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„Spaziergänge“ im Landkreis: Korbacher Szene organisiert sich im Messenger Telegram

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Von: Lutz Benseler

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„Freiheitsboten Korbach“: In den Chats der Telegram-Gruppe organisieren die Impfgegner ihre „Spaziergänge“.
„Freiheitsboten Korbach“: In den Chats der Telegram-Gruppe organisieren die Impfgegner ihre „Spaziergänge“. © Lutz Benseler

Im Telegram-Kanal „Freiheitsboten Korbach“ mobilisieren die Impfkritiker für ihre Montags-Spaziergänge. Dabei verbreiten sie auch Verschwörungstheorien bis hin zur Leugnung des Holocausts. Ein Einblick.

Korbach – „Wir bieten keinen Raum für Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung“ werden neue Mitglieder in der Telegram-Gruppe „Freiheitsboten Korbach“ begrüßt, in der die Corona-Kritiker ihre „Spaziergänge“ organisieren. Distanzieren sich die Mitglieder tatsächlich von rechts? Wer ist in der Gruppe organisiert und worüber wird gesprochen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wer steckt hinter den „Freiheitsboten“?

Die Freiheitsboten sind aus einer Initiative von Dr. Bodo Schiffmann entstanden. Der Mediziner gilt als eine Führungsfigur der deutschen Coronaleugner-Szene. Er verbreitete Verschwörungstheorien zur Covid-19-Pandemie in Deutschland und organisierte Proteste gegen Schutzmaßnahmen. Nach Ärger mit der Justiz und Behörden und Hausdurchsuchungen hat sich der Corona-Leugner nach Tansania abgesetzt. Die Freiheitsboten sind in nur lose und nicht hierarchisch organisierte Ortsgruppen untergliedert. Über Telegram-Gruppen vernetzen sich die Mitglieder, organisieren Aktionen und die Verteilung von Flugblättern und verbreiten zahlreiche irreführende und falsche Aussagen über die Pandemie.

Wer ist in der Gruppe organisiert?

Aktuell hat die Gruppe rund 450 Mitglieder vorwiegend aus Waldeck-Frankenberg und den umliegenden Kreisen. Von der Schamanin, dem ehemaligen Pastor, Mitarbeitern der Kreisverwaltung, Sozialarbeitern, der grünen Kommunalpolitikerin, Heilpraktiker bis zum Handwerker sind Menschen mit völlig unterschiedlichen persönlichen Motiven vertreten. Was sie eint, ist die Ablehnung der Corona-Maßnahmen, der Impfungen und der Widerstand gegen eine Impfpflicht. Einige Mitglieder fühlen sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt und distanzieren sich explizit vom Rechtsextremismus.

Worüber wird in der Gruppe gesprochen?

In den mittlerweile Tausenden Beiträgen zeigt sich ein weitverbreitetes und gefestigtes Weltbild: Politiker sind korrupt, die Pharmaindustrie skrupellos, die „Mainsteammedien“ lügen. Diese Feindbilder sind klar definiert. Journalisten unserer Zeitung werden beispielsweise als „Denunzianten“ bezeichnet. Unterstützt wird das durch vielfältige Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten und klaren Falschinformationen aus der Querdenkerszene. Darüber hinaus werden Strategien abgesprochen, um Probleme mit Polizei und Ordnungsamt zu vermeiden.

Hat Rassismus und Antisemitismus tatsächlich keinen Platz?

