HNA-Serie zur Gebietsreform

Vor 50 Jahren: Reddighausen feierte schon mit Battenberg, kam aber zu Hatzfeld

Der Reddighäuser Herbert Wiegand hat viele alte Unterlagen und Zeitungsberichte aus den spannenden Monaten der Gebietsreform Anfang der 1970er-Jahre aufbewahrt. Er selbst war damals Gemeindevertreter.
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Der Reddighäuser Herbert Wiegand hat viele alte Unterlagen und Zeitungsberichte aus den spannenden Monaten der Gebietsreform Anfang der 1970er-Jahre aufbewahrt. Er selbst war damals Gemeindevertreter.

Vor 50 Jahren schlossen sich 62 der bis dahin 78 selbstständigen Gemeinden im Altkreis Frankenberg zu Großgemeinden zusammen. 1973 folgten die anderen. In einer Serie über die Gebietsreform erinnern wir an die turbulenten, folgenschweren Ereignisse. Heute geht es am Beispiel Reddighausen um die Stadt Hatzfeld.

Hatzfeld – „Seit Donnerstag, 8. Juli, gehört die Gemeinde Reddighausen im Oberen Edertal zur Stadt Battenberg und wird künftig ein Stadtteil der Bergstadt sein. Im Rahmen einer kleinen Feierstunde wurden die Grenzänderungsverträge im Battenberger Rathaus unterzeichnet.“

Das stand am 10. Juli 1971 in der HNA. Und es war keine Zeitungsente. Trotzdem kam es anders: Reddighausen wurde in der Gebietsreform schließlich doch der Stadt Hatzfeld zugeordnet, obwohl das die meisten Reddighäuser gar nicht wollten. Und die Verträge mit Battenberg galten nicht mehr.

Wir haben mit Herbert Wiegand über die turbulenten Jahre der Gebietsreform Anfang der 1970er im Oberen Edertal gesprochen. Der heute 82-Jährige war damals Gemeindevertreter in Reddighausen und hat noch alte Unterlagen und Zeitungsberichte.

Wiegand erzählt, warum die Reddighäuser damals zur Stadt Battenberg tendierten: „Wir waren wie heute eine Kirchengemeinde mit Dodenau. Und die Dodenauer hatten sich in der Gebietsreform schon für Battenberg entschieden – das war schon genehmigt.“ Mit Hatzfeld hingegen habe es „kein großes Einvernehmen“ gegeben, sagt er. „Das kam erst durch die Mittelpunktschule.“ Die Hatzfelder wiederum hätten erklärt, dass ihre Stadt ohne Reddighausen und seine rund 800 Einwohner nicht überlebensfähig sei.

Das sahen die meisten Reddighäuser offenbar anders: In einer geheimen Abstimmung sprachen sich damals mehr als 80 Prozent der Einwohner, die ihre Stimme abgegeben hatten, für einen Anschluss des Dorfes an Battenberg aus. Auch die beiden Parlamente stimmten zu. Die Eingliederung wurde vorbereitet, der Grenzänderungsvertrag am 8. Juli 1971 von den Bürgermeistern Ewald Jeide (Reddighausen) und Robert Fingerhut (Battenberg) unterschrieben. Auch der Kreistag des damals noch eigenständigen Landkreises Frankenberg gab am 27. August 1971 seine Zustimmung.

„Wir haben richtig gefeiert“, erinnert sich Herbert Wiegand: Am 8. Juli 1971 wurden im Battenberger Rathaus die Grenzänderungsverträge zwischen Reddighausen und Battenberg unterschrieben. Im Bild die Bürgermeister Ewald Jeide (links, Reddighausen) und Robert Fingerhut (rechts, Battenberg). archiv

Das Land Hessen allerdings war dagegen. Fünf Monate nach der Unterzeichnung verweigerte die Landesregierung dem Grenzänderungsvertrag die Genehmigung. Die Sache ging vor Gericht: Reddighausen und Battenberg klagten gegen das Land und bekamen vom Verwaltungsgericht in Kassel Recht: Reddighausen dürfe nach Battenberg eingegliedert werden. Das Gericht sprach von „Gründen des öffentlichen Wohls“, die in diesem Fall erfüllt seien.

Am Ende setzte sich aber doch das Land Hessen durch, was Herbert Wiegand damals „schwer geärgert“ hat, wie er erzählt: „Nach dem Gesetz hatten wir Recht, aber das Gesetz wurde dann vom Land geändert. Erst hieß es, die Gemeinden könnten ihre Wünsche für die Gebietsreform anmelden, die würden dann berücksichtigt. Hinterher hieß es, dass die Wünsche nur berücksichtigt würden, wenn sie mit den Planungen der Landesregierung übereinstimmen. Das war dann doch nicht mehr freiwillig. Wir wurden zwangseingemeindet.“

Nicht nur Herbert Wiegand ärgerte sich, wie das alles gelaufen war. Insgesamt acht der 15 Reddighäuser Gemeindevertreter legten im September 1973 ihre Mandate nieder, ebenso zwei Beigeordnete und der Protokollführer. „Gemeindevertretung beschlussunfähig“, titelte damals die Zeitung.

„Nach der Abstimmung des Landtags über die Gebietsreform sind wir der Meinung, dass die Beschlüsse frei gewählter Gremien nicht mehr beachtet werden. Wir sehen daher unsere Mitarbeit als Gemeindevertreter als überflüssig an“, lautete damals die Begründung der „Fortschrittlichen Wählergemeinschaft“ in Reddighausen, der die acht zurückgetretenen Gemeindevertreter angehörten – darunter Herbert Wiegand. „Wir waren enttäuscht, dass unsere Bemühungen und Entscheidungen nicht gehört und akzeptiert wurden“, sagt er heute. „Wir haben alles versucht, was wir konnten, sind aber hinten runtergefallen.“

Reddighausen wurde – wie auch Eifa – am 1. Januar 1974 nach Hatzfeld eingemeindet. „In Eifa gab es auch Überlegungen, nach Battenberg oder Biedenkopf zu gehen“, erinnert sich Wiegand. Holzhausen war schon am 1. April 1971 freiwillig zu Hatzfeld gekommen, Biebighausen drei Monate später.

