Interview mit dem scheidenden Leiter des LWV-Forstbetriebs

Stürme haben die Arbeit von Manfred Albus im Stiftungsforsten Kloster Haina geprägt

Waldkulturerbe-Weg: Den Weg mit den Bäumen des Jahres hat Manfred Albus im Internationalen Jahr der Wälder 2011 bei Haina anlegen lassen. „Das Internationale ist mir wichtig, weil der Schutz des Waldes global betrachtet werden muss und wir in Deutschland nicht auf einer Insel leben“, sagt er – und verweist darauf, dass die Europäische Union durch ihren enormen Holz- und Sojaimport erheblich zum Abholzen von Regenwäldern mit beitrage.
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Waldkulturerbe-Weg: Den Weg mit den Bäumen des Jahres hat Manfred Albus im Internationalen Jahr der Wälder 2011 bei Haina anlegen lassen. „Das Internationale ist mir wichtig, weil der Schutz des Waldes global betrachtet werden muss und wir in Deutschland nicht auf einer Insel leben“, sagt er – und verweist darauf, dass die Europäische Union durch ihren enormen Holz- und Sojaimport erheblich zum Abholzen von Regenwäldern mit beitrage.

Kaum hatte Manfred Albus 1990 sein Amt als Leiter der Stiftungsforsten Kloster Haina angenommen, legte Orkan Wiebke große Fichtenflächen um. In den vergangenen Jahrzehnten hat der angehende Ruheständler viel erlebt.

Haina/Kloster – Nach mehr als 30 Jahren als Leiter der Stiftungsforsten Kloster Haina geht Manfred Albus Ende April in den Ruhestand. Der 65-jährige Frebershäuser wurde für sein vielfältiges Engagement für den Forst des Landeswohlfahrtsverbands Hessen in der LWV-Verbandsversammlung mit der Ehrenplakette in Gold ausgezeichnet. Was seine Arbeit prägte, das schildert er im Interview.

Herr Albus, wie viele Stürme haben Sie als Leiter der Stiftungsforsten erlebt?

Ich bin 1989 nach Haina gekommen und habe die Leitung am 1. Januar 1990 übernommen. Und was haben meine Forstwirte gesagt: ,Kaum haben wir einen neuen Chef, schon liegt der Wald um’. Ende Februar 1990 wütete erst Vivien und danach Wiebke, am 28. Februar und 1. März. Das werde ich nie vergessen. Der Wald war hart getroffen: Und dann folgten weitere Stürme. Der – aus Sicht der Versicherer – bisher teuerste Orkan in Deutschland war Kyrill am 18./19 Januar 2007. Aber höchst dramatisch waren die vergangenen drei Jahre. Der Orkan Friederike im Januar 2018 warf große Mengen Fichten um und bot dem Borkenkäfer neue Brutstätten. Doch das eigentliche Problem waren die langen trockenen und heißen Perioden in den Jahren 2018 bis 2020, die zu der massiven Vermehrung der Schädlinge führten und dazu, dass mehr als die Hälfte der Fichten abstarb.

Dann waren Stürme nicht die größten Probleme?

Die größte Herausforderung sind nicht die zeitlich begrenzten Windwürfe, sondern es ist der Klimawandel insgesamt. Die Auswirkungen der Stürme waren für uns Forstleute – schon früher als für die Allgemeinheit erkennbar – ein Hinweis auf die Labilität des Ökosystems Wald. Wir hatten schon an der Uni gelernt, dass man langfristig 20 bis 30 Prozent als Kalamitätsholz erntet, also Holz, das aufgrund von Naturereignissen wie Windwurf, Insektenbefall, Schneebruch, etc. ungeplant genutzt werden muss. Aktuell liegt der Kalamitätsholzanteil bei über 70 Prozent, bei der Fichte waren es 2020 sogar 95 Prozent.

Was haben Sie getan, damit der Stiftungsforst dem Klimawandel trotzen kann?

Vor gut 20 Jahren haben wir entschieden, keine Fichtenkulturen mehr zu pflanzen. Wir ‘nehmen’ aber die Fichte aus Naturverjüngung gerne weiter als Mischbaumart mit. Unser Ziel ist es schon lange, Stabilität durch eine Vielfalt von Baumarten einerseits und mehrschichtigen Beständen mit unterschiedlichen Größen und Altern andererseits zu erzielen – ein Waldbild wie bei einer Großfamilie. In den Stiftungsforsten wachsen 46 verschiedene Baumarten. Wir haben seit 1990 auf Kahlschläge verzichtet und uns bei den jeweiligen Einschlägen als Selbstbeschränkung eine Nutzungs-Obergrenze auferlegt. Und der Betrieb verfügt glücklicherweise über einen hohen Laubholzanteil in heterogen gemischten Beständen.

Sie haben im Betrieb auch selbst für die Nutzung von Forst-Samen und neue Setzlinge gesorgt.

Wir haben Anfang der 90er-Jahre einen Forstsamen- und Forstpflanzenbetrieb gegründet. Die Schadflächen aus Vivien und Wiebke konnten wir damals schon größtenteils mit Setzlingen, die wir aus den geernteten Samen unserer heimischen Buchen- und Eichenbestände gezogen hatten – 1,5 Millionen Stück - wiederbewalden. Der Forstsamenbetrieb verfügt mittlerweile über mehr als 2300 Hektar Saatguterntebestände und ist damit einer der größten in der Region. Das ist eine gute Basis für zukünftige Wiederaufforstungen.