Neben Diskussionen zu lokalen Themen werden täglich auch Dutzende Beiträge aus der rechten Querdenker-Szene geteilt: Häufiger finden sich Posts von Lutz Bachmann. Er gilt als Initiator der offen rassistischen und islamfeindlichen Organisation Pegida und ist deren Vorsitzender. Bachmann wurde wegen diverser Straftaten – darunter Einbruchdiebstahl, Drogenhandel, Körperverletzung – wiederholt verurteilt, seit 2016 auch wegen Volksverhetzung. Auch der umstrittene Sänger Xavier Naidoo kommt zu Wort. Er verbreitet im Internet die Behauptung, in der Bundesrepublik Deutschland herrsche „ein krankes und faschistisches System“ und auch ein Video, in dem der Holocaust als „gelungene historische Fiktion und Märchen“ bezeichnet wird. Auch impfkritische Postings der AfD-Politikerin Doris von Sayn-Wittgenstein, 1954 als Doris Ulrich in Bad Arolsen geboren, werden von den Nutzern aus anderen Medien übernommen und im Kanal verbreitet. Sie war 2019 wegen mutmaßlicher Kontakte zu Rechtsextremen aus der AfD ausgeschlossen worden, klagte sich aber erfolgreich zurück. Weitere Posts haben eine offensichtliche Nähe zu QAnon, einer Gruppe, die seit 2017 von den USA aus Verschwörungstheorien mit rechtsextremem Hintergrund im Internet verbreitet. Unter anderem ist vom „Deep State“ die Rede, also verborgene Eliten in hohen und höchsten Regierungsämtern und gesellschaftlichen Positionen. Ein weiterer Beitrag nimmt Bezug auf die rechtsextreme Aktivistin Ursula Haverbeck, die mehrmals wegen Leugnung des Holocausts zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde: Von Juden korrumpierte deutsche Gerichte hätten unter anderem ein Buch von Wilhelm Stäglich verboten, in der er die Wahrheit über Auschwitz berichtet habe. Der 2006 gestorbene Stäglich galt als Holocaust-Leugner, der die Existenz von Gaskammern in den Konzentrationslagern bestritten hatte.

Sind die „Spaziergänger“ auch in anderen Sozialen Netzwerken aktiv?

Wegen der deutlich größeren Reichweite haben einzelne Personen in den vergangenen Wochen auch versucht, auf Facebook auf den Montags-Spaziergang aufmerksam zu machen oder an der Treppe in der Fußgängerzone Kerzen gegen die „Spaltung der Gesellschaft“ niederzulegen. Das hat zu kontroversen Diskussionen zwischen den unterschiedlichen Lagern geführt. Offensiv für die „Spaziergänge“ wirbt auf Facebook auch ein Korbacher, der teils unter Pseudonym in Sozialen Netzwerken aktiv ist und sich als Freiheitskämpfer inszeniert. Er gehört auch der „Neuen AfD-Gruppe“ auf Facebook an, die dem Rechtsextremen Björn Höcke nahesteht. Dort suchte er nach Mitstreitern, die mit ihm nach Polen an die Weißrussische Grenze fahren sollten, um dort Flüchtlinge vom Grenzübertritt abzuhalten.

Werden die Spaziergänge von rechten Parteien mitorganisiert?

In vielen Städten unterstützen rechtsextreme Parteien wie die NPD oder der Dritte Weg die Spaziergänge oder melden sogar selbst Demonstrationen an. Das ist in Korbach derzeit nicht zu erkennen. Auch die Waldeck-Frankenberger AfD zeigt sich derzeit relativ zurückhaltend und ruft nicht zur Teilnahme an den Spaziergängen auf – auch wenn es eine starke inhaltliche Nähe gibt. Zuletzt wurde bei den „Freiheitsboten“ ein Video von Stefan Ginder geteilt. Er ist Fraktionsvorsitzender der AfD im Kreistag Waldeck-Frankenberg. Darin greift er den Korbacher Arzt Dr. Peter Koswig an, der Hygienemaßnahmen in einem örtlichen Supermarkt kritisiert hatte. Außerdem bezeichnet Ginder die lokale Presse als „gleichgeschaltet“.

Transparenzhinweis: In einer früheren Fassung des Beitrages war eine Formulierung enthalten, die Frau von Sayn-Wittgenstein Anlass zu der Befürchtung gab, es werde der unzutreffende Eindruck erweckt, sie selbst habe im Telegram-Kanal „Freiheitsboten Korbach“ eine aktive Rolle. Wir haben die beanstandete Formulierung deshalb entfernt und stellen hiermit klar, dass Frau Sayn-Wittgenstein in dem Kanal keine aktive Rolle einnimmt. Die Redaktion

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