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Vision in Klimakrise - Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft

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Von: Achim Rosdorff

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Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft
Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft © Wilhelm Heyne Verlag

Kim Stanley Robinson ist als Science-Fiction-Autor bekannt für seine Marsbesiedlungs-Trilogie. Sein neuestes Szenario widmet sich der Klimakrise. 

Eine neue Institution soll dabei für die zukünftigen Generationen der Welt eintreten, um deren Rechte umzusetzen. Mal spannend, mal dramatisch, mal hoffnungsvoll, mal unterhaltend widmet sich Robinson den Herausforderungen und Visionen einer Zukunft in Zeiten der Klimakrise.

In diesem Science-Fiction- Roman wird im Jahr 2025 ein Ministerium für die Zukunft gegründet. Der Grund: Nach allen Klimagipfeln muss man sich eingestehen, dass die Länder die selbst gesteckten Ziele nicht erreichen. Inzwischen schmilzt die Eisfläche des arktischen Ozeans. Indien leitet nach einer Hitzewelle mit 20 Millionen Toten den Umbau zu organischem Landbau ein, Öko-Terroristen schießen benzinbetriebene Passagierflugzeuge ab und versenken Containerschiffe, in der Antarktis pumpen Ingenieure Schmelzwasser unter Gletschern hervor, damit die wieder fest auf ihrem felsigen Untergrund sitzen und nicht ins Polarmeer rutschen.

Beängstigende Bilder

Die neue Behörde droht eine weitere zahnlose Institution zu werden, aber dann gelingt es ihrer Leiterin, die Zentralbanken vom Konzept der „Carboncoins“ zu überzeugen. Das geschieht nicht ganz freiwillig: so wird Mary Murphy, die Chefin des Zukunftsministeriums, von einem früheren Entwicklungshelfer, der die Hitze in Indien traumatisiert überlebt, mit der Waffe zum Zuhören gezwungen, um zu überzeugen, dass ihr Ministerium nicht genug tut. Carboncoins können Unternehmen für den Kohlenstoff bekommen, den sie nicht ausstoßen. Knapp 30 Jahre sinkt der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre, Wildtiere durchstreifen riesige Schutzgebiete, auf den Meeren wird Ware von Schiffen mit Fotovoltaik-Segeln transportiert.

So endet der Roman hoffnungsvoll, aber zu welchem Preis! Die Umgestaltung ist das Ergebnis zäher Prozesse, von Kräften, die irgendwann doch ineinandergreifen. Robinson montiert dazu Sitzungsprotokolle der UN-Behörden, wirtschaftstheoretische Ausführungen, philosophische Dialoge und innere Monologe namenloser Protagonisten. Dazu gehören etwa ein Besuch des Weltwirtschaftsforums, dessen Teilnehmer als Geiseln genommen werden, oder eine Bewohnerin von Los Angeles, die im Kanu durch die überschwemmte Stadt paddelt. Nicht zuletzt wirft die Sonne einen Blick auf die Erde. So entsteht eine Collage, die viel Platz für Denkräume lässt. Die Protagonisten werden dabei zwar gut charakterisiert, wachsen einem aber dennoch nicht wirklich ans Herz, weil man vielmehr mit den erschreckenden Entwicklungen auf der Erde „leidet“.

Am Ende glaubt man nicht, dass man soeben 700 Seiten „verschlungen“ hat, ohne dass etwas wirklich Gravierendes oder Spektakuläres stattgefunden hat. So ist der Roman keine Handlungsanweisung, sondern ein Ausloten von Dynamiken, die aus einer Welt der Beharrungskräfte eine der Veränderung machen könnten. Eine Warnung, die sich schlichtweg um Fakten kümmert.

Bis auf den beeindruckenden Einstieg mit der Hitzewelle in Indien konfrontiert uns Robinson mit dem verzweifelten Kampf gegen die vom Menschen selbst verursachte Bedrohung und spielt mit verschiedenen Lösungsmöglichkeiten. Dr. Helmut Schaaf für die Christine Brückner Bücherei Bad Arolsen

Info

Das Ministerium für die Zukunft. Roman. Wilhelm Heyne Verlag, München 2021. 716 S., br., 17 Euro.

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