1. Startseite
  2. Lokales
  3. Frankenberg / Waldeck
  4. Hatzfeld (Eder)

Nach 22 Jahren: Bankräuber muss ins Gefängnis und Beute zurückzahlen

Erstellt:

Von: Jörg Paulus

Kommentare

Frankenberger Bank Hatzfeld.
Tatort Raiffeisenbank Hatzfeld: Nach dem Überfall am 21. März 2000 rannten die beiden Bankräuber über die Straße, einer von ihnen schoss mit einer Gaspistole in Richtung von Passanten vor der Bäckerei Eckhardt (Gebäude im Hintergrund), bevor sie nach rechts in Richtung Festplatz weiterliefen, wo sie später in das Fluchtauto mit den beiden Komplizen stiegen und wegfuhren. © Paulus, Jörg

22 Jahre nach einem Überfall auf die Raiffeisenbank in Hatzfeld ist nun am Landgericht in Marburg auch gegen den letzten der vier Täter das Urteil gefallen

Hatzfeld/Marburg – Der heute 48-Jährige muss für zwei Jahre und drei Monate ins Gefängnis. So lautete das Urteil am Landgericht in Marburg. Außerdem muss er als Gesamtschuldner 12 300 Euro zahlen – das entspricht dem noch offenen Anteil an der Beute von damals 29.830 DM (heute wären das 15.250 Euro).

Dass der Mann an dem Banküberfall beteiligt war, hatte er bereits am ersten Verhandlungstag vor zwei Wochen gestanden. Er stammt aus dem Kosovo, war im Krieg auf dem Balkan 1997 nach Deutschland geflüchtet und lebte zur Tatzeit in Diemelstadt. Am 21. März 2000 fuhr er mit drei anderen Männern aus dem Nordkreis nach Hatzfeld, um dort die Bank zu überfallen. Er und ein Komplize gingen maskiert und mit Gaspistolen bewaffnet in die Bank, bedrohten die Angestellten und forderten die Herausgabe von Bargeld.

Auf der Flucht schoss einer von ihnen mit der Gaspistole, also ohne Munition, in Richtung von Passanten. Mit den beiden Komplizen, die im Auto gewartet hatten, fuhren sie in Richtung Eifa davon. Das Fluchtauto wurde kurz vor Marburg gestoppt, der Fahrer festgenommen. Die drei anderen waren vorher schon ausgestiegen.

Zwei der Männer wurden durch Beweise, die die Polizei im Wagen fand, später gefasst und verurteilt. Der vierte Täter, um den es im aktuellen Prozess ging, setzte sich in seine Heimat Kosovo ab und wurde erst nach 22 Jahren mit einem europäischen Haftbefehl gefasst.

Die fortdauernden Haftbefehle und Fahndungsmaßnahmen gegen diesen vierten Täter seit damals sind auch der Grund dafür, dass der Fall noch nicht verjährt war.

Hat der Angeklagte den Schuss abgegeben?

Am ersten Verhandlungstag vor zwei Wochen hatten ein Bankangestellter und ein Polizist ausgesagt. Danach war noch immer offen, welche Rolle der Angeklagte konkret bei dem Überfall in der Bank gespielt hatte und ob er auf der Straße in Richtung der Passanten geschossen hatte. Und er selbst hatte angegeben, nichts von der Beute bekommen zu haben.

Am zweiten Verhandlungstag sagten acht weitere Zeugen aus – fünf weitere Mitarbeiter, die an dem Tag in der Bank waren, zwei Passanten, die das Fluchtauto mit dem Motorrad und dem Auto verfolgt hatten, und auch einer der Mittäter: der Fahrer des Fluchtautos, ein heute 42-Jähriger aus Korbach. Er war bereits im November 2000 zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt worden und hatte 2950 Euro an die Bank zurückgezahlt.

Fahrer des Fluchtautos sagte aus

Der Fahrer sagte, sich nicht an den Angeklagten erinnern zu können. Er wisse auch nicht, was mit der Beute passiert sei. „Es ging alles so schnell. Wir sind mit 150 über die Landstraße gefahren, weil ein Auto hinter uns her war. Irgendwann hat einer geschrien: Lass uns raus“, berichtete er. „Ich bin dann allein weitergefahren und ein paar Minuten später verhaftet worden.“

In dem Auto, das die Täter damals verfolgte, saß ein Hatzfelder, der die flüchtenden Bankräuber von der Bäckerei Eckhardt aus gesehen hatte. „Bei Eifa sind sie Richtung Battenberg gefahren. Als sie in einer Kurve einen Lkw überholt haben, habe ich den Kontakt verloren. Am Abzweig nach Frohnhausen wusste ich dann nicht mehr, ob sie rechts nach Frohnhausen oder geradeaus nach Battenberg gefahren sind. Da bin ich zurück nach Hatzfeld“, berichtete der Mann.

