„Irgendwie ist alles seltsam“

Pfarrer wegen Corona vor besonderen Herausforderungen – Hilmar Jung beschreibt seine Gefühlslage

Pfarrer Hilmar Jung: In der Kirche in Mohnhausen hätte er gerne über Weihnachten Gottesdienste gehalten. Aber in der gesamten Kirchengemeinde wurde alles abgesagt. Dennoch gibt es Alternativen. Der Seelsorger: „Darauf freue ich mich.“
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Pfarrer Hilmar Jung: In der Kirche in Mohnhausen hätte er gerne über Weihnachten Gottesdienste gehalten. Aber in der gesamten Kirchengemeinde wurde alles abgesagt. Dennoch gibt es Alternativen. Der Seelsorger: „Darauf freue ich mich.“

Ein bisschen Schnee. Glockengeläut. Krippenspiel. Christmette und Lichterkirche. Kartoffelsalat mit und ohne Würstchen. Oma und Opa, Tante und Onkel sind dabei. So lieben wir das Weihnachtsfest. Doch diesmal ist alles anders.

Gemünden – Die Pandemie treibt die Menschen in den harten Lockdown und zwingt sie, viele Aktivitäten einzustellen. Corona durchkreuzt wirklich alles. Das Virus verengt das Leben. Das betrifft auch die Arbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer. Alles ist anders in dieser Weihnachtszeit.

Beispielsweise für Hilmar Jung. Der Seelsorger betreut in der Kirchengemeinde Gemünden-Bunstruth die Orte Grüsen und Mohnhausen. „Nach 25 Jahren Pfarrdienst erlebe ich die Adventszeit 2020 wie ein Anfänger“, beschreibt der 58-jährige Seelsorger seine Gefühlslage, die Vorbereitungen fürs Weihnachtsfest unter Coronabedingungen und wie der Lockdown die Umsetzung verhindert. Das übliche Krippenspiel der Konfirmanden, komplettiert mit Jugendlichen und Erwachsenen, habe immer locker 30 Personen auf die Bühne gebracht. Diesmal: 1 König. 1 Hirte. 1 Wirt. Der Rest im Homeoffice. Oder in Kurzarbeit. Kaiser Augustus schlecht frisiert, weil die Frisöre schließen mussten. Und die Geschenke der Weisen: der begehrte Impfstoff.

Darüber hinaus gibt es keine jubelnden Posaunenchorklänge. Kein Abendmahl. Dafür gibt es eine Adventsandacht online. Und eine draußen vor der Tür. In Dunkelheit und Kälte. „Irgendwie ist alles seltsam.“

Der Seelsorger nimmt viele ausgesprochene und unausgesprochene Erwartungen der Menschen wahr. Er gerät in die Rolle des Verantwortlichen: „Als wäre ich der Entscheider.“ Jung hört Erinnerungen an bessere Tage, spürt Ängste, vor allem Berührungsängste, und erfasst Einsamkeit. Weil eben fast alles wegfällt. Er fühlt die besondere Herausforderung für einen Geistlichen.

Er wird mit Plätzchen und Stollen beschenkt wie nie zuvor. Der Pfarrer: „Mit den Konfirmanden haben wir einen Abend beim Lebendigen Adventskalender kreativ gestaltet. Wir präsentierten das Weihnachtsgebäck als Plätzchenkunde mit theologischem Tiefgang. Da kam schon Stimmung auf. Auch mit dem allerersten Adventskranz, erfunden von Johann Hinrich Wichern, der einfach nur 24 Kerzen auf ein Wagenrad setzte. Jetzt gilt: Zurück zu den Wurzeln.“

Strategien und Konzepte sind von kurzer Dauer und werden permanent von der Realität überholt. Dennoch werden allerorten Weihnachtsgottesdienste geplant. Unter veränderten Bedingungen. Was sonst bloß der übliche Stress ist, wird momentan zur maximalen Herausforderung. Diesmal herrscht leider Maskenpflicht im Gotteshaus. Kein Gesang. Unterdrückte Emotionen.

Abstandsregeln und Hygienekonzepte sollen Gottesdienste trotz aller Zwänge möglich machen. Anmeldungen und Eintrittskarten gehören urplötzlich zum Konzept. Das befremdet. Unterschwellig fühlt Pfarrer Jung die Angst vieler Menschen vor dem „Ausverkauft“. Wegen Überfüllung geschlossen. Nicht dabei sein zu können. Bitterkeit kommt hier und dort auf: „Ich gehe doch nicht mit Eintrittskarte in einen Gottesdienst!“ empört sich ein treues Gemeindeglied. Gewohnheiten und Traditionen, sonst ein absolutes Tabu, verlieren ihre Daseinsberechtigung. Da entsteht schon eine gewisse Hilflosigkeit: „Gesellschaft und Kirche vermögen nur zu reagieren. Wie soll da seelsorgerlich angemessen reagiert werden?“

Letztlich zieht die Kirchengemeinde die Reißleine. Pfarrer Jung: „Unsere Gemeinde hat sämtliche Live-Gottesdienste abgesagt. Stattdessen gibt es Online-Angebote sowie festlich geschmückte, offene Kirchen. In Schiffelbach, Gemünden, Grüsen sowie Mohnhausen sind sie an Heiligabend zu den ursprünglich angesetzten Gottesdienstzeiten für den persönlichen Besuch geöffnet. Diakonin Golde-Bohrmann und ich werden anwesend sein.“

Mit Maske, versteht sich. Seelsorgerische Begleitung im Hintergrund. Zudem werden „Worte in der Tüte“ zum Mitnehmen angeboten.

2020 ist kein Jahr wie jedes andere. Deshalb ist auch Weihnachten ganz anders. Dennoch findet Weihnachten statt. Nur eben ungewohnt, abgespeckt, auf das Wesentliche reduziert. Jung: „Weihnachten ist, weil Gott will. Allein das bringt Glanz in die kleinste Hütte. Ich jedenfalls freue mich mit Hoffnung darauf!“ » 

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