Vergessene Schwestern: Ausstellung rückt Frauen der Malerfamilie Tischbein ins Licht

Beispiele für die Kunstfertigkeit weiblicher Mitglieder der Tischbein-Familie: Caroline Tischbein hat 1805 in einem Aquarell ihre Mutter Sophie Müller (links) porträtiert und 1804 als Bleistiftzeichnung ihren Bruder Carl Wilhelm (unten). Beide Werke stammen aus dem Nachlass von Friedrich Wilken.

Haina/Kloster. Ein Ereignis, das die Kunstwelt bundesweit interessieren dürfte, steht im Kloster bevor: eine Ausstellung über die Malerinnen der Malerfamilie Tischbein.

Das bisher überlieferte öffentliche Bild von der berühmten Malerfamilie um den Goethe-Porträtisten Johann Heinrich Wilhelm Tischbein bedarf einer Korrektur. Aus der im Kloster Haina ansässigen Familie gingen nach neuen Untersuchungen einer Kasseler Forschergruppe nicht nur rund 16 namhafte männliche Künstler hervor, sondern auch zehn Künstlerinnen.

Sie waren zu ihrer Zeit, vor etwa 200 Jahren, ebenfalls als Malerinnen anerkannt, doch wurde ihr Wirken im 19. Jahrhundert in den Hintergrund gedrängt, wie die Kasseler Kunsthistorikerin Prof. Dr. Martina Sitt jetzt erklärte.

Über ein Jahr erforschte eine Gruppe aus Master-Studierenden und Mitgliedern der sogenannten Bürger-Universität an der Universität Kassel unter Leitung von Prof. Dr. Sitt das Wirken der Frauen der Tischbeins im Zeitraum von 1770 bis 1830. In Archiven und Museen in ganz Deutschland bis hin nach Dänemark und Italien konnte nun hinreichend Material aufgespürt werden, um die Biographien von zehn Künstlerinnen der Epoche weitgehend zu rekonstruieren. „Sie wurden einst gelobt und sind heute völlig vergessen“, erklärt Martina Sitt.

Unter den zahlreichen Bildern, die von Sammlern als Werke der Familie Tischbein aufbewahrt werden, sind einige, die von den Malerinnen stammen, aber als Teil der Schöpfungen des „Team Tischbein“ im Laufe der Jahre nur mehr den männlichen Verwandten zugerechnet wurden. Auch die Depots der Museen bergen unter dem Aufkleber „Tischbein Umkreis“ noch einige interessante Stücke.

Die überraschenden Funde werden nun in Facsimiles (originalgetreue Reproduktionen) in einer Ausstellung mit dem Titel „Aufgedeckt - Malerinnen im Umfeld Tischbeins und der Kasseler Kunstakademie 1777-1830“ inszeniert und der Öffentlichkeit im Kloster Haina vorgestellt. Dort, wo der Stammvater der Familie, Johann Heinrich Tischbein (1683-1764), einst als Bäckermeister tätig war.

Seine Ehefrau Susanne Margarethe geb. Hinsing (1690-1772) pflegte ihre Kinder und Enkel abends am Familientisch im Zeichnen und Handarbeiten zu unterrichten und legte damit offenbar den Grundstock für die außergewöhnliche Entwicklung ihrer Sprösslinge. Zu den männlichen Nachkommen zählten neben Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829), der 1787 in Rom das berühmte Bild von Johann Wolfgang Goethe in der Campagna malte, noch 15 weitere namhafte Künstler, darunter der Kasseler Hofmaler Johann Heinrich Tischbein (1722-1789) und der Leipziger Akademie-Direktor Johann Friedrich August Tischbein (1750-1812).

Die Ausstellung wird am 24. April 2016 im Kloster Haina eröffnet.

Welche Malerinnen nun wiederentdeckt wurden, das lesen Sie in der gedruckten Donnerstagausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

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