Untersuchung zur umstrittenen Wohra-Renaturierung

Biologen untersuchen Fledermaus-Vorkommen an Hainaer Wohrateichen

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Netz über dem Teich: Die Biologen Axel Krannich (links) und Alexander Weiß wollen damit am unteren Hainaer  Wohrateich Fledermäuse einfangen.

Haina/Kloster. Bevor der Landeswohlfahrtsverband seinen Plan, die Hainaer Wohrateiche zurückzubauen,  genehmigt bekommen kann, muss erst ihre Bedeutung für die dort lebenden Fledermäuse geklärt werden. 

  • Biologen untersuchen, welche Bedeutung die Wohrateiche Fledermäuse haben
  • Schon beim ersten Netzfang gehen seltene Arten ins Netz
  • Das macht laut Gutachter Suche nach einer Lösung, die Naturzschutz und Hochwasserschutz gerecht wird, nicht einfacher

Haina-Kloster– Die Biologen vom Institut für Tierökologie und Naturbildung aus Mittelhessen spannen feine Netze am unteren der beiden Hainaer Wohrateiche auf. Eines direkt über der Wasserfläche, eines über dem Pfad und dem Ablauf der Wohra am Teichrand. Die vier Biologen wollen in den Netzen Fledermäuse fangen.

Es ist die Fortsetzung einer Untersuchung, die Dr. Markus Dietz mit seinem Team im Herbst begonnen hatte. Damals hatten sie mittels einer akustischen Erfassung, also Auswertung der aufgezeichneten Fledermausrufe, in einem kurzen Zeitraum 13 Fledermausarten nachgewiesen. Das Urteil des Biologen: „Sowohl die hohe Artendiversität als auch die Stetigkeit einzelner Arten zeigt die Attraktivität der Wohrateiche als Jagdgebiet.“

Wie berichtet, war im Herbst 2019 das Wasser aus beiden Teichen abgelassen worden. Aus Sorge vor einem Dammbruch will der Landeswohlfahrtsverband als Eigentümer die Teiche zurückbauen und die Wohra zu einem naturnahen Fließgewässer umgestalten. Wegen der im Gutachten von Markus Dietz nachgewiesenen Bedeutung der Wohrateiche als Nahrungsquelle verfügte das Regierungspräsidium, das für die Genehmigung der Umgestaltung zuständig ist, dass im April der untere Wohrateich wieder teilweise mit Wasser befüllt wurde. So können die Biologen jetzt, wo die Fledermäuse bald ihre Jungen aufziehen und viel Nahrung brauchen, weitere Untersuchungen machen.

Dafür haben sie am Montagabend die Fangnetze aufgespannt. Sie haben insbesondere die Wasserfledermaus-Weibchen im Blick. „Sie sind wegen der Aufzucht der Jungen besonders auf ein reichhaltiges Nahrungsangebot am Wasser angewiesen“, sagt der Fledermaus-Experte. Er will herausfinden, wie viele weibliche Tiere am Teich auf Nahrungssuche gehen und ob sie alternative Nahrungsquellen in der Nähe haben, zum Beispiel andere Tümpel. Dazu muss er auch wissen, wo die Tiere ihre Quartiere haben.

Fledermaus-Fangnetz: Gutachter Dr. Markus Dietz (vorne) spannt ein Netz am unteren Hainaer Wohrateich auf. Als Beobachter dabei: der Leiter der Stiftungsforsten Kloster Haina, Manfred Albus (Mitte), und Revierleiter Stefan Solm. Fotos: Martina BiedenbAch

Gehen denn Fledermäuse, die aufgrund ihres Echoortungssystems nirgends anstoßen, überhaupt ins Netz? „Manche fliegen drüber“, sagt Dietz. „Doch wir setzen auf den Überraschungseffekt. Fledermäuse sind Gewohnheitstiere, wie wir Menschen auch. Sie nutzen meist die gleichen Flugbahnen.“

Zwei Instituts-Mitarbeiter, Anja Fritsche und Alexander Weiß, haben Nachtschicht: Sie beobachten die Netze, holen die Tiere, die sich verfangen, schnell heraus und bestimmen zunächst Art und Geschlecht. Weibliche Tiere sollen einen Mini-Sender auf den Rücken bekommen, „Er wiegt 0,3 Gramm. Das ist weniger als 5 Prozent des Durchschnittsgewichts einer Fledermaus“, erklärt Dietz. Mittels dieser Sender verfolgen sie, wo die Tiere ihr Quartier haben. Die Tiere verlieren den 180-Euro-teuren Sender nach einer Weile wieder. „Wenn die Sender auf dem Boden fallen, dann finden wir sie und nutzen sie weiter Aber die meisten bleiben in Bäumen hängen“.

