Corona

Interview mit Psychologin: Ungewisse Perspektive wird als Belastung empfunden

Im Vordergrund prangt ein Schild mit der Aufschrift „Maskenpflicht!“, im Hintergrund sind mehrere Fußgänger unscharf zu erkennen.
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Die neuen Einschränkungen, die seit Montag in Deutschland gelten, um das Coronavirus einzudämmen, verunsichern viele Menschen. Dr. Svenja Kräling, Psychologin von Vitos Haina, erklärt, wie wir am besten damit umgehen.

Rund 200 Menschen in Waldeck-Frankenberg sind aktuell mit dem Coronavirus infiziert. Warum die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie so unterschiedlich bewertet werden, erläutert Psychologin Dr. Svenja Kräling im Interview.

Haina/Kloster – Restaurants und Fitnessstudios dürfen nicht mehr besucht werden, der Amateursport muss pausieren. Wie lässt sich dieser zweite Lockdown psychisch gut durchleben? Das haben wir Dr. Svenja Kräling gefragt. Sie ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

Trotz der rasant steigenden Infektionszahlen werden die seit dieser Woche geltenden Einschränkungen sehr emotional diskutiert. Warum wird der zweite Lockdown so unterschiedlich bewertet?
Im Frühjahr standen wir vor einer völlig neuen Situation: Angesichts der kaum einzuschätzenden Bedrohung durch dieses neue Virus waren viele Menschen dankbar dafür, dass die Regierung entschlossen handelte und Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie umsetzte. Der Sommer brachte uns dann durch die sinkenden Fallzahlen wieder mehr Freiheiten, was auch zu einer psychischen Erleichterung führte. Nun wieder mehr Einschränkungen zu erleben, empfinden viele Menschen als Strafe. Der erneute Wegfall von individueller Freiheit über eine längere Zeit zehrt an den psychischen Widerstandskräften der Menschen.
Die Reaktionen reichen von Zustimmung bis Ablehnung: In welche Gruppen lässt sich die Gesellschaft aktuell unterteilen?
Die Dimensionen Angst und Konformismus spielen eine Rolle. Vorsichtige und angepasste Menschen sind dankbar für Richtlinien und Strukturen, die ihnen Sicherheit vermitteln. Sie halten sich auch gerne an Einschränkungen, solange diese einem konkreten Ziel dienen: nämlich der Vermeidung von Krankheits- und Todesfällen. Auf der anderen Seite befinden sich diejenigen, denen Freiheit, Selbstbestimmung und die wirtschaftliche Entwicklung wichtiger sind. Sie lehnen einschränkende Maßnahmen eher ab.
Das ganze Jahr über war immer wieder von einer zweiten Welle die Rede. Warum fallen die Reaktionen jetzt dennoch so extrem aus?
Psychisch gesehen kann eine Gewöhnung im Sinne einer körperlich-emotionalen Anpassungsreaktion nur in einer realen Situation erfolgen, in der das konkrete Problem greifbar ist. Alle Bemühungen, sich schon vorweg mit der Bedrohung auseinanderzusetzen, bringen kaum etwas, fachen die Anspannung und Unruhe manchmal sogar noch an. Aktuell wird die zweite Welle Realität, die Einschränkungen im Alltag lassen uns vermehrt Ängste und Unsicherheit spüren. Daher kippt sozusagen die Stimmung und verschiedene Anpassungsprozesse kommen in Gang. Diese führen beim einen zu Wut und Verleugnung, bei anderen zu starkem Rückzug und Sorgen.
Gibt es Tipps, um mit der Angst besser umzugehen?
Manche Menschen können sicher davon profitieren, sich genau mit der aktuellen Datenlage auseinanderzusetzen, der Berichterstattung zu folgen und Kontrolle darüber zu erleben, dass sie immer „up to date“ sind. Anderen tut eher das Gegenteil gut: Um sich nicht verrückt machen zu lassen von oft apokalyptisch erscheinenden Zukunftsszenarien, sollte man sich eher auf den konkreten Alltag fokussieren. Seien Sie geduldig mit sich und tun Sie sich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten vermehrt Gutes.
Die Maßnahmen sind vorerst befristet. Aber viele Menschen befürchten, dass sie bis Frühjahr mit den Einschränkungen leben müssen. Diese Perspektive verängstigt zusätzlich. Was hilft gegen diese Ungewissheit?
Für viele Menschen besteht die große Schwierigkeit darin, dass noch einige Wintermonate vor uns liegen. Und nun sind wir auch noch in der Freizeitgestaltung und dem Zusammentreffen mit Freunden und Familie eingeschränkt – beides wichtige Faktoren für ein stabiles Gefühlsleben. Da uns der Blick nach vorne aktuell keine große Hilfe ist, sollten wir die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richten. Uns darauf konzentrieren, wie wir aus dem Hier und Jetzt das Beste machen. Dieses Jahr ist ohnehin besonders. Wir könnten die Gelegenheit nutzen, um eine alternative Adventszeit zu gestalten. Ohne turbulente Weihnachtsmärkte und rauschende Weihnachtsfeiern, dafür aber vielleicht zum ersten Mal wirklich besinnlich und entspannend.
Psychologin Dr. Svenja Kräling

Zur Person

Dr. Svenja Kräling (38) ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Ihr Studium und nachfolgende Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Seit 2009 ist sie in der Hainaer Klinik therapeutisch tätig.

nh/jpa

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