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Klinik Hoher Meißner investiert in Ausstattung für Patienten

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Von: Konstantin Mennecke

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Contergan-Patienten in der Fachklinik Hoher Meißner in Bad Sooden-Allendorf
Hell und mit ausreichend Platz für Barrierefreiheit: Die neuen, aktuell teils noch im Bau befindlichen Zimmer bieten auch auf den Patienten individuell zugeschnittene Lösungen. © Konstantin Mennecke

Es sind die kleinen alltäglichen Dinge, über die man nicht weiter nachdenkt: Das Öffnen einer Tür, das Anziehen von Badehose oder Badeanzug oder der Toilettengang. Was für Menschen ohne Handicap als eine Selbstverständlichkeit erscheint, ist für Contergan-Patienten eine Herausforderung. Diese Hürden gibt es nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern auch bei einer Reha.

Die Klinik Hoher Meißner, bei Contergan-Patienten bundesweit und darüber hinaus bekannt, hat sich dazu jetzt mit der Contergan-Stiftung ausgetauscht und Netzwerkarbeit betrieben – ziemlich genau 65 Jahre, nachdem am 1. Oktober 1957 das Beruhigungsmittel Contergan auf den Markt kam.

Die Klinik Hoher Meißner

Die Klinik Hoher Meißner ist für Contergan-Patienten bundesweit eine bekannte Adresse, wie Margit Hudelmaier für den Stiftungsvorstand berichtete. Ursache für diesen Bekanntheitsgrad ist die spezialisierte Ausstattung der Fachklinik für Rehabilitation mit den Fachabteilungen Orthopädie/Unfallchirurgie und Neurologie in Bad Sooden-Allendorf.

Das Haus bietet seit vielen Jahren in ihren Zimmern funktionale, aber dennoch moderne Möbel und Sanitäreinrichtungen, die auf die Bedürfnisse von Contergan-Patienten ausgerichtet sind.

Spezialisierung auf Contergan-Patienten

Einfach ist diese Form der Spezialisierung aber nicht. „Jede Patientin und jeder Patient hat zuhause seine ganz eigenen Hilfsmittel, um den Alltag zu meistern“, erklärt Hudelmaier. In Verbindung mit den ganz individuellen Einschränkungen sei dies eine Herausforderung.

Gemeinsam mit dem Klinik-Personal um Chefarzt Dr. Volker Stück als Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Geschäftsführer Christopher Leeser möchte man noch mehr auf die Bedürfnisse dieser Personengruppe eingehen.

Eines von vier multidisziplinären medizinischen Kompetenzzentren

2020 wurde das Haus zu einem von vier multidisziplinären medizinischen Kompetenzzentren ernannt. Die Grundlage dafür bildeten 2018 Gespräche der Contergan-Stiftung mit Geschädigten über die Anforderungen für die Zentren. Diese Zahl – mittlerweile sind es acht – soll weiter steigen. Dafür sucht die Stiftung noch zwei weitere Einrichtungen im Westen und Süden, also in den Bereichen Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie Bayern und Baden-Württemberg.

Behandlung von Contergan-Geschädigten

In Bad Sooden-Allendorf hat man mit der Behandlung von Contergan-Geschädigten aber schon deutlich früher begonnen. In den 1990er-Jahren kamen die ersten Patienten in die Kurstadt. „Wir haben dafür eine Abteilung gegründet und Mitarbeiter ausgebildet. Bei diesen Patienten war das Sammeln praktischer Erfahrungen entscheidend, dadurch konnte man viel lernen“, betont Chefarzt Stück.

Zu wenige Ärzte kannten sich mit den Folgen des Beruhigungsmittels Thalidomid aus, das insbesondere in den 1960erJahren bei Kindern für Fehlbildungen sorgte. Die heute knapp 2500 Contergan-Geschädigten können seit 2013 in der Klinik in Bad Sooden-Allendorf auf elf besondere Zimmer zurückgreifen, die mit verschiedenen Hilfsmitteln ausgestattet sind. Dazu gehören unter anderem Dusch-Toiletten, absenkbare Kleiderbügel und Ganzkörper-Föne.

„Der Markt ist auf diese Personengruppe gar nicht ausgelegt“, betont Dr. Stück. Dafür sei die Zahl der Betroffenen zu gering. „Die Würde des Menschen müssen wir, solange es geht, mit technischen Helfern bewahren“, betont Geschäftsführer Leeser. Dafür setze man sich ein.

Außenansicht der Fachklinik Hoher Meißner in Bad Sooden-Allendorf.
Blickfang: Außenansicht der heilenden Räume in der Klinik Hoher Meißner. © CHRIS CORTIS

Die Wicker-Gruppe investiert aktuell fünf Millionen Euro in den Umbau und die Modernisierung der Klinik Hoher Meißner. Diese Investition in 15 besonders komfortable Zimmer kommt dabei auch den Contergan-Geschädigten zu Gute.

Die Behinderungen unterscheiden sich bei den Betroffenen. Viele von ihnen sitzen im Rollstuhl – alle leiden aber unter orthopädischen Einschränkungen.

Die Ursache dafür liegt auf der Hand: Contergan-Geschädigte wurden nach eigenen Angaben ihr Leben lang „auf das Funktionieren getrimmt“. Ein konkretes Beispiel dafür: Viele Betroffene haben lernen müssen, sich mit den Füßen die Haare zu waschen. Dafür ist der Bewegungsapparat nicht ausgelegt, ihr Körper altert schneller.

Diese Schäden – manche medizinische Probleme wie verwachsene Wirbel werden erst durch die Ärzte in der Klinik bemerkt –werden vor Ort behandelt.

In der Ergotherapie werden die Patienten unter anderem bei der Wahl der täglichen Hilfsmittel beraten. Dabei lernt das Haus selbst auch Neues, bündelt diese Informationen und stellt einen Katalog mit Alltagshelfern, darunter einarmig bedienbare Dosenöffner, Anziehhaken und mehr zur Verfügung.

Behandelt werden die Betroffenen unter anderem durch funktionelle Weichteilbehandlung. Die Klinik Hoher Meißner hat kurz vor der Pandemie erstmals mehr als 100 Contergan-Patienten innerhalb eines Jahres behandelt.

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