„Der Lösung nicht näher“

Mit dem Ergebnis der ersten Fangnacht ist Gutachter Dr. Markus Dietz hochzufrieden, wie er am Dienstag unserer Zeitung mitteilte: In nur einer Stunde hatten sich 20 Tiere im Netz verfangen, darunter Wasserfledermaus, Kleine Bartfledermaus und Zwergfledermaus, aber auch die in Hessen seltene Brandtfledermaus und der Kleinabendsegler. Je eine weibliche Brandtfledermaus und eine männliche Wasserfledermaus haben die Institutsmitarbeiter mit Sendern ausgestattet und ihre Quartiere ausfindig gemacht. Die Brandtfledermaus wohnt im Klostergelände, die Wasserfledermaus im Wald oberhalb des Teiches. Ihre Kolonien werden die Biologen nun näher in den Blick nehmen und zum Beispiel beobachten, wo die Tiere Nahrungsquellen haben und ob sie weitere Quartiere aufsuchen.

„Das ist eigentlich ein tolles Ergebnis“, sagt der Fledermaus-Experte. Er weist aber auch auf die Bedeutung für die Genehmigung der geplanten Wohrarenaturierung hin: „Es wird die Suche nach einer Lösung, die beiden Seiten – also dem Naturschutz einerseits und dem Hochwasserschutz andererseits – gerecht wird, nicht erleichtern“. Weitere Untersuchungen werden folgen. Das Gutachten soll im August vorliegen.

Weitere Hindernisse beim geplanten Rückbau der Teiche

Mit einer schnellen Umsetzung seiner Pläne zum Rückbau der Wohrateiche kann der Landeswohlfahrtsverband (LWV) wohl nicht rechnen. Er muss immer weitere Forderungen erfüllen, die auch Kosten mit sich bringen. Dabei wollten die Verantwortlichen mit der Wohra-Renaturierung eine Lösung umsetzen, die weitaus kostengünstiger sein sollte als die Deiche so zu ertüchtigen, dass sie Starkregen standhalten.

Stand der Dinge

ie berichtet, hat das Regierungspräsidium Kassel als Genehmigungsbehörde angeordnet, dass über den Rückbau der Teiche in einem Planfeststellungsverfahren entschieden wird. Dabei wird auch die Öffentlichkeit beteiligt. Eine Entscheidung, die die Bürgerinitiative „Rettet die Wohrateiche“ (BI) freut. Zum aktuellen Stand sagte RP-Sprecher Michael Conrad am Dienstag: „Die für das Vorhaben des LWV einzureichenden Unterlagen befinden sich in der Abstimmung.“ Und er betont: „Für die obere Wasserbehörde hat die Außergefahrsetzung höchste Priorität.“ Wie berichtet, befürchtet die Behörde, dass die Deiche bei Stark-regen brechen könnten.

Ersatztümpel ausgetrocknet

Anfang des Jahres musste der LWV, wie berichtet, für Frösche und Kröten Ersatzlaich-Habitate bauen. Aus den beiden Wohrateichen war im Oktober das Wasser abgelassen worden. Die Kosten für die zwei Tümpel unterhalb der Teiche bezifferte der LWV mit 40 000 bis 45 000 Euro. „Dort ist gar kein Wasser mehr drin“, kritisierte jetzt BI-Sprecher Joachim Happel. „Wenn dort Frösche oder Kröten gelaicht hätten, wäre der Laich ausgetrocknet.“ Die BI habe den Krötenzug begleitet und Tiere in andere Wasserflächen oberhalb der Wohrateiche gebracht, um sie zu retten. War die Anlage der Ersatztümpel eine sinnlose Aktion, wie die BI meint? Dazu sagt Michael Conrad, dass eine Anlage solcher Ersatztümpel vielen Anforderungen entsprechen müsse. „Die jetzt angelegten Gewässer sind so naturnah wie möglich, mit so wenig Eingriff in das Tal wie nötig, angelegt worden“. Eine künstliche Abdichtung des Tümpelbodens sei nicht in Frage gekommen, weil das Gebiet früher vom jetzt oberirdisch verlegten Gehrlingsbach durchströmt wurde. Im Winter fließe dort unterirdisch immer noch viel Wasser, das die Abdichtung hochdrücken würde. Aktuell werde überlegt, die Tümpel im Herbst zu vertiefen, damit sie im Frühjahr nicht wieder austrocknen, erläutert Conrad.

Dämme müssen beregnet werden

Erst musste der LWV den unteren Wohrateich wieder teilweise mit Wasser befüllen, jetzt muss er dafür sorgen, dass die Dämme der beiden Teiche feucht gehalten werden. Zwei große Container stehen in der Nähe der Teiche. „Sie wurden zunächst mit Leitungswasser befüllt, nun wird Wasser aus dem unteren Wohrateich gepumpt. Die Kosten liegen im fünfstelligen Bereich“, sagte LWV-Sprecherin Elke Bockhorst auf Anfrage. Grund der von der Oberen Wasserbehörde angeordneten Deichberegnung: Es soll verhindert werden, dass Trocknis-Risse entstehen. Denn die Dämme sollen für den Fall, dass bei Starkregen über das Umflutgerinne nicht genug Wasser abfließen kann, für Hochwasserschutz sorgen.

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