Einweihung 1911: Geschenk von Auguste Victoria für neue Fachwerkkirche

Mohnhausen besitzt eine Altarbibel von der letzten deutschen Kaiserin

Prachtvoll: Pfarrer Hilmar Jung (Grüsen/Mohnhausen) mit der kunstvoll gestalteten Altarbibel, die die letzte deutsche Kaiserin, Auguste Victoria, am 22. Oktober 1911 der damals selbstständigen Evangelischen Kirchengemeinde Mohnhausen zur Einweihung der neuen Fachwerkkirche schenkte.
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Prachtvoll: Pfarrer Hilmar Jung (Grüsen/Mohnhausen) mit der kunstvoll gestalteten Altarbibel, die die letzte deutsche Kaiserin, Auguste Victoria, am 22. Oktober 1911 der damals selbstständigen Evangelischen Kirchengemeinde Mohnhausen zur Einweihung der neuen Fachwerkkirche schenkte.

Die letzte deutsche Kaiserin starb vor 100 Jahren. Auguste Victoria schloss am 11. April 1921 mit 62 Jahren für immer die Augen. Bedingt durch den verlorenen Ersten Weltkrieg im niederländischen Exil. Die Mohnhäuser haben ein besonderes Verhältnis zu der Ex-Monarchin.

Mohnhausen – Nicht nur historisch Interessierte erinnern sich an die Ehefrau von Kaiser Wilhelm II.. Auch in Mohnhausen hat man sie nicht vergessen. Denn das kleine Dorf hat ein besonderes Verhältnis zu der Ex-Monarchin.

Die einst selbstständige Evangelische Kirchengemeinde besitzt eine Altarbibel mit persönlicher Widmung der früheren Kaiserin. In braunes Leder eingebunden mit kunstvollen, metallenen Beschlägen, die die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Johannes und Lukas zeigen, „ist sie schon ein Alleinstellungsmerkmal für Mohnhausen und hat einen ideellen Wert“, beschreibt mit Stolz in der Stimme Pfarrer Hilmar Jung. Der Seelsorger betreut in der Kirchengemeinde Gemünden-Bunstruth die Orte Grüsen und eben auch Mohnhausen.

Auguste Victoria, die letzte deutsche Kaiserin.

Auguste Victoria hatte dem Dörfchen vor 110 Jahren zur Einweihung der damals neuen Fachwerkkirche eine Altarbibel mit eigenhändiger, schwungvoller Widmung geschenkt. Sie versah sie mit dem Bibelzitat „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Die Besonderheit des Geschenks zeigt sich auch an dem Datum 22. Oktober 1911: Jener Tag war der Tag der Kirchen-Einweihung und zugleich der 53. Geburtstag von Auguste Victoria. „Sie war eine sehr fromme Frau“, erzählt Pfarrer Hilmar Jung. Sie habe sich sehr für soziale und kirchliche Belange engagiert, schildert er.

Bibelgeschenke bei Kirchenneubauten waren seinerzeit im Kaiserreich nicht selten. Dass Auguste Victoria nun ausgerechnet dem kleinen Mohnhausen eine Bibel schenkte, könnte auch mit ihrer Beziehung zu Kassel zusammenhängen, kann sich Pfarrer Jung vorstellen.

Schwungvoll: Die eigenhändige Widmung der letzten deutschen Kaiserin Auguste Victoria in der Mohnhäuser Altarbibel gibt dem Dorf ein Alleinstellungsmerkmal.

Für Auguste Victoria war Kassel eine zweite Heimat. Fast 30 Jahre lang verbrachte sie mit ihrer Familie die Sommermonate regelmäßig auf Schloss Wilhelmshöhe.

Letztlich hatte sich Mohnhausens Dorfpfarrer Dr. Karl Brauer in einem Gesuch an das „Consistorium in Cassel“ für eine kaiserliche Altarbibel eingesetzt. Am 12. September 1911 gab es schließlich grünes Licht aus der Reichshauptstadt Berlin: „Ein Akt hoher Huld“, wie es damals gönnerhaft hieß.

Die Kaiserin war in der Schilderung von Historikern zwar erzkonservativ und reaktionär, aber als sozial und kirchlich engagierte Landesmutter beliebt. Sie engagierte sich für karitative Einrichtungen und gründete die Evangelische Frauenhilfe. Dass allein in den Arbeitervierteln Berlins 66 neue Kirchen entstanden, kam auch durch das Engagement der frommen Kaiserin. Ähnlich war es in Kassel. „Kirchenjuste“ nannte sie der Volksmund.

Festliche Kirchen-Einweihung am 22. Oktober 1911: Alle Gottesdienstbesucher erhielten zur Erinnerung ein Gruppenbild vom Fotografen Gilbert aus Frankenberg. Dafür sorgte Mohnhausens Pfarrer Dr. Karl Brauer.

Ob sie damals von den Mohnhäusern ebenso genannt wurde, ist nicht überliefert. Dass die Bevölkerung die Altarbibel aber sehr lange nutzte, dokumentiert ihren Gebrauch in den Gottesdiensten bis 1996 – jenes Jahr, als Pfarrer Hilmar Jung seinen Dienst in der Bunstruth antrat. Er beendete ihren regulären Einsatz. Diese Schilderung ist dem Geistlichen auch heute noch etwas unangenehm, „denn ich habe überhaupt nichts gegen das kaiserliche Geschenk. Ganz im Gegenteil, diese Altarbibel ist etwas Besonderes“.

Es gebe aber praktische Gründe, diese Bibel nicht mehr in Gottesdiensten zu nutzen: „Die Schriftart der früheren Epoche – die auch sehr klein gehalten ist – erschwert das Lesen, und auch die darin verwendete Wortwahl ist heutzutage nicht mehr zu vermitteln. Sie ist antiquarisch.“ Zudem sei die Bibel nach den Jahrzehnten der Benutzung in keinem guten Zustand mehr gewesen. Inzwischen ist sie restauriert. Pfarrer Jung liest jetzt aus einer aktuellen Lutherbibel.

Auch wenn das gute Stück aus dem Kaiserreich seit dem Jahr 1996 nicht mehr für Gottesdienste regelmäßig genutzt wird, ist die Kaiserinnen-Bibel nicht gleich weggeschlossen worden. Bis vor drei Jahren lag sie immerhin noch auf dem Altar. Dann aber war auch damit Schluss: „Aus versicherungstechnischen Gründen wird sie seitdem an einem sicheren Ort aufbewahrt“, schildert Pfarrer Hilmar Jung.

Bei Kirchenführungen oder auf Nachfrage – etwa für eine Konfirmation – ist sie zu bestaunen: „Manche Leuten kommen ausschließlich, um die Altarbibel der Kaiserin zu sehen.“

Die Widmung im Wortlaut

Die Mohnhäuser Altarbibel der letzten deutschen Kaiserin und Königin von Preußen, Auguste Victoria, wiegt zwei Kilogramm. Sie misst 22 x 15 x 7 Zentimeter und enthält eine eigenhändige, schwungvolle Widmung der Monarchin:

„Der evangelischen Kirche in Monhausen zur Einweihung am 22. Oct. 1911.

Gal.6.2. „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Auguste Victoria I.R.“

Anmerkung: I.R. steht für Imperatrix Regina = Kaiserin und Königin. Mohnhausen schrieb man damals ohne „h“, den Monat Oktober mit „c“, übrigens wie „Cassel“ (heute „Kassel“). Und „Gal.6.2.“ bedeutet ausgeschrieben: Galater, Kapitel 6, Vers 2.

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