Er konnte der Polizei nicht nur das Fluchtauto beschreiben und das Kennzeichen nennen, er brachte die Ermittler noch auf eine weitere Spur: „Als ich später hörte, dass das Fluchtauto in Richtung Marburg gefahren war, habe ich abends auf einem Parkplatz bei Frohnhausen nachgesehen und die Reste der Strumpfhosen für die Masken gefunden.“

 „Er hat mir die Pistole direkt ins Gesicht gehalten.“

Einer der Bankangestellten von damals

Alle Zeugen, die am zweiten Verhandlungstag zum Banküberfall vor 22 Jahren in Hatzfeld vernommen wurden, räumten ein, sich nach so vielen Jahren nicht mehr an alles erinnern zu können. „Das ist lange her. Ich habe es verdrängt und damit abgeschlossen“, sagte einer der Bankangestellten.

Ein Kollege berichtete, wie er von einem der beiden Täter am Tresen in der Bank mit der Waffe bedroht und zur Herausgabe des Bargeldes aufgefordert worden war. „Er hat mir die Pistole direkt ins Gesicht gehalten“, berichtete der heute 70-Jährige. Dass es sich um eine Gaspistole ohne Schussmunition handelte, wussten die Bankmitarbeiter da noch nicht. Der Mann habe „gebrochen Deutsch“ gesprochen, sagte ein Kollege aus.

Angeklagter war deutlich größer als sein Komplize

Die Aussagen der fünf Bankangestellten sollten die Frage klären, ob es der Angeklagte war, der die Mitarbeiter mit der Gaspistole zur Herausgabe des Geldes gezwungen hatte. Ja, er war es, stand nach Ansicht des Gerichts am Ende fest. Ein Indiz war seine Körpergröße – der andere Mann, der mit ihm in der Bank war, während die beiden Komplizen im Auto warteten, war etwa 20 Zentimeter kleiner, wodurch die Zeugen die beiden unterscheiden konnten.

Nach der Aussage der Zeugen stand für das Gericht um den Vorsitzenden Richter Sebastian Ferner auch fest, dass es der Angeklagte war, der auf der Straße mit seiner Gaspistole in Richtung von Passanten vor der Bäckerei Eckhardt geschossen hatte.

„Wenn es scharfe Munition gewesen wäre, würde ich heute nicht mehr hier sitzen.“

Ein Zeuge

„Ich hab gerufen: Halt, stehen bleiben! In dem Moment hat einer der beiden auf mich geschossen – das war der größere der beiden“, schilderte einer der Passanten die Situation. „Ich bin auf allen Vieren ins Café reingekrochen. Dass es eine Gaspistole war, wusste ich nicht. Wenn es scharfe Munition gewesen wäre, würde ich heute nicht mehr hier sitzen“, sagte der Zeuge.

Die Mitarbeiter der Bank sagten aus, dass sie der Vorfall natürlich beschäftigt habe, Folgeschäden seien dadurch aber nicht entstanden. Alle seien am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen.

Die Plädoyers

Am Ende eines langen Verhandlungstages stand für Oberstaatsanwältin Sarah Antonia Otto fest: „Der Angeklagte war der Wortführer und der Hauptverantwortliche in der Bank. Und er hat draußen geschossen, um die Flucht abzusichern.“

Da die Beute nicht mehr aufzufinden sei, könne nicht geklärt werden, wer welchen Anteil an den fast 30 000 DM bekommen habe. Der Angeklagte hatte am ersten Verhandlungstag gesagt, nicht an der Beute beteiligt worden zu sein. Er sei noch am selben Tag mit dem Zug in Richtung Kosovo gefahren.

Während die Oberstaatsanwältin von einem besonders schweren Fall der räuberischen Erpressung sprach und eine Haft von fünf Jahren und sechs Monaten forderte, sah Verteidigerin Nadin Nitz „viele Milderungsgründe“. Ihr Mandant habe gestanden, dass er an dem Überfall beteiligt war, nach seiner Verhaftung in Albanien habe er der Auslieferung nach Deutschland zugestimmt. Und er hatte sich in der Verhandlung bei allen Beteiligten entschuldigt: „Es tut mir wirklich sehr leid. Und ich möchte mich bedanken, dass ich so ein ausführliches Verfahren bekommen habe“, sagte der Angeklagte in seinen letzten Worten nach den Plädoyers.

Das Urteil: Haft und Rückzahlung der Beute

Beim Urteil ging das Gericht von einer besonders schweren räuberischen Erpressung aus – unter anderem wegen des Schusses mit der Gaspistole. Zu Gunsten des Angeklagten sprachen nicht nur sein Geständnis und seine Entschuldigung, sondern auch die lange Zeit zwischen Tat und Urteil. „Der Strafzweck lässt nach so langer Zeit nach“, sagte Richter Ferner. Der Angeklagte hat in seiner Heimat mittlerweile eine Familie. „Er muss nicht mehr resozialisiert werden, er ist bereits sozialisiert“, sagte seine Verteidigerin.

Der Angeklagte muss auch die noch offene Summe der Beute zurückzahlen – umgerechnet 12 300 Euro. Den Rest (2950 Euro) hatte der Fahrer des Fluchtautos gezahlt; er hatte wie die beiden Komplizen bereits eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt.

Gegen das aktuelle Urteil ist noch Revision innerhalb von einer Woche möglich.

Auch interessant

Kommentare