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Harte Zeiten auch für Gastronomen und Hoteliers in Waldeck-Frankenberg

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Blick in eine Restaurantküche: Aufgrund der deutlich gestiegenen Preise für Lebensmittel müssen auch die Restaurant- und Hotelbetreiber in Waldeck-Frankenberg immer wieder neu kalkulieren. Symbol
Blick in eine Restaurantküche: Aufgrund der deutlich gestiegenen Preise für Lebensmittel müssen auch die Restaurant- und Hotelbetreiber in Waldeck-Frankenberg immer wieder neu kalkulieren. Symbol © Dehoga

Der hessische Hotel- und Gastronomieverband (Dehoga) schlägt Alarm: „50 Prozent der Hotels und Restaurants im Land sehen sich in ihrer Existenz gefährdet“, teilte er vor einigen Tagen mit.

Auf Anfrage unserer Zeitung geht Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer beim Dehoga Hessen, ins Detail: „Die schon jetzt greifbaren explodierenden Energiekosten und die Ungewissheit weiterer ungebremster Preissteigerungen treffen auf eine anhaltend hohe Inflation und steigende Lohnkosten.“

Die Unternehmen könnten die Dimension dieser Erhöhung nicht auf ihre Preise für Zimmer oder Speisen aufschlagen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die Gäste, die selbst von steigenden Kosten betroffen seien, zu verlieren. „Es ist eine gefährliche Spirale nach oben und ein Hilferuf an die Politik“, sagt Wagner.

Julius Wagner
Julius Wagner © Dehoga

Dabei liefen die Geschäfte in den meisten Betrieben zuletzt gut, die Umsätze nach den Corona-Lockdowns hätten sich im Sommer verbessert. „Die Verluste der ersten fünf Monate konnten jedoch bislang nicht annähernd aufgeholt werden“, berichtet der Hauptgeschäftsführer.

Und als sei das alles nicht genug, werde auch immer wieder über Corona-Maßnahmen für den Herbst und Winter gesprochen, ohne dass es bundesweit einheitlich definierte Parameter gäbe – eine Tatsache, die zum Beispiel Andrea Kumpfe jeden Monat neu vor große Herausforderungen stellt. Sie ist General-Managerin im Hotel Brunnenhaus Schloss Landau und auch für das „Friedrichs“ in Bad Arolsen zuständig. Beide Häuser gehören zu der Gruppe der H-Hotels mit rund 70 Häusern in Deutschland und Europa sowie mit mehr als 3000 Mitarbeitern. „Als großes Unternehmen können wir im Einkauf noch gut verhandeln, und die Hotels sind auch noch gut ausgebucht“, sagt Andrea Kumpfe und ergänzt: „Wie unsere Gäste sind wir von allen Entwicklungen gleich betroffen: Inflation, Lieferschwierigkeiten, Energiekosten, Personalmangel. Die Kosten steigen ständig und wir müssen immer wieder neu überlegen, was wir an den Gast weitergeben können und wollen.“

Andrea Kumpfe, General-Managerin im Hotel Brunnenhaus Schloss Landau
Hauptgeschäftsführer beim Dehoga Hessen © PR

Lieferanten erheben nach Auskunft der General-Managerin inzwischen eine Energiekostenpauschale, die der Gast nicht sehe und die der Gastronomiebetrieb einfach hinnehmen müsse. „Alle Gastronomen und Hoteliers jonglieren, was geben wir weiter, was verändern wir ohne dass die Gästezufriedenheit leidet. Wichtig ist, dass man mit den Gästen kommuniziert, wenn sich etwas ändert. Sie verstehen es auch meistens“, sagt Andrea Kumpfe. Man habe ja auch etwas gemeinsam „Wir stehen beide am Ende der Krisenketten und wir können sie auch gemeinsam durchstehen. Wir wollen und dürfen aber die Zuversicht nicht verlieren.“

