Fragen bis Juli klären

Keine Entscheidung zum Abriss des Wildunger Kurhauses

Nach dem Brand im Sommer steht das Badehaus am Wildunger Kurhaus vor dem Abriss - der Magistrat will weiter gehen.
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Nach dem Brand im Sommer steht das Badehaus am Wildunger Kurhaus vor dem Abriss - der Magistrat will weiter gehen.

Die Diskussionen um das Wildunger Kurhaus gehen weiter: Der Magistrat schlug den Abriss vor, das Parlament will den Planungsausschuss offene Fragen klären lassen.

Bad Wildungen – Der Kurhaus abreißen, um Investoren etwas anbieten zu können? Oder das arg mitgenommene Traditionsgebäude in der ein oder anderen Form reaktivieren? Für keinen der beiden Kurse ließ sich bei der Sitzung der Wildunger Stadtverordneten eine klare Mehrheit erkennen. Am Ende der Diskussion stand der einstimmige beschlossener Kompromiss, das Thema an den Planungsausschuss zu verweisen.

Bis 15. Juli soll dieser ermitteln, ob sich einerseits im Rahmen des in Arbeit befindlichen Masterplans „Zukunft Bad Wildungen“ oder durch potenzielle Investoren Entwicklungspotenzial auftut. Und andererseits, was der Abriss einzelner Gebäudeteile und die Abdichtung der Tiefgarage kosten würde.

950 000 Euro würde der Abriss des Kurhauses einschließlich Therapeutikums kosten: Diesen hatte der Magistrat empfohlen. 200 000 Euro davon sind bereits für den Abriss des brandgeschädigten Badehauses eingeplant, 750 000 Euro wären als außerplanmäßige Auszahlung also noch zu bewilligen.

Bürgermeister argumentiert für Abriss des Wildunger Kurhauses

Bürgermeister Ralf Gutheil (SPD) warb mit einer Redewendung der Dakota-Indianer für den Abriss des gesamten Kurhauses: „Wenn du merkst, dass du auf einem toten Pferd reitest – steig ab.“ Von 2008 bis 2020 habe das Kurhaus ein Defizit von 3,175 Millionen Euro verursacht. Immer wieder kommt es zu Vandalismus und Versuchen, Feuer zu legen. Der Magistrat hat die Versicherung gekündigt, weil deren Vorgaben – alle Fenster und Türen zumauern, Stacheldrahtzaun aufstellen und einen Wachdienst engagieren – schon für ein halbes Jahr 100 000 Euro kosten würden.

Das Wildunger Kurhaus ist dem Vandalismus anheimgefallen - die Messinggeländer im Bild sind längst nicht mehr da.

Er verwies auf das Urteil nach dem tödlichen Unfall in einem nicht gesicherten Feuerlöschteich in Neukirchen: Weder er noch der Erste Stadtrat Hartmut Otto (CDU) seien bereit, den Kopf hinzuhalten, wenn im Kurhaus etwas passiert. Ein Eindringen sei praktisch nicht zu verhindern, wer etwa in die Schächte im Keller stürze oder sich an den Stromleitungen zu schaffen mache, könne leicht ums Leben kommen. Ohne Abriss müsse er dem Parlament als nächstes die Kosten für die Sicherung vorlegen – wenn es diese ablehne, müsse geprüft werden, ob im Fall des Falles seine Entscheidung zu Grund gelegt werden müsse.

Alle Bemühungen, das Kurhaus abzugeben, seien gescheitert. Die Kliniken brauchten es nicht, sagte Gutheil – sondern höchstens „einige Nostalgiker und Besserwisser“. Einer Sanierung stehe die Asbestbelastung von Dichtungen und Mineralputzen im Weg. Eine freie Fläche samt Tiefgarage hingegen ließe alle Optionen offen und biete Investoren etwas: Neue Angebote können entstehen und die Stadt Geld besser verwenden. Gutheil: „Wir könnten aus einer Herde lebender Pferde das aussuchen, das am besten läuft und auch noch einen Wagen ziehen kann.“ Montag gibt es Gespräche mit potenziellen Investoren.

