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Immer mehr Prüflinge rasseln durch die Fahrprüfung

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Von: Claudia Feser, Thomas Hoffmeister

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Christoph Balzer, Inhaber einer Fahrschule in Battenberg, rät von privaten Fahrstunden dringend ab.
Christoph Balzer, Inhaber einer Fahrschule in Battenberg, rät von privaten Fahrstunden dringend ab. © Thomas Hoffmeister

Immer mehr Fahrschüler in Nordhessen fallen durch die Prüfungen. Das hat der TÜV Hessen mitgeteilt, der die Fahrprüfungen abnimmt.

Die Niederlassung Kassel hatte im Jahr 2021 mit 33,1 Prozent die in Hessen höchste Nichtbesteherquote in der praktischen Fahrerlaubnisprüfung aller Fahrklassen. Der hessische Durchschnitt lag bei 26,9 Prozent. Die Theorie hatten 31,9 Prozent aller nordhessischen Prüflinge nicht bestanden.

Im Vergleich mit den anderen Bundesländern steht Hessen noch ganz gut da: Negativer Spitzenreiter ist Hamburg, wo die Durchfallerquote bei den praktischen Fahrprüfungen bei 45 Prozent liegt (Theorie: 32 Prozent). In Niedersachsen lag die Quote bei 30,3 Prozent (praktische Prüfung).

Die Durchfallgründe sind vielfältig, sagen die Fahrlehrer. Zum einen liege es oft an den fehlenden Sprachkenntnissen der Prüflinge mit Migrationshintergrund, sagt Ulf Warlich, Regionalvorsitzender des Fahrlehrerverbands aus Borken.

Er unterrichtet seit 30 Jahren und sagt: „Die Jugend hat sich geändert, sie ist nicht mehr so belastbar.“ Außerdem gingen die Jugendlichen heutzutage viel nervöser und ängstlicher in die Prüfungen. „Auf dem Dorf konnten sie früher schon ein bisschen Autofahren und wussten, wo Gas, Kupplung und Bremse liegen. Heute kommen sie völlig unbedarft zur Fahrschule.“

Uwe Herrmann
Uwe Herrmann, TÜV Hessen © TÜV Hessen

Uwe Herrmann vom TÜV Hessen berichtet von ähnlichen Erfahrungen: „Kinder werden heute bei Mama und Papa ins Auto auf die Rückbank gesetzt, dem Nachwuchs wird ein elektronisches Gerät wie Handy oder DVD-Player in die Hand gedrückt, damit er auf der Fahrt ruhig ist.“ Das Elterntaxi fahre den Nachwuchs in die Schule und hole ihn wieder ab oder der eventuelle Fußweg werde mit dem Handy in der Hand zurückgelegt. „Dadurch wird das, was früher den Kindern in die Wiege gelegt wurde, ausgehebelt“, sagt Herrmann. Die Verkehrserziehung liege dann ausschließlich bei den Fahrlehrern. Weiterer Grund seien auch die steigenden Verkehrszahlen und damit ein anspruchsvollerer Verkehr.

Angst ist meistens unbegründet

„Es gibt auf jeden Fall mehr Durchfaller bei der Fahrprüfung“, sagt Christoph Balzer, der damit auch für den Landkreis Waldeck-Frankenberg den überregionalen Trend bestätigt. Balzer ist seit 2015 Inhaber einer Fahrschule in Battenberg. Bundesweit habe die Quote der Durchfaller im Jahr 2006 „unter 20 Prozent“ gelegen. 15 Jahre später hat knapp ein Drittel der Führerscheinbewerber im Bereich der TÜV-Niederlassung Kassel die Theorieprüfung im ersten Anlauf nicht bestanden.

Einfache oder pauschale Erklärungen für dieses Phänomen lehnt Christoph Balzer jedoch ab. Probleme gebe es vor allem bei der praktischen Prüfung, sagt der Battenberger Fahrlehrer. Zum Beispiel dann, wenn ein Prüfer zu eigenständigem Handeln auffordere, wie mit dem Satz: „Suchen Sie sich mal eine Stelle, um das Fahrzeug zu wenden.“

Heute dauere eine praktische Fahrprüfung 55 Minuten, früher nur 45 Minuten. Gegen Ende der Prüfungsstunde lasse oft die Konzentration der Bewerber nach, hat Balzer beobachtet.

Stärker als noch vor 15 oder 20 Jahren sei bei Führerschein-Prüflingen die Sorge vor dem „Durchfallen“ ausgeprägt, sagt Christoph Balzer. Diese Angst sei jedoch weitgehend unbegründet: „Das ist ja nicht wie beim Abitur.“ Und: „Ich kenne keinen einzigen bösen Prüfer.“

Dringend rät der Battenberger Fahrschul-Inhaber von „privaten“ Fahrstunden auf Feldwegen ab: „Dabei riskieren die Eltern den eigenen Führerschein, eine Gefährdung anderer Menschen und einen Schaden am Auto, auf dem man dann auch noch sitzen bleibt.“

Was Fahrschüler früher an illegal erworbener Fahrpraxis schon mit in die Fahrschule gebracht hätten, „das kriegen wir Fahrlehrer in zwei Stunden locker hin“, versichert Balzer.

Die theoretische Fahrprüfung sei ohne Zweifel in den letzten Jahren schwerer geworden. „Früher hat man die Fragen der Prüfungsbögen einfach auswendig gelernt, heute gibt es Varianten mit bewegten Bildern und Fahrzeugen mit wechselnden Farben. Ohne entsprechenden Unterricht würde da jeder versagen“, sagt Balzer.

„Fast alle“ jungen Menschen kommen laut Christoph Balzer heute mit 17 Jahren in die Fahrschule. Das „begleitete Fahren“ ab 17 über ein Jahr – überwiegend mit einem Elternteil als Beifahrer – habe sich absolut bewährt, sagt Balzer, weil die Führerscheinneulinge dabei viel praktische Erfahrungen sammelten.

Nach den Worten des Battenberger Fahrlehrers reagieren junge Menschen geschlechtsspezifisch unterschiedlich, wenn es Probleme bei der Führerscheinprüfung gibt: „Jungen geben eher auf, die Mädchen ziehen’s durch“, hat Christoph Balzer beobachtet.

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