Auch zur Impfaktion 1954

Haddenberger rettet alte Unterlagen auf dem Garagendach vor der Vernichtung

Viele alte Dokumente aus der Geschichte des Dorfes hat der Haddenberger Michael Wickert aufgehoben, wie diese Aufrufe zu einer Impfaktion gegen Diphtherie 1954. Dafür interessieren sich auch Ehefrau Melanie und die Töchter Leni (links) und Nele.
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Viele alte Dokumente aus der Geschichte des Dorfes hat der Haddenberger Michael Wickert aufgehoben, wie diese Aufrufe zu einer Impfaktion gegen Diphtherie 1954. Dafür interessieren sich auch Ehefrau Melanie und die Töchter Leni (links) und Nele.

Alte Dokumente aus dem kleinen Hainaer Ortsteil Haddenberg hat Michael Wickert vor der Vernichtung gerettet - darunter auch Unterlagen zur Diphtherie-Impfung 1954, die an die aktuelle Corona-Impfung erinnern.

Haddenberg – „Muss es sein, daß jährlich in Deutschland immer noch Tausende Kinder an Diphtherie sterben“? Das ist eine rhetorische Frage auf einem Infoblatt, in dem Eltern im Landkreis Frankenberg 1954 aufgerufen wurden, ihre Kinder impfen zu lassen. „Würgeengel der Kinder“ wurde die bakterielle Infektionskrankheit damals auch genannt. Denn, waren die Atemwege von dem Bazillus betroffen, drohten die Kinder zu ersticken.

Eine ganze Reihe solcher Infobroschüren samt Karten zur Impfanmeldung und ein amtliches Schreiben des Kreisgesundheitsamtes hat der Haddenberger Michael Wickert auf dem Dachboden seiner Garage entdeckt. Dort lagern seit 2007 mehr als 20 Kartons mit alten Unterlagen der ehemaligen Gemeinde Haddenberg.

Aufruf zur Impfaktion gegen Diphtherie im Jahr 1954.

Erst jetzt, in Coronazeiten, hat der 48-Jährige mal in die Kartons geschaut und ist erstaunt, was er da alles findet. „Wenn ich anfange zu stöbern, kommt eins zum anderen und ich kann gar nicht aufhören“, sagt der Landmaschinenmechanikermeister.

Angesichts der Corona-Pandemie sind die Unterlagen zur Diphtherie-Schutzimpfung 1954 von besonderem Interesse. In dem Schreiben des Kreisgesundheitsamtes von 1954 an die Bürgermeister im Kreis heißt es: „Während vielfach im Ausland und auch in einigen deutschen Ländern die Diphtherie-Schutzimpfung als Pflichtimpfung eingeführt ist, sind diese Impfungen in Hessen freiwillig. Es muß daher an Einsicht und Verantwortungsgefühl aller Eltern appelliert werden, dass sie (...) ihre Kinder geschlossen der Impfung zuführen.“ Beigefügt ist eine handgezeichnete Skizze, wie die Impfaktion abzulaufen hat. Das Impfen selbst übernahm das Gesundheitsamt. Das Anlegen von Karteikarten und der Desinfektionsbereich mussten von Kräften aus den jeweiligen Orten erledigt werden.

„Das erinnert mich an die Unterstützung der Corona-Impfungen durch die Gemeinde Haina“, sagt Michael Wickert, der sich bei der jüngsten Impfaktion im Dezember im DGH Haina seine dritte Schutzimpfung gegen Corona abgeholt hat.

Die Grundimmunisierung gegen Diphtherie bei Säuglingen und Kleinkindern erfolgt seit Jahren mit einem 6-fach-Impfstoff, bei dem auch gegen Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hib (Haemophilus influenzae Typ b) und Hepatitis B geimpft wird.

