausen – Tino Prang steht vor dem Kühlergrill, seine rechte Hand drückt auf die knallorangefarbene Karosserie. Sie gibt nicht nach. „Das war noch Wertarbeit“, betont der 57-Jährige. Der Römershäuser ergänzt schmunzelnd: „Und das im Osten.“

Objekt seiner Wertschätzung ist ein 45 Jahre alter DDR-Kleinbus. Den 21-Sitzer hat der leidenschaftliche Sammler ostdeutscher Fahrzeuge im Jahr 2015 seiner stattlichen Oldtimer-Flotte hinzugefügt. Unverbastelt, Original-Lack und Original-70-PS-Motor. Mit dem Namen des Busses können allenfalls eingefleischte Szene-Kenner etwas anfangen: „Robur“.

„Trabant“, „Wartburg“, „Barkas“: Namen von Fahrzeugen einstiger DDR-Produktion, die auch heute noch gut bekannt sind. Aber in der Kfz-Herstellung der untergegangenen sozialistischen ostdeutschen Republik gab es Fabrikate, die im Westen nicht sehr bis gar nicht geläufig waren und sind. Dazu zählt die Marke „Robur“.

Alles im Griff: Tino Prang aus Römershausen am Lenkrad seines Kleinbusses „Robur“ aus DDR-Produktion. Die einfache und robuste Technik fasziniert ihn. „Man kann noch einiges selber machen und reparieren.“
Alles im Griff: Tino Prang aus Römershausen am Lenkrad seines Kleinbusses „Robur“ aus DDR-Produktion. Die einfache und robuste Technik fasziniert ihn. „Man kann noch einiges selber machen und reparieren.“ © Klaus Jungheim

Klingt respekteinflößend. Ist es auch. Denn der Name „Robur“ ist lateinisch und bedeutet Kraft oder Stärke. Auch die Deutsche Eiche trägt diesen Namen (Quercus robur). Das Logo für den „Robur“ wurde in Anlehnung an eine Kurbelwelle gestaltet.

Dies alles kommt Tino Prangs automobiler Philosophie sehr entgegen. „Die alten Autos sind viel widerstandsfähiger als die heutigen. Außerdem kann man noch einiges an ihnen selber machen und reparieren. Bei den modernen, durchtechnisierten Pkw geht das nicht mehr“, beschreibt er den für ihn wesentlichen Unterschied. Kein Wunder: Er ist vom Fach. Der gelernte Baufacharbeiter arbeitete zwischenzeitlich auch als Berufskraftfahrer und als Fahrlehrer. Später schulte er zum Krankenpfleger um. Diese Tätigkeit übt der verheiratete Vater zweier erwachsener Töchter heute noch aus.

Dass er zu ostdeutschen Fahrzeugen eine ganz besondere Beziehung hat, kommt nicht von ungefähr. Tino Prang ist ehemaliger DDR-Bürger. „Ich bin im sächsischen Pirna geboren und im Elbsandsteingebirge mit diesen Autos groß geworden. Das hat mich geprägt.“ Diese Leidenschaft wurde trotz seines schwierigen Verhältnisses zum sozialistischen Staat nicht getrübt, dem er in der Wendezeit 1989/90 den Rücken kehrte. Prang hatte zuvor einen Ausreiseantrag gestellt. „Ich wollte mich weiterentwickeln, das konnte ich in der DDR nicht“, begründet er diesen Schritt. „Ich hatte die jahrelangen Schikanen satt.“ Verwandtschaftliche Beziehungen führten ihn nach Römershausen. Seit der Ausreise lebt er in dem Hainaer Ortsteil.

Innenleben: Kunststoff-Sitze, aufdrehbare Lüfter und Ablage mit Netz.
Innenleben: Kunststoff-Sitze, aufdrehbare Lüfter und Ablage mit Netz. © Klaus Jungheim

Bei seiner Schwäche für DDR-Fahrzeuge spielen positive Kindheitserinnerungen auch eine Rolle. Beispielsweise wurde der junge Tino in seiner früheren Heimat mit einem „Robur“-Kleinbus zur Schule gebracht und später wieder nach Hause gefahren. „Wenn ich heute in Römershausen in meinen ,Robur‘ einsteige, riecht es drinnen genau wie damals.“

Wegen dieser Erinnerungen und einer gewissen automobilen Ostalgie war es nicht ausgeblieben, dass der ältere Tino sich einen „Robur“ kaufte – besagten knallorangefarbenen Kleinbus mit weißem Dach. Das war vor sieben Jahren in Dresden. Nicht auf einem Anhänger, sondern auf den eigenen Reifen lenkte Prang den Oldie „mit 60, 70 Sachen“ dann nach Römershausen. „Auf der Autobahn waren wir schon eine Verkehrsbremse, aber keiner hat böse gehupt oder so.“

Das „Robur“-Logo wurde in Anlehnung an eine Kurbelwelle gestaltet.
Das „Robur“-Logo wurde in Anlehnung an eine Kurbelwelle gestaltet. © Klaus Jungheim

Ohnehin ist eine Fahrt mit dem für hiesige Breiten exotischen Diesel eine freudige Angelegenheit. Wenn Tino Prang bei schönem Wetter nicht gerade seine Familie in den „Robur“ bittet und mit ihr Touren in der Region unternimmt, zählen auch größere Gruppen zu seinen Fahrgästen: Posaunenchor, Spinnstube sowie Hochzeits-, Geburtstags- und Firmengesellschaften lassen sich von ihm auf den blauen Kunststoff-Sitzen chauffieren. Die einschränkende Corona-Zeit einmal ausgeklammert.

„Im Bus wird immer gesungen und gelacht. Es sind fröhliche Fahrten.“ Die Prang übrigens nicht kommerziell anbietet: „Wenn ich gefragt werde und es bei mir in meine Arbeitszeiten als Krankenpfleger passt, fahre ich die Leute gerne. Das gehört zu meinem Hobby.“ Er ist nach eigenen Angaben im Besitz einer entsprechenden Fahrerlaubnis. Die nächsten Touren werden bald gestartet.

Ein solch intensives Hobby derart umfangreich zu pflegen, geht in einer Partnerschaft nicht allein. Ehefrau Andrea teilt die Leidenschaft ihres Mannes. „Ohne sie geht gar nichts“, betont Tino Prang – und schaut sie mit verliebten Augen an. Die Rangfolge ist somit klar.

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