Künstler aus Haina malte einst den großen Dichter

Goethe fehlt ein Fuß: Sondermarke mit berühmtem Tischbein-Portrait

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Neue Tischbein-Sondermarke: Klaus Kästner, Vorsitzender des Frankenberger Philatelistenvereins, freut sich über das Motiv nach dem berühmten Gemälde, das Goethe in der Campagna bei Rom darstellt.

Haina. Wen will die Deutsche Post mit ihrer jüngsten Sondermarke mehr ehren: den großen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) oder den späteren Hofmaler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829), Sohn des Hainaer Hospitalschreiners? Oder vielleicht das Städel-Museum in Frankfurt?

„Goethe ist ja nur das Motiv der Marke, aber Tischbein ist schließlich der Künstler des dort abgebildeten und von ihm geschaffenen Ölgemäldes“, sagt Klaus Kästner (Wiesenfeld), Vorsitzender des Frankenberger Philatelistenvereins. „Und darauf können wir hier in der Region stolz sein!“

Fast unbemerkt in der Tischbein-Heimat ist jetzt ein Sonderpostwertzeichen in der Serie „Schätze aus deutschen Museen“ herausgekommen. „Goethe in der Campagna“ heißt die 1,64 mal 2,06 Meter große Vorlage, die das Frankfurter Museum Städel seit 1887 aufbewahrt und die nun, an den Seiten leicht beschnitten, die 39 mal 33 Millimeter große Marke ziert.

Beschnitten? Ja, der linke Fuß fehlt. Absicht? Es gehört zur bewegten Geschichte des in aller Welt bekannten Goethe-Portraits, dass Kunsthistoriker später in ihm einige Ungereimtheiten festgestellt haben. Stellenweise zu flaue Farben, zwei linke Schuhe (erklärbar: damals wurde noch alles über einen Leisten geschlagen), anatomisch überlange Beine – die Briefmarke verkürzt nun das ausgestreckte linke Bein. Weil Tischbein das Goethe-Portrait nach seiner Abreise in Rom unvollendet zurückgelassen hatte, bemühte sich vermutlich ein fremder Maler um die Fertigstellung. Ein einfüßiger Goethe wäre nicht zu verkaufen gewesen.

Trotz solch kleiner Mängel – die große Pose des Dichters in Reisemontur mit Hut inmitten einer symbolträchtigen Landschaft, Ikone des Goetheschen Italienerlebnisses und malerischer Ausdruck des klassischen Lebensgefühls ließen im 19. Jahrhundert das Tischbein-Werk in Deutschland zum beliebtesten Goethebildnis werden. So berühmt, dass Spaßvögel es mal „Frankfurts Mona Lisa“ genannt haben. „Für Sammler, die Wert auf die Originalität eines Motivs legen, ist die Briefmarke schon allein wegen dieser Geschichte besonders interessant“, sagt der Philatelist Klaus Kästner.

Natürlich berichtet das Motiv auch von einer besonderen Männerfreundschaft: Bereits in Weimar wurde der Dichter Goethe auf den jungen aus Haina stammenden Künstler aufmerksam. Tischbein war vermutlich auch über den „heimlichen“ Aufbruch Goethes nach Italien informiert. Sofort nach Ankunft am 29. Oktober 1786 klopfte der Inkognito-Reisende in Rom bei ihm an und zog als Untermieter ein. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein wurde für ihn zum WG-Gastgeber, Zeichenlehrer, Reisebegleiter („Italienische Reise“) und Vertrauten. Leider ließ der große Goethe das Verhältnis später abkühlen. Herbe Enttäuschung für Tischbein.

Über das Verhältnis des Weimarer Dichterfürsten zu dem aus dem Kellerwald stammenden Maler und ihre gemeinsame Zeit in Rom hat es immer wieder Forschungen gegeben. Der Münchner Professor Dr. Rolf Selbmann hat 2008 dazu unter dem Titel „Goethes Kehrseite“ einen Vortrag gehalten, der im Internet nachzulesen ist. 

Hintergrund: Goethe über Tischbein

Was Goethe von dem Hainaer Maler Tischbein schrieb:

„Ich soll in Lebensgröße als Reisender, in einen weißen Mantel gehüllt, in freier Luft auf einem umgestürzten Obelisken sitzend, vorgestellt werden, die tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma überschauend. Es gibt ein schönes Bild, nur zu groß für unsere nordischen Wohnungen.“

„Mein Porträt wird glücklich, es gleicht sehr, und der Gedanke gefällt jedermann!“ „Das stärckste, was mich in Italien hält, ist Tischbein.“

Und am Ende der Freundschaft: „Tischbein ist mit allen guten Qualitäten ein wunderliches Thier, eine Art Hasenfuß, ist faul, unzuverlässig, seitdem er von den Italiänern in das Metier der Falschheit, Wort- und Bundbrüchigkeit zu pfuschen gelernt hat.“ 

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