Wiegand und die anderen zurückgetretenen Reddighäuser waren in der ersten Hatzfelder Stadtverordnetenversammlung nach der Gebietsreform nicht dabei, im Laufe der Jahre habe Reddighausen – auch durch die Gründung der Bürgerliste – aber immer mehr Gehör in der Stadt gefunden. Ab 1985 engagierte sich auch Herbert Wiegand wieder im Ortsbeirat, von 1993 bis 2001 war er Ortsvorsteher, ab 1989 Stadtverordneter und von 2001 bis 2011 Stadtrat.

Rückblickend sei die Gebietsreform „grundsätzlich nicht verkehrt gelaufen“, sagt Wiegand heute. „Kleine Gemeinden hatten aber Schwierigkeiten – so wie heute noch. Es wäre besser gewesen, man hätte damals das alte Amt Battenberg zusammengelegt.“

2010: Ermisch und Horsel scheitern mit Fusionsplänen

„Die Entwicklung gibt uns heute Recht“, sagt Herbert Wiegand. Schon bei der Gebietsreform vor 50 Jahren seien einige in Reddighausen der Meinung gewesen, dass man mit Hatzfeld nicht lebensfähig sei. „Für so eine kleine Stadt sind wir zu wenige Einwohner, die Verwaltung ist zu teuer“, sagt der langjährige Kommunalpolitiker. Aktuell hat die Stadt Hatzfeld weniger als 3000 Einwohner, bei der Kommunalwahl 2021 musste deshalb das Parlament von 23 auf 15 Sitze verkleinert werden.

Schon bei der Gebietsreform Anfang der 1970er hätten sich manche einen größeren Zusammenschluss im alten Amt Battenberg gewünscht – also im Grunde mit den heutigen Kommunen Battenberg, Hatzfeld, Allendorf und Bromskirchen. „Wir hatten uns damals in Bad Berleburg schlau gemacht, die hatten 23 Stadtteile. Das hätte doch auch im Oberen Edertal möglich sein müssen“, erzählt Wiegand. „Doch es ist so gekommen, wie es noch heute ist.“

Heute ist Hatzfeld eine der kleinsten Städte in Hessen. „Und jetzt geht es mit den Zusammenschlüssen wohl wieder von vorne los, das sieht man ja an Bromskirchen. Irgendwann müssen wir in Hatzfeld auch was machen.“

Den Vorschlag, was zu machen, gab es schon: „Battenberg und Hatzfeld sollen fusionieren“, stand am 7. Juli 2010 auf der Titelseite der HNA. Am Tag zuvor hatten die Bürgermeister Heinfried Horsel (Battenberg) und Uwe Ermisch (Hatzfeld) in einem Pressegespräch ein Strategiepapier vorgestellt: Die beiden Nachbarstädte sollen sich 2014 zu einer Kommune zusammenschließen, so ihre Idee. Gründe waren etwa die immer schlechter werdende finanzielle Lage der Kommunen und die Folgen einer älter werdenden Gesellschaft.

Doch aus den Plänen der „Vordenker“, wie sich die beiden Bürgermeister in dem Pressegespräch nannten, wurde nichts. Der Vorschlag, den Horsel und Ermisch nicht vorab mit den Stadtverordneten abgesprochen hatten, wurde öffentlich zerredet, bevor er überhaupt ernsthaft diskutiert worden war: „Unsere Stadt Hatzfeld muss selbständig bleiben: Keine Fusion mit Battenberg!“, schrieb die Bürgerliste Hatzfeld in einem Flugblatt im September 2010, wenige Monate vor der Kommunalwahl. Und: „Bei einer Fusion sind in einem gemeinsamen Parlament Hatzfelder, Eifaer, Holzhäuser und Reddighäuser in der Minderheit. Es bestimmen dann also andere, was in Hatzfeld und seinen derzeitigen Ortsteilen investiert wird. Das kann nicht im Interesse von uns allen sein.“

Und die Bürgerliste fragte: „Was stecken für persönliche Interessen hinter der Initiative?“ Ermisch hatte das als „persönlichen Angriff“ empfunden und im Dezember im Hatzfelder Boten erklärt, dass die Fusion „vom Tisch“ sei.

„Die Fusion war ein rotes Tuch in Hatzfeld“, erinnert sich Herbert Wiegand an den Herbst 2010. Er selbst könne sich einen Zusammenschluss heute gut vorstellen, sagt er: „Hatzfeld und Battenberg vielleicht nicht, aber zu dritt mit Battenberg und Allendorf – das habe ich ja bei der Gebietsreform schon gesagt.“

Am Rande

Reddighausen zu Frankenberg?

Die Nachricht am 10. Juli 1971 in der HNA, dass Battenberg und Reddighausen den Grenzänderungsvertrag unterzeichnet hatten, stimmte. Was bei dem Artikel damals aber nicht stimmte, war die Überschrift: „Reddighausen gehört jetzt zu Frankenberg“, stand in großen Buchstaben über dem Text auf der ersten Lokalseite, zu dem auch das historische Foto gehört. Im Text selbst war richtigerweise von Battenberg statt Frankenberg die Rede, auch wenn es am Ende doch nicht zu dem Zusammenschluss kam.

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