Welche der von Ihnen umgesetzten Projekte sind Ihnen am wichtigsten?

Zum einen, dass wir schon seit 1990 ohne Kahlschläge und ohne Pestizide wirtschaften und dass wir versuchen, sanfte Holzproduktion unter Beachtung hoher Naturschutzstandards zu betreiben. Zum anderen: Unser hessisches Pilotprojekt Biomasse-Heizwerke, in dem das damals im Walde – marktbedingt unaufgearbeitet – verbleibende Holz als Alternative zur Ölverbrennung und dessen CO²-Emissionen im Fokus war. Wir waren 1998 der erste forstliche Energiedienstleister in Hessen. Bei den beiden Biomasse-Heizwerken in den Vitos-Klinikzentren Merxhausen und Haina sind wir auch Investor der Heizanlagen. Wir liefern bei allen Projekten die Holzhackschnitzel, verkaufen diese als Wärme und rechnen in Kilowattstunden ab. Bis zum Start des ersten Heizwerks 1998 in Merxhausen waren fünf Jahre politischer Diskussion nötig, im Vorfeld bin ich dabei auch mal als grüner Spinner bezeichnet worden. Zwei Jahre nach Inbetriebnahme wurde das Projekt nach und nach auch ein ökonomischer Erfolg, es ist mittlerweile das zweite Standbein unseres Betriebs. Und auch die Umwelt profitiert: Allein am Standort Haina sparen wir so bis 600 000 Liter Heizöl brutto pro Jahr ein.


Höchst umstritten ist die vom LWV geplante Umgestaltung der Wohrateiche. Was sagen Sie zum Projekt?

Für den LWV insgesamt kann ich nicht sprechen, dazu ist das Thema zu vielgestaltig. Die Stiftungsforsten waren und sind für die Umsetzung der Naturschutzpflegemaßnahmen im gesamten Schutzgebiet, und insbesondere in den Waldflächen, zuständig. Das hat, so wurde uns von Naturschutzverbänden zurückgemeldet, über die Jahre zu einer ökologischen Aufwertung der Flächen geführt.

Was waren die schönsten Erlebnisse in Ihrer Dienstzeit?

Das Wichtigste war für mich, dass ich forstliche Ideen und Vorstellungen im Sinne der Stiftung umsetzen oder weiterentwickeln konnte. Ich bin ein Freund der Stiftungsurkunde, die 1533 den Klosterbesitz in die bis heute bestehenden Stiftungsvermögen Landeshospital Haina und Landeshospital Merxhausen überführte. Sie ist eine Urkunde mit großer Weitsicht. Für mich ist sie die erste Nachhaltigkeitsurkunde, die lange vor der eigentlichen forstlichen Nachhaltigkeit, wie sie Hans Carl von Carlowitz 1713 forderte, entstand. Es hat mir eine hohe innere Befriedigung gegeben, dass ich im Sinne dieser Stiftungsurkunde zusammen mit meiner Mannschaft etwas gestalten konnte: Unser forstliches Tun ist auch – damals wie heute – ein kleiner Beitrag zur Sozialpolitik und nachhaltigen Waldentwicklung. Erwirtschaftete Überschüsse werden über den LWV für dessen soziale Projekte an die Stiftungen weitergeleitet.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in den Ruhestand?

Wirklich mit gemischten Gefühlen. Einerseits muss ich viele Dinge, die ich gerne mache, loslassen. Damit befasse ich mich schon länger und ganz konkret seit mein Nachfolger, Dr. Stephan Willems, seit Januar hier tätig ist. Andererseits freue mich. Ich habe viele Hobbys, Wünsche und Ziele: Wandern, Reisen, Lesen, historische Interessen, bin Vorsitzender der Fördervereins Kirche Frebershausen, führe das Ortssippenbuch weiter, bin Landessynodaler und Mitglied der Umweltjury der Landeskirche. Wir haben in Frebershausen einen großen Garten und Hühner und ich habe einen kleinen Wald. Daher wird Langeweile voraussichtlich nicht aufkommen.

Von Martina Biedenbach

Zur Person

Manfred Albus (65), geb. am 29. September 1955, arbeitete nach Studium und Forstreferendariat von April 1984 bis Dezember 1988 in der damaligen Hessischen Landesforstverwaltung und war zunächst beurlaubt für einen 16-monatigen Einsatz in Äthiopien bei der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, anschließend war er dreieinhalb Jahre als Revierassistent im Forstamt Burgwald tätig. Im Januar 1989 kam er zum LWV und arbeitete im damaligen Kommunalforstamt Haina, dessen Leitung Albus ein Jahr später übernahm. Ende April geht er in den Ruhestand, offiziell endet seine Dienstzeit im Juni.

Albus stammt aus dem Bad Wildunger Stadtteil Frebershausen, wo er auch heute noch mit Ehefrau Karin lebt. Das Ehepaar hat zwei erwachsenen Söhne

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