Trotz der aktuell schwierigen Situation infolge gestiegener Preise für Energie und Lebensmittel suchen viele Gastronomiebetriebe neue Mitarbeiter. Björn Teniuch, Chef des Restaurants Wetterburg in Bad Arolsen, hatte Glück und konnte bei der Übernahme des Betriebs im Mai die Aushilfen in Küche und Service übernehmen. „Personalsorgen hat man aber immer. Irgendjemand fehlt immer. Bei mir arbeiten auch Leute, die noch in anderen Berufen arbeiten oder sich um die Familie kümmern müssen und nicht ständig Zeit haben“, sagt Teniuch. Man müsse eben auch Kompromisse eingehen. „Ich bin immer der Erste im Restaurant und oft genug auch der Letzte. Neue Mitarbeiter zu finden, wird aber immer schwieriger, weil auch unsere Situation immer schwieriger wird.“

Im Augenblick weiß man laut Teniuch gar nicht, um welche Krise man sich zuerst Sorgen machen soll. „Wenn die Lebensmittel weiter so rasant steigen, muss man ständig neu kalkulieren. Zu den Problemen, die alle anderen auch bewältigen müssen, kommen bei uns außergewöhnliche Heizkosten hinzu. Wer die Wetterburg kennt, der ahnt, was das für uns heißt.“ Sein Anbieter habe bis jetzt „nur“ um 60 Prozent erhöht. Er wolle sich gar nicht vorstellen, was seine Gäste sagen würden, wenn alle Getränke und Speisen entsprechend teurer würden. Das könne man den Gästen fast gar nicht mehr erklären. „Aber wie lange das alles noch funktioniert, weiß ich auch nicht. Ich will mich nicht anstecken lassen von der Panik und versuche, die Gegenwart zu stemmen. Das klappt bis jetzt gut – und wenn die Gäste weiter kommen, schaffen wir das auch irgendwie“, sagt er.

Das Landhaus Bärenmühle im Lengeltal bei Ellershausen ist seit 17 Jahren ein modernes Hotel und Restaurant mit 23 Mitarbeitern. „Personalmangel ist in unserer Branche ja nichts Neues“, sagt Geschäftsführerin Christiane Kohl und fügt hinzu: „Wir arbeiten schon seit Jahren daran, dieses Problem für uns so gut es geht zu lösen – unter anderem, indem wir unseren Personalnachwuchs selbst ausbilden.“ So hätte man im Augenblick sehr gute Auszubildende aus Vietnam, von denen die ersten im Frühjahr ihre Prüfung machen werden. „Das sind Topleute. Wir hoffen, dass sie auch nach der Ausbildung möglichst lange bei uns bleiben.“

Vieles andere, das Sorgen bereite, könne man kaum beeinflussen, sagt Christiane Kohl. „Wie jeder, der Lebensmittel einkauft sowie Strom, Heizung, die Tankfüllung und vieles mehr bezahlen muss, spüren wir im Hotel und Restaurant natürlich auch die aktuellen Preissteigerungen. Natürlich denken wir auch an unsere Mitarbeiter, denen die Inflation ebenfalls zusetzt. Das Problem ist, dass Lohnerhöhungen für die Mitarbeiter zumeist von den damit einhergehenden Abgabensteigerungen aufgefressen werden.“ Hotellerie und Gastronomie müssten in dieser Zeit vor allem sehr kurzfristig auf die Preisentwicklungen reagieren, gut abwägen und kalkulieren. „Aber das ist leichter gesagt als getan, denn wir haben natürlich vor allem die Wünsche und Erwartungen unserer Gäste im Auge“, sagt die Geschäftsführerin des Landhauses Bärenmühle.

Es sei eben eine sehr schwierige Lage, in der vor allem kleinere Betriebe jetzt stecken würden. Da wünschte man sich eine Regierung mit mehr wirtschaftlichem Sachverstand. „Angst vor der Zukunft haben wir aber trotzdem nicht. Wir beginnen in den nächsten Wochen mit einem seit langem geplanten Anbau – und ich habe das innere Gefühl, dass das genau richtig ist“, sagt Christiane Kohl.

