Architektur

Himmelstropfen und Heidentempel: Korbacher Architekt Christoph Hesse schafft „Open Mind Places“

„Sonnenklang“ heißt dieses Objekt, das oberhalb von Referinghausen steht – es ist eine Liege aus Holz unter einem Dach aus Kupfer. FOTOS: LAURIAN GHINITOIU
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„Sonnenklang“ heißt dieses Objekt, das oberhalb von Referinghausen steht – es ist eine Liege aus Holz unter einem Dach aus Kupfer.

Der Korbacher Architekt Christoph Hesse hat neun „Open Mind Places“ in seinem Heimatdorf Referinghausen geschaffen beziehungsweise markiert. Bis vor kurzem waren sie in Modellform in der Architektur-Galerie in Berlin ausgestellt.

Korbach/Medebach – Es gibt Orte, die den Kopf frei pusten, an denen dem Geist Flügel wachsen. Punkte, wo wir runterfahren, Ruhe finden, uns öffnen, nachdenken und neben dem Alleinsein auch mit anderen ins Gespräch kommen können. Oft haben diese Orte eine natürliche Aura, die man spüren kann. Manchmal ist das Gespür dafür aber verloren gegangen. Dann brauchen diese Orte im übertragenen Sinne ein Ausrufezeichen oder eine Marke, um sie zu be-„merken“.

Der Korbacher Architekt Christoph Hesse hat neun solcher „Open Mind Places“ in seinem Heimatdorf Referinghausen geschaffen beziehungsweise markiert. Bis vor kurzem waren sie in Modellform in der Architektur-Galerie in Berlin ausgestellt. Danach ziehen sie weiter unter anderem nach München und Venedig. In natura bleiben sie in Referinghausen.

Fotos: Korbacher Architekt Christoph Hesse schafft „Open Mind Places“

Der Korbacher Architekt Christoph Hesse.
Der Korbacher Architekt Christoph Hesse. © pr
„Heidentempel“: Entlang der Heidenstraße steht dieses hoch aufragende Monument aus Holz – ein Platz, der zum Innehalten einlädt.
„Heidentempel“: Entlang der Heidenstraße steht dieses hoch aufragende Monument aus Holz – ein Platz, der zum Innehalten einlädt. © LAURIAN GHINITOIU
„Himmelstropfen“: Blickt man aus dem Innern der zusammengerollten Baustahlmatten nach oben, sieht das Blau nach „Himmelstropfen“ aus.
„Himmelstropfen“: Blickt man aus dem Innern der zusammengerollten Baustahlmatten nach oben, sieht das Blau nach „Himmelstropfen“ aus. © LAURIAN GHINITOIU
Vom „Pflug“ hat man Blickkontakt zu anderen „Open Mind Places“. Er wurde mit Wasser begossen, damit er schneller rostet.
Vom „Pflug“ hat man Blickkontakt zu anderen „Open Mind Places“. Er wurde mit Wasser begossen, damit er schneller rostet. © LAURIAN GHINITOIU
„Sonnenklang“ heißt dieses Objekt, das oberhalb von Referinghausen steht – es ist eine Liege aus Holz unter einem Dach aus Kupfer. FOTOS: LAURIAN GHINITOIU
„Sonnenklang“ heißt dieses Objekt, das oberhalb von Referinghausen steht – es ist eine Liege aus Holz unter einem Dach aus Kupfer. © LAURIAN GHINITOIU

Schon seit Jahren schwelten die Gedanken im Kopf des Architekten: Wohin bringt uns das „schneller, höher, weiter“? Was macht die Digitalisierung mit uns? Mit unserem Verhältnis zur Natur, deren Bestandteil wir doch eigentlich selbst auch sind? – Passgenaue Antworten auf diese Fragen gibt es nicht, aber Orte, an denen man sich mit ihnen beschäftigen kann, wo die Auseinandersetzung mit ihnen greifbar und erlebbar wird.

Inmitten der Natur rund um Referinghausen hat der 43-Jährige, der aus dem Medebacher Stadtteil stammt, in Oberschledorn wohnt und in Korbach und Berlin Architekturbüros betreibt, sogenannte Follies (naturnahe Bauten) als Plätze der offenen Gedanken errichtet. „Diese Plätze sollen dazu einladen, über die Bestimmung des eigenen Lebens nachzudenken. Man braucht solche Orte, wo man Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten kann. Wo man – in Zeiten des ökologischen Umbruchs – einen geschärfteren Blick auf unsere Natur- beziehungsweise Kulturlandschaft einnehmen kann. Es geht darum, sich diesen Wandel bewusst zu machen. Denn nur, was man versteht, kann man auch ändern“, sagt Hesse.

Christoph Hesse teilt die Orte in drei Kategorien ein: Innehalten, Nachdenken und Gedanken austauschen

Der 43-Jährige teilt die Orte in drei Kategorien ein: Innehalten, Nachdenken und Gedanken austauschen. Ständig sichtbar bleiben nicht alle Follies. Einige – wie die Strohtherme, die zur 750-Jahr-Feier als äußeres Zeichen der energetischen Neuausrichtung des Dorfes aufgebaut war, oder die Installation eines brennenden Holzstapels als Symbol für das Waldsterben – waren nur temporärer Natur.

Die anderen Marken sind hingegen langlebig. Sie bestehen aus einfachen Konstruktionen und lokal verfügbaren Materialien, die Hesse mit Hilfe seiner Familie, Dorfbewohnern und befreundeten Handwerkern errichtet hat. Die „Himmelstropfen“ zum Beispiel sind drei luftige, aus Baustahlmatten geformte Metallröhren. Sie stehen auf einer Hügelkuppe inmitten einer Wiese und werden von Pflanzen umrankt. In der Mitte lädt jeweils ein Liegestuhl ein, um Löcher in den Himmel zu gucken.

Christoph Hesses Hommage an das nicht immer einfache Landleben

Da ist außerdem der „Sonnenklang“. Eine von einem spitzen Metalldach behütete Holzliege, auf der sich die Umgebungsgeräusche unter dem Kupferfirmament verdichten. Und da ist die begehbare Skulptur „Pflug“ aus vor sich hin rostendem Metall. Sie ist als unverklärte Hommage an das nicht immer einfache Landleben zu verstehen.

In der Dorfmitte, die zurzeit neu als Mehrgenerationenplatz gestaltet wird, finden sich „Unterholz“ und „Oberholz“. Kubistische Baukörper aus Betonsockel und gestapelten Eichenbalken, die nicht nur das Lichtspiel, sondern auch Gedanken durchlassen.

In gewisser Weise knüpfen die Plätze der offenen Gedanken an die 43 Seelenorte im Sauerland an. Sie sind Bestandteil des Projekts „Wege zum Leben in der Digitalen Transformation“, das im Rahmen der „Regionale 2025“ in umgenutzten Gebäuden und in experimenteller, temporärer Architektur in der Natur inspirierende Räume für Lernen, Arbeiten und Leben entwickeln will. (Thomas Winterberg)

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