Freie Wähler wollen Kurhaus in Bad Wildungen erhalten

Einen „schwerwiegenden, irreparablen Eingriff in die gewachsenen Strukturen des Kurviertels“ befürchtete Kira Hauser (Freie Wähler). Karola Plaßmann, Architektin des seinerzeit hoch gelobten Kurhauses, wäre über dessen Vernachlässigung entsetzt gewesen. Hauser befand, dass das Engagement eines Investors keinesfalls vom Zustand abhängen müsse. Und eine Sanierung sei allemal nachhaltiger als Abriss und Neubau. Sie brachte auch das Projekt „Zukunft Bad Wildungen“ ins Spiel: „Vor Beendigung des Projekts Masterplan sollten keine solch schwerwiegenden Entscheidungen getroffen werden.“

Imposant war das Kurhaus in Bad Wildungen mal - und könnte nach Meinung mancher Fraktionen wieder etwas werden.

Ergebnisse von „Zukunft Bad Wildungen“ abwarten

Dafür, dessen Ergebnisse abzuwarten, sprach sich auch CDU-Fraktionschef Marc Vaupel aus – auch wenn er selbst nicht die „eierlegende Wollmilchsau“ erwarte. Richtig funktioniert habe das Kurhaus nie, Hotelpläne habe die Pandemie durchkreuzt. Derweil wies er darauf hin, dass nach dem Abriss noch die Abdichtung der Tiefgarage anstehe, die sonst Schaden nehme. Die Kosten dafür müssten klar sein. Es sei ein halbes Jahr Zeit, um Fragen zu klären. Inwiefern Eindringlinge im Kurhaus die Stadt haftbar machen könnten, bezweifelte er: „Wer in ein Gebäude eindringt und sich den Arm bricht, oder auch den Hals, der ist irgendwie selber schuld.“

SPD sieht Kurhaus-Abriss als einzige Vernünfitge Entscheidung

Der Abriss des Kurhauses sei das Ende eines Stücks Stadtgeschichte, beklagte auch SPD-Fraktionschef Walter Mombrei. Angesichts veralteter Technik, nicht gewährleisteten Brandschutzes und der Asbestprobleme werde eine Sanierung teurer als ein Neubau. „Ein Investor will nicht unsere Nostalgie“, sagte er – sondern neu gestalten und Geld verdienen. Die „Seele“ des Kurhauses erhalten werde wohl nur, wer Geld der Stadt kriege. Die unterhalte aber schon zwei Wandelhallen. „Wenn man sich nicht von Emotionen leitet lässt, muss man zu dem Schluss kommen, dass wir nach 20 Jahren Ringen nur die vorgeschlagene Entscheidung treffen können.“

Grüne für Abriss, FDP will warten, Linke kritisiert Haltung

Unterstützung kam von Thomas Buch (Grüne): „Wie kann man sich den Argumenten verschließen? Lassen Sie uns das Ding abreißen.“ Der CDU warf er vor, rumzueiern: Den Abriss habe sie als erste ins Spiel gebracht, nun stehe sie wieder anders.

„Neben dem Heloponte ist dies das emotionalste Thema, das die Stadt vor sich herträgt“, befand Stefan Schraps (FDP). An eine Reaktivierung glaube er zwar nicht, aber ein Beschluss vor Abschluss des Plans und der Klärung weiterer Fragen sei nicht fair. Einen Abriss zumindest des laut Bürgermeister wegen Schimmels nicht zu rettenden Therapeutikums könne die FDP aber mittragen – da stimme auch Marc Vaupel zu.

Einen trostlosen Anblick bietet das Wildunger Kurhaus seit Jahren.

„Vielleicht ist die Grundeinstellung das Problem“, sagt Regina Preysing (Linke) – gerade die Erwartung eines kostendeckenden Betriebs: „Kultur bezahlt sich nicht, Bäder auch nicht. Darum kriegen wir ja den Bäderpfennig.“ Das Verhalten der Stadtverwaltung habe zu seinem schlechten Zustand beigetragen. Statt es wieder Einwohnern und Gästen zur Verfügung zu stellen, werde nur daran gedacht, sich einem Investor an den Hals zu werfen. „Ich sehe nicht, dass hier jemand für die Veruntreuung öffentlicher Mittel in die Verantwortung gezogen wird“, sagte sie – es raunte im Saal.

Weller: Kurhaus kein zentraler Bestandteil der WIldunger Pläne

Der wegen des „Masterplans“ wiederholt angesprochene Kulturamtsleiter Bernhard Weller erklärte schließlich, dass das Kurhaus im Plan eine Rolle spiele, aber keine zentrale. Bis zum Sommer könne er höchstens Ansätze liefern – wegen Corona konnten geplante Symposien nicht stattfinden. (wf)

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