„Wir kommen durch die Energiekrise durch“

„Das Gast- und Gaststättengewerbe ist gerade bei uns ein Wirtschaftsfaktor und Hauptleistungsträger der Tourismuswirtschaft und Garant für Arbeits- und Ausbildungsplätze“, sagt Gert Göbel, der in der Region 15 Hotels, das Gästehaus Dorfalm, Ferienhäuser und den Chaletpark am Diemelsee in Familientradition hält. „Das Personalproblem lösen wir schon seit vielen Jahren allein mit Agenturen. Inzwischen haben wir Mitarbeiter mit den unterschiedlichsten Nationalitäten. Aus Bulgarien zum Beispiel, Ungarn, Rumänien, Kirgisistan, sogar aus Indonesien.“

Hotelier mit klaren Forderungen: „Ich wünsche mir und allen anderen eine clevere Politik, die mit mehr Bedacht handelt“, sagt Gert Göbel.
Hotelier mit klaren Forderungen: „Ich wünsche mir und allen anderen eine clevere Politik, die mit mehr Bedacht handelt“, sagt Gert Göbel. © PR

Wenn die Arbeitskräfte kommen, haben sie laut Göbel alle ein Sprachzertifikat vom Goetheinstitut sowie eine Jobgarantie. „Hier kümmert sich dann unsere jüngste Tochter als eine Art Patin um sie, bis sie sich eingelebt haben. Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, arbeiten bei uns an den Rezeptionen, in den Küchen und im Service nur noch eine Handvoll Deutsche.“

Als Unternehmer wisse man, dass man sich auch selbst um qualifizierten Nachwuchs kümmern müsse. Auf die Politik dürfe man sich nicht verlassen.

„Unsere Hotelbuchungen machen mir bisher auch noch keine Sorgen, so lange wir es schaffen, in unserem Preisgefüge zu bleiben. Was jetzt auf uns zukommt, können wir aber nicht mehr allein regeln“, sagt Gert Göbel. Energiekrise und Inflation seien ein Riesenproblem. „Da rollt etwas auf uns zu, da sind sich viele noch gar nicht bewusst, was das mit der Wirtschaft und unserem Leben macht. Es trifft ja nicht nur uns, es trifft alle Unternehmen – vom Bäcker bis zur Großindustrie.“ Die Krise treffe die Angestellten und Arbeiter genauso wie Chefs und Manager. „Ich bin ein positiv denkender Mensch und überzeugt, dass wir durch diese Energiekrise durchkommen. Wir Deutschen sind ja ein emsiges Volk, wir sind fleißig und innovativ. Wir haben einen gesunden Selbsterhaltungstrieb“, sagt Gert Göbel. Aber die Menschen seien auch verunsichert. „Ich wünsche mir und allen anderen eine clevere Politik, die mit mehr Bedacht handelt, nicht von einem Extrem ins andere taumelt und uns im Galopp mit ständig neuen Gesetzten und Bestimmungen überrascht“, führt der Hotelier abschließend aus.

Das sagt der Dehoga: „Existenzielle Nöte in der Branche wachsen“

Die steigenden Energiepreise stehen, so der Dehoga Hessen, bei 89 Prozent der Betriebe ganz oben im Problem-Ranking. Erschwerend hinzu komme, dass der Umsatz weiter unter Vorkrisenniveau liege. „Für August meldet die Branche ein Umsatzminus von 2,6 Prozent gegenüber August 2019. Von Januar bis August 2022 setzten die Betriebe im Vergleich zum Vorkrisenzeitraum 9,7 Prozent weniger um. Die Sorgen und existenziellen Nöte in der Branche wachsen. Die Kostenentwicklung im Bereich Energie schätzen 37,7 Prozent der Unternehmer als existenzbedrohend ein“, teilt der Dehoga mit. Neben den Energiekostensteigerungen gehörten die steigenden Lebensmittelpreise (73,5 Prozent), die Umsatzrückgänge (67 Prozent) sowie die Personalkosten (62,5 Prozent) zu den größten Herausforderungen für die Betriebe. „Das Gastgewerbe steht vor einem schwierigen Winter“, vermeldet der Verband. Umso mehr zählten die richtigen politischen Weichenstellungen. 

Von Barbara Liese

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