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Joachim B. Schmidt mit einer eigenwilligen Neukomposition des Wilhelm Tell

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Von: Jonas Bremmer

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Roman Tell von Joachim B. Schmitt.
Roman Tell von Joachim B. Schmitt. © Diogenes Verlag

Die Geschichte von Wilhelm Tell, der mit dem Apfel und der Armbrust, ist ein Meilenstein des politischen Theaters. Das Abenteuer vom wackeren Helden, der den Tyrannen umbringt, löste unzählige Diskussionen aus. In Joachim B. Schmidts superrasanten Roman wird der Plot eigenwillig neu komponiert.

Joachim B. Schmidt, aufgewachsen im Schweizer Kanton Graubünden und 2007 nach Island ausgewandert, verwandelt den Tell-Stoff massiv. Im Zentrum steht der „Mensch“ Wilhelm Tell – ein Wilderer und Familienvater, ein Eigenbrötler und notorischer Querulant. Er ist ein Antiheld, einer, der überhaupt kein Held sein will, der eigentlich nur seine Ruhe, genug zu essen, einen Leiterwagen haben und eine Kuh verkaufen will.

Aus dem machtgeilen Tyrannen Gessler macht Schmidt einen zaudernden und zögerlichen Landesherrn. Dafür baut Schmidt einen anderen Erz-Schurken ein: Harras, der sich auch das mit dem Hut ausgedacht hat. Den hat er auf einen Pfahl im Dorf gesteckt, damit jeder den Herrscher auch dann grüßen muss, wenn der gar nicht da ist. Denn Harras verachtet die Bevölkerung. Die Schweiz, wie Schmidt sie schildert, ist eine ziemlich gesetzlose Versammlung von Einzelgängern. Jeder ist irgendwie für sich und die Seinen da, niemand fühlt sich fürs große Ganze verantwortlich. Anders als bei Schiller erheben auch Frauen ihre gewichtige Stimme.

So gibt es noch Kämpfe Mensch gegen Natur und Mensch gegen Mensch. Es gibt starke Szenen, gute Dialoge, überraschende Aufreißer, auch ohne die Zitate Schillers. So kommt niemand „durch diese hohle Gasse“. Stattdessen prägt Schmidt selbst einen denkwürdigen Satz, als Tell schwerverwundet nach einem Kampf: „Denn ich habe noch etwas zu erledigen, bevor ich aufwache.“ Danach möchte er sterben.

Schmidts Fiktionen des Tell machen die Erzählung einzigartig, frisch und zwingend. In fast 100 schnellen Sequenzen erzählen 20 Protagonisten dem explosiven Showdown entgegen.

Dr. Helmut Schaaf für die Christine Brückner Bücherei Bad Arolsen

Joachim B. Schmitt: Tell

Diogenes, 2002
288 Seiten
ISBN: 978-3-257-07200-6
(D) 23.00 € 

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