Haddenberger rettet alte Unterlagen: Pläne zum Bau einer Raketenabwehrstation im Kellerwald

Auch andere historische Themen, zu denen Michael Wickert Unterlagen fand, beschäftigen ihn: In den 1960er Jahren sollte am Wüstegarten, der höchsten Erhebung im Kellerwald, eine Luftverteidigungsanlage gebaut werden. Dort sollten HAWK-Flugabwehrraketen stationiert werden. „Wenn das umgesetzt worden wäre, würden wir heute auf eine verfallende Militäranlage blicken“, sagt Wickert. Von seinem Wohnzimmer im Hainaer Ortsteil aus sieht man direkt auf den Wüstegarten.

In den Akten gefunden hat er auch eine Baugenehmigung für ein Sprengstofflager ganz in der Nähe des Ortes, die ein Steinbruchbetreiber aus dem benachbarten Battenhausen 1948 erhalten hatte.

Mit Ehefrau Melanie und den Töchtern Nele (11) und Leni (8) machte er sich auf die Suche und entdeckte Reste des Steinbruchs und der Lagerstätte. „Die Kinder interessieren sich auch für diese historischen Dinge“, sagte Melanie Wickert.

Haddenberger rettet alte Unterlagen: So kamen sie aufs Garagendach

Wie viele andere auch hat Michael Wickert den Lockdown in der Coronazeit genutzt, um aufzuräumen. Dabei stieg er auch auf den Dachboden über der Garage und nahm sich die gut 20 Kartons vor mit alten Unterlagen aus der Zeit, als der kleine Kellerwaldort Haddenberg noch eine selbstständige Gemeinde war. 1971 wurde Haddenberg der Gemeinde Haina zugeordnet. Leben dort heute knapp über 30 Menschen, waren es nach dem Krieg 1950 sogar einmal 73, hat Wickert in alten Akten gelesen.

Die Dokumente waren lange Zeit im Feuerwehrgebäude untergebracht, das nach Auflösung der eigenständigen Haddenberger Wehr vom Verein Trinksportgruppe Kellerwald genutzt wurde. Als der Verein Umbauarbeiten plante, waren die Unterlagen im Weg und sollten vernichtet werden.

„Ich hatte damals, 2007, gerade unsere Garage gebaut und unter dem Dach war Platz“, schildert Wickert. Also wurden die Kartons nach oben geschafft und standen bis vor Kurzem achtlos in der Ecke. Jetzt hat der Haddenberger immerhin schon mal in alle Kartons geschaut und eine grobe Vorsortierung vorgenommen. Allgemeine Broschüren, Infoblätter, Amtsblätter, die nichts speziell mit Haddenberg und Umgebung zu tun haben, sondern wohl hunderttausendfach gedruckt wurden, hat er nach hinten gestellt.

Es bleiben aber immer noch etliche Kartons mit interessantem Material aus seinem Dorf. Dazu zählen zum Beispiel Fischereirechte von 1851 oder alte Steuerrollen. In einem Schreiben entdeckte Wickert, dass auch sein Urgroßvater auf einer Liste stand mit Einwohnern, die die Hundesteuer nicht rechtzeitig bezahlt hatten. Es ging um 4 Reichsmark.

Spannend findet er auch Unterlagen aus der Nazizeit, wie etwa die Aufforderung, dass der Bürgermeister der Ortspolizeibehörde melden sollte, wenn Hitlerjungen nicht zum Dienst erschienen. Oder, dass der kleine Ort 1943 vom Landrat aufgefordert wurde, acht Schlachtrinder abzugeben.

Bei allem Interesse für die Dokumente, sie genauer durchzusehen und zu archivieren, dazu fehlt dem Landmaschinenmechanikermeister, der im Außendienst tätig ist, die Zeit. „Es wäre schön, wenn sie in fachmännische Hände kämen“, sagt er. Der Löhlbacher Heimathistoriker Heinz Brück habe sie sich schon mal angesehen. (Von Martina Biedenbach)

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